Zettelkasten

Tiere, stumm

Das Huhn, dein Freund und Helfer. Foto: Hufner

Man kann nicht sagen, dass ich ein großer Tierfreund in meinem Leben gewesen bin. Hunde machten mir Angst, Katzen waren hinterlistig, Tiere im Zoo waren gefangen, Ungeziefer stört und macht krank, Tauben verkacken die Welt, Tiere sind zum Essen da, aber nicht alle. Tiere sind nützlicher Unsinn.

Ich mochte den Kanarienvogel meiner Oma, Benjamin, der wusste so schön zu pfeifen und ich duellierte mich gerne mit ihm. Ich glaubte bald auch, es ein wenig mit ihm aufnehmen zu können. Als Kind glaubt man ja viel. Und ich selbst wollte einen klugen Kanarienvogel haben, einen Wellensittich. Es hat sich nicht ergeben. Tiere, da ist so eine Distanz, schon wegen des Glaubens der kognitiven Überlegenheit der Menschen über sie. Auch die Tierfilme mit Hunden und Delfinen und Pferden und Känguruhs konnten daran nichts ändern, so wenig wie die Tiere in Disneys bunter Welt. Speedy Gonzalez, Sylvester und Co. Allein Snoopy von den Peanuts war irgendwie eine Art tierischen Vorbilds. Eher die dargestellte Lebensweise dieses Hundes galt als Vorbild, Fliegen, Launehaben und Musizieren/Tanzen. Aber habe ich deswegen Snoopy als Tier gesehen? Eher nicht.

Das Tier ist eher das Tier das im Ofen brät und sein Fett ausschwitzt. Es fiel mir heute wieder auf als ich das Bild des schwedischen Hahns mit Namen Schworznegger als Profilbild wählte. In diesem Urlaub pflegten wir eine innige Freundschaft mit diesem Hahn und seiner Hühnerbande. Zur unserer Freude durften wir dann auch mal die dazugehörigen Hühnereier probieren. Es gefiel uns, den Tieren Namen zu geben, um deren Eigenschaften mit Lebenwesen aus menschlichen Zusammenhängen zu koppeln. Man sieht plötzlich, dass diese Tiere einen Blick haben.

Nur was für ein Blick ist das wirklich. Bei Tieren kann man sich ja auch noch am meisten einbilden. Oh wie treu der guckt, wie lieb. Naja eben auch aggressiv. Nur da kommt man kaum bis zum Blick, weil man die Mundwinkel sieht oder der Grollen hört. Wir haben da ein paar Hunde, die jenseits von Gut und Böse sind, die sich vor einem in den Boden vor Unterwürfigkeit hineinzuschrauben scheinen, aber damit schraubt sich bei diesem Hundetier alles in den Boden, ein ewiges Kind. Blicke hat der Hund nicht. Weil man ihn nicht ansehen mag.

Blicke werden nur reziprok wahrgenommen. Also einseitig, weil man seinen Blick im Blick des anderen spiegelt. Also schaut man sich selbst in die Augen, nur auf Umwegen. Das macht es erklärlich, warum wir uns dem nicht entziehen können. Es ist eine Form von Narzissmus - nicht unbedingt die schlechteste. Das funktioniert ja auch bei Abbildungen von Tieren, es funktioniert übertragbar an andere Menschen.

„Indem die Tiere ohne den Menschen irgend erkennbare Aufgabe existieren, stellen sie als Ausdruck gleichsam den eigenen Namen vor, das schlechterdings nicht Vertauschbare. Das macht sie den Kindern lieb und ihre Betrachtung selig. Ich bin ein Nashorn, bedeutet die Figur des Nashorns.“ 1

Es geht allerdings auch anders herum. Wenn der Blick vom Tier geradezu verschluckt wird und nichts zurückwirft, dass man sich vorkommt wie der leibhaftige Teufel, dessen Bildnis auch von keinem Spiegel zurückgeworfen wird. Die Wahrnehmung emotionaler Veränderungen ist in diesem Maße sicher einigen Tieren ganz besonders eigen. Sie spüren das Unglück wie die pure Blendung. Solche Tiere zu täuschen ist daher einigermaßen sinnlos. Man kann sich relativ gut selbst etwas vormachen. Der Blick der Tiere lässt das nicht zu.

  • 1. [Band 4: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Kaufmannsladen. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 2105 (vgl. GS 4, S. 261) ]

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