Flasche leer - Anzeige gegen bekannt

Der Komponist, Musikwissenschaftler, Journalist und sonst noch was, Arno Lücker, hat in einem Konzert vor zwei Tagen einem Zuhörer, nachdem dieser permanent während der Aufführung seiner Komposition gestört hat, danach mit Wasser übergossen. Kulturtechno, Johannes Kreidler, zieht vor ihm seinen Hut.

Ich hatte gestern die Möglichkeit, mit Arno Lücker über den Vorfall zu sprechen. Es handelte sich um ein Konzert mit Schülern, die offenbar gerade Abitur machen. Der Schüler soll permanent gegackert und auch sonst sich nicht gerade still verhalten haben. Bei dem Stück kommt auch ein Eimer mit Wasser zu Einsatz, vermutlich um darin den Trichter eines Alphorns hineinzutun. 

Ich finde Lückers Reaktion sehr mutig und in gewissem Maße auch gerechtfertigt. Mag sein, dass man die Sache auch anders hätte lösen können. Andererseits finde ich die Aktion deshalb schon gut, weil sie dem Störer begreiflich machen kann, dass sein Verhalten eben nicht okay ist; sowohl der Musik wie auch anderen Zuhörern gegenüber. 

Mittlerweile passiert wohl, was ich vermutet habe, dass der Betroffene erwägt, Anzeige gegen den Komponisten zu erstatten wegen Körperverletzung. So macht man das eben heute. Man verschiebt eigene Probleme ins System des Rechts, wo es doch um andere Fragen geht. Nämlich um Fragen des Respekts beispielsweise.

Andererseits stört sich kaum jemand an der Tatsache, dass beispielsweise das existierende Schulsystem in viel umfangreicherem Maße körperverletzend ist, wenn man Joachim Bauer glauben darf, der sagt, dass heute über 50 Prozent aller Schulpflichtigen unter chronischen Gesundheitsbeschwerden leiden würden (obwohl er dahingestellt lässt, ob dies allein kausal mit dem Schulsystem zusammenhängt; mindestens ist es in vielen Fällen jedocch mit ein Grund dafür).

Da hier die Körperverletzer sehr viel abstrakter zu fassen sind, müsste man ins Recht ausweichen und sämtliche Bildungsminister und die Kulturministerkonferenz vor den Kadi zerren; da ihre Entscheidungen genau zur Verschärfung der Situation beitragen.

Die Maßstäbe stimmen eben nicht mehr.

Kommentare

Wasser als Material – Im Meer der Töne

Ich bin zutiefst beeindruckt über den kreativen Umgang von Komponisten mit Wasser im frühen 21. Jhd. Spontan fiel mir die "Water Passion" von Tan Dun (UA 2000) als Beispiel ein. Die Aktion von Arno Lücker geht aber noch weit darüber hinaus.

Noch mehr wundere ich mich aber über einen spießbürgerlichen Konzertbegriff der Komponisten unserer Zeit. Und das, wenn ich mir vor Augen führe, dass z. B. zu G. F. Händels Zeiten während Opernaufführungen gegessen und getrunken wurde. Soviel zum Thema "störungsfreier" Konzertbetrieb.

Und worin die eigentliche "Störung" bestand, darin scheinen zwischen Herrn Lücker und dem "Begossenen" offensichtlich erhebliche Diskrepanzen bestehen.

Wenn man den Komponisten als

Wenn man den Komponisten als Dienstleister versteht, dann hat er keine Ansprüche darauf, gehört zu werden. Aber will man das. Ich erinnere dann gerne an Ornette Coleman Einwurf Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, der seinem Publkum entgegenwarf (und sich selbst) "Let's play the music, not the background," Oder dass Arnold schönberg unter dem Eindruck solcher Störungen den "Verein für musikalische Privataufführungen" ins Leben gerufen hat.

Anzeige leer - Flasche bekannt

Lieber Martin,

 

ich bin es. Der Attentäter höchstpersönlich. Vielen Dank für den gezogenen Hut :-)

 

Nur eine kleine Korrektur: Es war nicht mein eigenes Werk, das gestört wurde. In meine Ästhetik ist seit einiger Zeit so etwas wie lautstarke Resignation eingezogen, deshalb sind meine Stücke nicht gerade leise, so daß man das Publikum im besten Falle überhaupt nicht hört... Also konnte man während der Aufführung meines Werkes für Trompete und Elektronik die Zuschauer nicht hören.

Ich habe die Eimer-Aktion deshalb gebracht, weil der Schüler sich die ganze Zeit (und nicht nur etwa zu Beginn des Konzerts; das wäre ja verständlich gewesen; Laien sind eben zurecht verwundert, wenn jemand in ein Alphorn bölkt... aber selbst der nur Resthirn besitzende Konzertbesucher fängt irgendwann an, zuzuhören und sich bei dem bunten Treiben auf der Bühne etwas zu denken. Und wenn es nichts zu denken gibt, dann denkt er sich eben: gibt nichts zu denken, genieße ich es einfach!) - und vor allem während der sehr leisen Stücke - darin gefiel, halblaut zu reden.

Der benässende Anschlag meinerseits war also nicht dem Ärger über die (gelungene!) Aufführung meines eigenen Werkes geschuldet, sondern der Genervtheit über den Tot der anderen (leiseren) Stücke...

 

Liebe Grüße,

 

Arno

Na das ist doch superb! Wenn

Na das ist doch superb! Wenn jetzt noch der Wasserlappen sich melden würde?

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