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Creative Commons: Gemeinsam, aber doch nicht zu gemeinsam

Don Alphonso hat in einem Beitrag in der Blogbar dargelegt, "Warum ich Creative Commons nicht mehr unterstütze." Er hält Creative Commons für "so eine Art Deppenaufkleber" in bestimmten Fällen, die er genauer ausführt. Das entspricht auch im wesentlichen meiner Erfahrung. Ich bin mir nicht sicher, ob diese kryptischen Zeichenkombinationen zur Erklärung der Freiheiten, die man Nutzern gegebenenfalls gewährt, wirklich verstanden werden. Was heißt CC-BY-NC-ND 3.0? Und was bedeutet es. Ein Erwin fragt das in den Kommentaren dort und erntet Undank. Aber Erwin hat Recht.

Auch praktisch ist vor allem die Weitergabeerklärung nicht so einfach wie man denkt, die Rechtevererbung. Im Netz mag das gehen, aber im Printbereich kann man eben nicht einfach mit dem Finger über die Seite gehen und dann bappt ein Memozettel auf. Normalerweise genügt ja beispielsweise: Foto: Julius Cäsar (und aus). Man kann sich fragen, ob ein einfaches CC-BY-NC-ND 3.0 (oder eine der zig anderen möglichen Varianten) hinten ans Bild genügt. Nach Erfahrungen, die Bekannte mit CC-Lizenzen gemacht haben, scheint das eher nicht der Fall zu sein, d.h. nicht zu genügen. Statt Julius Cäsar muss dann, so wurde gewünscht, stehen, unter welchen Bedingungen dieses Bild weitergegeben werden darf etc. pp.. Ein Affenschwanz an Lizenz. Nach dem alten Modell bekommt der Autor seine Namensnennung und einen Scheck (oder eine Überweisung).

Und etwas weiteres ärgert mich bei den Urheberrechtlern in den DA-Kommentaren. Sie begreifen vielfach nicht, dass CC zwar die Mölglichkeit der Gängelung vorsieht, dies aber nicht ursprünglich dafür gedacht war. Denn da hat man ja die alten Techniken sowieso für. Es ging um die Weitergabe von Freiheiten an der Nutzung. Viele beschäftigen sich nun vor allem damit, wie man "Verstöße" ahnden kann, wie man "Rechnungen" schreibt: kurz, wie man jemandem was kann, wenn er willentlich oder unwillentlich gegen was verstößt, was bei den nicht einfachen Formulierungen der CC-Lizenzen ja nicht so schwer ist - alldieweil das Deutsche Urheberrecht in Deutschland ja trotzdem noch greift (CC ist nicht neben dem Urheberrecht, sondern ein Verfahrensform des Umgangs mit den eigenen Nutzungs- und Verwertungsrechten). Kurzum: CC-Lizenzen scheinen in bestimmten Kreisen geradezu fallstrickreich zu sein. (Zum Beispiel bei nc [noncommercial], wann ist etwas kommerziell, wann nicht, wer entscheidet das, du oder ich oder ein Gericht?) Das ist das ganz gewöhnliche Urheberrecht klar im Vorteil, zumindest, was die Geschichte des Nutzens oder Verwertens angeht.Denn das ganze Gerede um die gemeinsame Kultur ist auch nur Gerede, gemeinsam, aber doch nicht zu gemeinsam.

Oder letztes Beispiel:

"Unter den oben genannten Bedingungen  erfolgt die Lizenz auf unbegrenzte Zeit (für die Dauer des Schutzrechts). Dennoch behält sich der Lizenzgeber das Recht vor, den Schutzgegenstand unter anderen Lizenzbedingungen zu nutzen oder die eigene Weitergabe des Schutzgegenstandes jederzeit zu beenden, vorausgesetzt, dass solche Handlungen nicht dem Widerruf dieser Lizenz dienen (oder jeder anderen Lizenzierung, die auf Grundlage dieser Lizenz erfolgt ist oder erfolgen muss) und diese Lizenz wirksam bleibt, bis Sie unter den oben genannten Voraussetzungen endet."

Was das alles bedeutet? Man kann im Prinzip eine einmal getroffene Lizenzierung nicht mehr ändern, aber man kann den Gegenstand die Lizenz gewissermaßen entfernen, aus dem Umlauf bringen. Vor allem die Art, nachzuweisen, wie wann wer vielleicht doch mal die Lizenzbedingungen geändert hat, auweia, das öffnet dem Abmahnwilligen Tür und Tor.

