Wir wissen nicht, wohin die Reise der Piraten geht. Die Politik hat eigene Regeln. Die Piraten werden nicht umhin kommen, ihre Politikideale in der realen Politikwelt zu evaluieren. Intransparente Politikgestaltung ist ein Schaden, keine Frage; Dauertransparenz kann aber auch in Selbstdarstellungsorgien und Selbstüberwachungsneurosen enden. Irgendwie muss praktische Politik ihren Standort neu bestimmen: Zwischen Hinterzimmer-Klüngelei und dauerabgehörtem Glaskasten. Es würde schon genügen, wenn die Durchlässigkeit der Politiksysteme sich erheblich steigerte. Momentan ist es doch nicht die Masse, die tyrannisiert, sondern der Kopf des Systems. Wenn man hört, dass für einen Rundfunkintendanten das Urteil seines Rundfunkrates völlig unmaßgeblich sei, dann weiß man, dass solcherlei Politik- und Kulturverständnis auf die Dauer sowohl die internen Strukturen beschädigt wie das Selbstverständnis einer (kritischen) Öffentlichkeit – oder der tyrannischen Masse.
Aber was soll man machen? Empfiehlt man wie beispielsweise in Berlin die Schließung der „Deutschen Oper“, um die frei werdenden Gelder anders zu verteilen, gilt dies als Kulturfrevel. Empfiehlt man die Aufstockung des Kulturetats, wird man als weltfremder Träumer abgekanzelt. In Berlin bejammert in einem offenen Brief die freie Szene den Rückgang der ihr zugemessenen Förderleistung von 10 auf 2,5 Prozent. Dabei sind die Initiativen der freien Szene, nicht immer, aber doch prinzipiell Knotenpunkte zwischen Kultur und Öffentlichkeit an der Basis, im Kiez – jedenfalls mehr als die noch gut bewachten sogenannten Leuchttürme der Kultur. Schon der Slogan „Staatsoper für alle“ beschränkt sich auf ein Event im Jahr – despektierlicher kann man sich seinen Kulturempfängern gegenüber kaum zeigen.
Martin Hufner



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