Vergleichbar?

Die meisten Zahlen sind zwar ohnehin vielen Menschen bekannt, aber dennoch ist es – zumindest für mich – überraschend, wie die Schwerpunkte einer Kultur- und Bildungspolitik gesehen und gesetzt werden. Sonntagsreden und Montagshandeln hat sich dafür als Terminus technicus eingebürgert.

Regelsatz nach ALG II für Kinder unter 14 Jahren für Sport- und Freizeitveranstaltungen im Monat: 2,78 €1
Kosten für einen einstündigen Instrumentalunterricht in der Woche an einer Musikschule oder einem privaten Musikerzieher im Monat: 80,– €

Regelsatz nach ALG II für Kinder unter 14 Jahren für Essen und Trinken am Tag: 2,62 € (956,30 € p.a.)2
Studiengebühren in Niedersachen pro Semester: 500,– € (1.000,– € p.a.)

Regelsatz nach ALG II für Kinder unter 14 Jahren für Schuhe im Jahr: 43,85 €
Kosten für eine Klassenfahrt, 10. Jahrgangstufe Gesamtschule in Berlin Zehlendorf: ca. 450,– €

Täglicher Fernseh-, Internet und Computerspielkonsum eines Zehnjährigen in Norddeutschland aus bildungsferner Einwandererfamilie am Wochenende in Minuten: 340

Täglicher Fernseh-, Internet und Computerspielkonsum eines Zehnjährigen in Süddeutschland aus deutscher Familie, in der mindestens ein Elternteil Abitur hat, am Wochenende in Minuten: 543

Da stimmt weder das Gefüge, noch scheinen mir die Weichen für eine zukünftige Bildungspolitik richtig gesetzt. Die Frage ist aber vor allem, was kann man tun, damit sich da etwas wirklich zum Besseren ändert.

Wenn man mal den Faktor Instrumentalunterricht anschaut, so entwickln sich an verschiedenen Stellen gewisse Initiativen wie "Jedem Kind ein Instrument" (Nordrhein-Westfalen). Wie weit das gediehen ist, kann man dort nachlesen. Irgendwie ist die Bundeskulturstiftung mit involviert. Dennoch bleibt die generelle politische Initiative außen vor. Kinder von ALG-II-Empfänger bleiben von Gebühren befreit, für die andern läuft es auf 20 bis maximal 35 Euro hinaus. Aber es ist ja nicht nur eine Frage des Geldes, so wichtig dieser Faktor weiterhin bleibt. Denn das Umfeld muss auch mitspielen und die Förderung angenommen werden.

Anteil der Zehnjährigen, die für das Gymnasium empfohlen werden und deren Eltern maximal einen Hauptschulabschluss haben, in Prozent: 4

Anteil der Zehnjährigen, die für das Gymnasium empfohlen werden und von denen mindestens ein Elternteil Abitur hat, in Prozent: 724

Besser, man macht etwas, bevor man gar nichts macht. Das ist schon richtig. Aber meines Erachtens kann dies am Ende auch zu einer bloßen Kosmetikübung werden: Ein nettes Feigenblatt, um weitergehende Strukturänderungen abzuwehren.

  • 1. Georg Rammer, Kinder haben Rechte – auf Armut?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2008, Heft 7, S. 11.
  • 2. Georg Rammer, Kinder haben Rechte – auf Armut?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2008, Heft 7, S. 11.
  • 3. Die Welt in Zahlen, in: Brand eins Wirtschaftsmagazin, 2008, Heft 5, S. 10.
  • 4. Die Welt in Zahlen, in: Brand eins Wirtschaftsmagazin, 2008, Heft 5, S. 10.

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Kommentare

Diese Zahlen machen mich

Diese Zahlen machen mich stinksauer. Und ich frage mich allmählich, was wirklich hinter dieser Strukturänderungs-Vermeidung steckt. Geld ist natürlich ein Faktor - aber eben nur ein einzelner. Ich zumindest bekomme so langsam den Eindruck, daß Chancengleichheit politisch nicht einmal mehr angestrebt wird. Weil Menschen, die sowieso keine Chancen haben (und das auch wissen), leichter zu verwalten sind?

Diese Zahlen sind sehr

Diese Zahlen sind sehr deutlich und frustrierend, da geb ich Dir recht. Der Berliner Bezirk, in dem ich lebe, hat zumindest bei den Klassenfahrten seine Ziele den Möglichkeiten angepasst - 130 Euro pro Kind und Woche, kein Taschengeld, nahes Brandenburger Umland. Musik gibts in städtischen Musikschulen, der Sportveren kostet pro Kind und Monat 16 Euro - alles zuviel bei ALG II, aber machbar bei knapp über Armutsgrenze. Bildung ist kein Grundrecht in D., sondern ein Privileg, für das es obendrein keine Lobby gibt.

Prenzlauer Berg.

Prenzlauer Berg. Elternschaft ist hier gemischt, aber die Wohlhabenden nehmen zu, man merkt das an Kleinigkeiten.

An eine Gegenlobby will ich lieber nicht glauben, hier im Bezirk hat einfach niemand Lust, irgendetwas zu ändern, Verantwortung zu übernehmen, irgendeine Sache längerfristig zu planen, also länger als Wahlperioden und Zuständigkeiten. Es gibt einen Haufen von Fehlentscheidungen, die für sich genommen nachvollziehbar sind, aber im Zusammenhang die Misere verschärfen.

Was man tun kann? Gegen diese einzelnen Fehlentscheidungen kämpfen, aber das Aufräumen ist immer schwierig. Hier sollte zum Beispiel ein mit EU-Mitteln geförderter Umbau einer verfrüht geschlossenen Grundschule (die Kinder waren schon geboren, die die Schule gebraucht hätten, aber sie waren eben noch nicht schulpflichtig, und der Jahresetat zählte) zu einer großen Musikschule wieder rückgängig gemacht werden, womit man dann die beiden "Guten" (Eltern und Musikliebhaber) gegeneinander aufgebracht hat- und es war juristisch blödsinnig, das EU-Geld hätte zurückgezahlt werden müssen, der Bezirk sagte: WIr haben es versucht, jetzt gibt es eben erstmal keine Schule. Sehr lustig. Gleichzeitig sollten stellenlose Gymnasiallehrer in der Grundschule eingesetzt werden, um mehr Kinder unterrichten zu können - auch dagegen muss man dann vorgehen. Mehr Lehrer gibt es immer noch nicht. Und so weiter. Es ist mühsam.

Na, warten wir mal, bis der

Na, warten wir mal, bis der Kerosinzuschlag bekannt gegeben wird. Ich möchte wetten, wir landen noch oberhalb der 500 Euronen für die o.g. "Klassenfahrt" an den spanischen Discostrand.

Hauptsache chillen. Lernen ist ja sowas von Nebensache...
...meinen die Lehrer.
(Vielen der Schüler hätte eine Fahrt nach z.B. Usedom ja gereicht.)
Übrigens: Die Klos an dieser Schule kann man nicht betreten und die Abwässer sickern ab und zu durch die Decke der unteren Klassenräume. Das nur mal so nebenbei...

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