Lichtenstein und Benjamin

Unter dem Titel “Plagiatoren” habe ich einen Text von Alfred Lichtenstein wiedergegeben. Nun habe ich noch etwas weiter gelesen und durfte feststellen, dass dieser Autor Jura zu studieren pflegte und eine Dissertation verfasste mit dem Titel: “Die rechtswidrige öffentliche Aufführung von Bühnenwerken”, was mich neugierig macht. Damals gings Studieren jedenfalls schneller, denn schon 1913 erschien dieses Werk, nachdem er 1909 sich immatrikulierte. Sehr alt wurde Lichtenstein ja nicht. Mit 25 Jahren wurde er an der Westfront verjuxt. Alfred schrieb danach: “Er muß nach Mitteilungen, die Franz Pfemfert empfing, eines fürchterlichen, verlassenen, qualvollen Todes gestorben sein.”

Frühling

Alle Männer sind jetzt gierig,

Alle Weiber schrein,

Ducke dich in deinen Buckel,

Bleib allein –

Walter Benjamin hat ihm ein paar Zeilen 1931 in einer Kästner-Besprechung gewidmet:

... lange ehe der Ararat der Goldmark als einziger Gipfel aus der Flut ragte, bis auf den letzten Platz von Freßsack, Gürtelpelz und Naschkatz besetzt, hatte Alfred Lichtenstein, der in den ersten Tages des Krieges gefallen war, jene tristen und aufgeschwemmten Figuren ins Blickfeld geführt, für die Kästner die Schablone gefunden hat. (...) Der Friede kam dann – jene Absatzstockung der Menschenware, die wir als Arbeitslosigkeit kennenlernen. Und Selbstmord, wie ihn Lichtensteins Gedichte propagieren, ist Dumping, Absatz dieser Waren zu Schleuderpreisen.

Eine starke Beobachtung und Analyse, eines Mannes, dessen Schicksal ihm zu dieser Zeit nicht bekannt sein konnte, dessen analytische Kraft heute dringend nötig wäre.

Der Morgen

... Und alle Straßen liegen glatt und glänzend da.

Nur selten hastet über sie ein fester Mann.

Ein fesches Mädchen haut sich heftig mit Papa.

Ein Bäcker sieht sich mal den schönen Himmel an.

Die tote Sonne hängt an Häusern, breit und dick.

Vie fette Weiber quietschen spitz vor einer Bar.

Ein Droschkenkutscher fällt und bricht sich das Genick.

Und alles ist langweilig hell, gesund und klar.

Ein Herr mit weisen Augen schwebt verrückt, voll Nacht,

Ein siecher Gott ... in diesem Bilde, das er vergaß,

Vielleicht nicht merkte – Murmelt manches. Stirbt. Und lacht.

Träumt von Gehirnschlag, Paralyse, Knochenfraß.

Sämtliche Zitate aus: Alfred Lichtenstein: Dichtungen, hg. v. Klaus Kanzog und Hartmut Vollmer, Zürich 1989.

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