Zettelkasten

Zeitdiagnose

Markt. Foto: Hufner

Ich kann mich gerade gut erinnern, wie wir mal in den 90er Jahren und Anfang des 21. Jahrhunderts im Feuilleton unseren Spott ausgegossen haben über eine Tendenz, die man nonchalent „Spaßgesellschaft“ genannt hat. Der Hedonismus und der Narzissmus standen oben auf der Skala der Kultureigenschaften einer wohlsituierten westlichen/deutschen Gesellschaft. Big Brother gehörte dazu, ebenso wie die der angebliche Bildungsverfall wie er dann in den PISA-Studien sich ausgedrückt hat oder die sog. Politikverdrossenheit.

Zugleich brachte diese Zeit ihren Agenten kein Glück.

Jetzt ist im selben Territorium eine neue Gesellschaft im Begriff der Konsolidierung: Die Hassgesellschaft. Jeder gegen jeden, alle gegen einen. Es scheint mir aber doch so, dass es sich im Grunde nur um das Gleiche Phänomen handelt, nur die Äußerungsform hat sich geändert. Die Phänomene sind immer noch am Spaß orientiert. Nur, dass er sich eben als Hass formiert und neu formalisiert. Politikverdrossenheit äußert sich in Politikignoranz, im wilden Gefuchtel um Themen. Grundformen der Bildung werden durch Wissen ersetzt, das aber nur in Form von Datenabrufen sich darstellt. Big Brother ist kein privates mediales Spektakel sondern wird Standard der Lebenswelt.

Vielleicht war ja Spass immer schon nichts anderes als eine andere Form des Hasses. Jedenfalls kann man leichter über einen Witz lachen als über einen Spass. „Verstehen Sie Spaß?“ – da ist der Name schon Programm. Nämlich: Verstehen Sie Hass?

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