Es gehört zu meinen Überzeugungen mittleweile, dass "die" Kultur nicht an den großen Institutionen scheitert sondern immer mehr aus der Mitte der Nutzer heraus zerstört wird. Von einfachen Ausbeutern des Systems wie von Gesetzesspießgesellen, die bei dem ganzen überhaupt keinen Spaß verstehen und um die heilige Kuh des geistigen Eigentums anbeten (hey dasn Pressfoto für Lesungsauftritte und gültig vom 1.1.2006 bis 2.6.2006, danach darf das Teil nicht mehr verwendet werden, jegliche Veröffentlichungserlaubnis wird zurückgenommen, alte Exemplare von Erzeugnissen, die dieses Foto verwenden müssen eingestampft werden, digitale Archive müssen dieses Foto entfernen – kennt man ja). Hegel und Kant, die hatten es noch gut, die kannten "nur" die Angst vor Plagiaten.

Wenn man ehrlich wäre, müsste man noch eine weitere Lizenzform einführen, die besagt: "Erst mal darfst du nichts. Wenn du aber trotzdem das Zeug nutzen willst, dann schreib mich an und frage mich um Erlaubnis. Ich entscheide das Fall für Fall (zu welchen Konditionen …)." Das würde dann auch ermöglichen, eine kommerzielle Nutzung zu gestatten, wenn man die Leute mag, die es verbreiten oder anderes oder gerade nicht. Dann wäre zumindest die Rechtssicherheit wieder etwas besser hergestellt.

Nebenbemerkung: In einer CC-Mailingliste werden diese Themen immer wieder einmal diskutiert – weitaus weniger gereizt als im Long Tail bei DA.

Anhang (verständliche Formulierungen):

  • Das Commons Deed ist eine Zusammenfassung des Lizenzvertrags in allgemeinverständlicher Sprache.
  • Im Falle einer Verbreitung müssen Sie anderen die Lizenzbedingungen, unter die dieser Inhalt fällt, mitteilen.
  • Jede dieser Bedingungen kann nach schriftlicher Einwilligung des Rechtsinhabers aufgehoben werden.
  • Nothing in this license impairs or restricts the author's moral rights.

Kommentare

Darauf kann eben keiner bauen - ich selbst hab da echt auch manchmal solche Bedenken, dass mir einer irgendwann mal das Setzen von Links auf kommerzielle Angebote als kommerzielle Nutzung auslegt, obwohl dies nicht einmal im Kontext selbst geschieht. Genau diese Angst spielt bei vielen Nutzern ja auch mit. Und ich versteh auch die Argumentation nicht, dass die CC undurchsichtig wäre: Eher im Gegenteil, wenn ich mir das Konstrukt Urheberrecht und alle damit verbundenen Rechtsauslegungen und Rechte anschaue, da stellen sich mir oft genug die Nackenhaare auf. Vor allem auch in Hinblick darauf, wie massiv da derzeit seitens der Verwertungsindustrie auf Änderungen gedrängt wird. Ich hege lediglich noch die Hoffnung, dass sich da eine Gemeinschaft abseits dieses Verwertungswahns herausbilden kann und unterstütze dies nach meinen Möglichkeiten, wo es geht.

"Wenn man ehrlich wäre, müsste man noch eine weitere Lizenzform einführen, die besagt: (...)"

Diese Lizenzform gibt es bereits und die nennt sich: "Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte". Dir steht es nach diesem Gesetz frei (siehe §§ 31 ff UrhG), beliebigen Leuten zu (mehr oder minder) beliebigen Bedingungen Nutzungsrechte einräumen oder auch nicht.

CC (und die sonstigen Lizenzbedingungen) vereinfachen solche Nutzungsrechtseinräumungen durch standardisierte Formulierungen, die Klarheit für Urheber und Nutzungsrechtsinhaber bringen (ggf. bringen sollen).

Dass sich Urheber und Nutzungsberechtigte mit dem Thema beschäftigen müssen ist kein "Problem" der CC-Lizenz, sondern Folge der gesetzlichen Bestimmungen zur Einräumung der Nutzungsrechte und der verschiedenen Wünsche der Rechteinhaber (kommerzielle Nutzung oder nicht, etc.).

Das größte Problem bei der CC seh ich tatsächlich auch in der vollkommen unterschiedlichen Auslegung, was denn nun der Part "non-commercial" eigentlich zu bedeuten hat. Ich für mich neige ja zu der Auffassung, dass dies schlicht heisst, das mit dem eigentlichen Werk kein Geld verdient werden kann. Das Drumherum stört mich da selbst weniger, aber Andere wiederum schon, wenn im Kontext dazu ein Werbebanner auftaucht. Und ja, die Mitte der Gesellschaft machts einem da echt schwer bei. Geht halt doch immer wieder nur um Geld und Ruhm.

Ach Dominik, wenns denn so einfach wäre. Wenn ich erstmal alles verbiete, dann ist auch nichts erlaubt. Außer: Zitat, ggf. Zwangslizenz, etc. pp. Das alles ist im Fluss, wie als man aus dem Bearbeiter-Urhberrecht ein Verwertungsrecht gestrickt hat (60er/70er Jahre).

Dem ausübenden Künstler steht nunmehr anstelle eines Urheberrechts ein Leistungsschutzrecht zu, das zwar an das Urheberrecht angelehnt, in der Sache aber abweichend geregelt ist. Das Gesetz gewährt ihm für die unmittelbare Dar­bietung – z. B. durch Bildschirm- oder Lautsprecherübertragung, Life-Sendung oder Aufnahme auf Bild- oder Tonträger – ein aus­schließliches Verwertungsrecht; Dritte dürfen seine Leistung nur mit seiner Einwilligung verwerten (vgl. §§ 74, 75 Satz 1 und § 76 Abs. 1 UrhG). Bei der mittelbaren Benutzung der Darbietung, d. h. der Verwendung von Bild- oder Tonträgeraufnahmen zur Funksendung und für öffentliche Wiedergaben, hat der Künstler einen Vergütungsanspruch (§ 76 Abs. 2, § 77 UrhG); die Verviel­fältigung von Bild- und Tonträgern ist nur mit seiner Einwilli­gung zulässig (§ 75 Satz 2 UrhG). (Beschluß des Ersten Senats vom 8. Juli 1971 - 1 BvR 766/66)

Falk, dir würde ich da unbedingt zustimmen. Mit dem "eigentlichen" Werk, aber möchte man darauf seinen Arsch verwetten?

Auch hier will ich zustimmen. CC ist an sich wirklich klar. An sich. Im Umgang damit wirds von Fall zu Fall leider kompliziert (wie bei kommerzieller Nutzung hin und her).

Und auch das aktuelle Urheberrecht ist alles andere als einfach, wer wollte das leugnen. Ich finde es ach gut, wie und dass du CC unterstützt. Im Nachhinein musste ich viel drüber nachdenken, was DA mit "unterstützen" wohl gemeint haben könnte.

Doch das Schlimmste daran ist die Erzeugung von Rechtsunsicherheit, sei es durchs Recht selbst oder durch CC oder seine Auslegung. Mir geht es wie dir: Soll ich einen Link setzen, soll und darf ich bei DA oder Marius Sixtus kommentieren. Ich versuche dem durch Vermeidung aus dem Weg zu gehen und mich an "gewohnte" Partner zu halten. Das ist eigentlich schade. "Geld und Ruhm" erwähnst du. Da ist die neue Welt nicht besser als die alte, wie mir scheint; aber vermutlich liege ich im Groben damit falsch.

Die Rechtsunsicherheit entsteht aber, wie eigentlich auch wieder in der Diskussion bei DA sichtbar wird, nicht durch die, welche Dinge wie freie Kultur oder CC unterstützen und fördern, sondern durch die, welche ihre Auslegung und immer noch die "alte Denkweise" zum eigenen Vorteil haben. Insofern scheitert das nicht an den Protagonisten solcher Möglichkeiten, sondern an den Konservativen, sprich, der Mitte der Gesellschaft.

Da möchte ich nun aber doch widersprechen. Mir bereitet es gar kein Vergnügen, manche Kommentare von DA und anderen zu lesen. Allein wenn ich den Kommentarhinweis von DA lese: Übersetzt: Warte nur Bürschchen, mach bloß keinen Fehler jetzt sonst kostet das dich 999 Euro + und etc. Dr. Dean räte an anderer Stelle zu "Ea" Unterlassungserklärung, doppeltem Zeilenhonorar und ich weiß nicht noch was.

Mit befreiter Kultur, auch nur im geringsten damit, worin man sich befindet zu sehen? Keine Chance. Das hat teilweise wirklich etwas von Verfolgungswahn.

Wenn ich mich darüber aufregen müsste, was mit meinem "geistigen Eigentum" irgendwo anders passiert? RSS-Feed-Klau, Zitate ohne Quelle, Übernahmen ohne Anfrage oder Honorar etc. pp. und das dann lauthals in "meinem" Blog beklagen würde, achgottogott. Was soll an denen besser sein als an IFPI und anderen.

Ich habs hier an anderer Stelle schon mal versucht, darzulegen, als ich mit Serres von den Piraten des Wissens sprach.

Da sind wir aber gleicher Meinung. Mit Protagonisten meinte ich andere Leute ;) Freie Kultur entsteht auch durch Verzicht auf den eigenen Vorteil. Denn nur wer bereit ist, viel zu geben, wird irgendwann auch etwas bekommen. Und nicht anders rum.

So sehe ich es auch. (Himmelherrgootnochmal, es ist recht schön, wenn mindestens wir uns darüber nicht streiten müssen - obwohl es auch gut ist, so darüber zu streiten.)

Manchmal scheint mir die Lust an der Konfrontation nur dem Zweck des Streits zu dienen.

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