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Quelle:
Taktlos No. 25 (Mai)
Orchestermusiker

Sendetermin: 6.1.2000 / 20:05 Bayern2Radio
Website taktlos

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Orchestermusiker. Spießbürger in Uniform

© 2000 by Martin Hufner (EMail)

Musik:
Adorno, Orchesterstücke op.4 Nr. 1 (CD Track 3), 12 Sekunden stehen lassen, dann unter den Text legen, bis („.. wenig später")

Sprecher:
„Die Verhaltensweise der Orchestermusiker zu beschreiben, liefe auf eine Phänomenologie der Renitenz hinaus.“ Zu dieser Beurteilung kommt 1962 Theodor W. Adorno in seiner Einleitung in die Musiksoziologie.

Er vergleicht die Verhaltensweisen von Orchestermusikern dort mit Begriffen aus der Psychoanalyse. „Die Sozialpsychologie des Orchestermusikers ist die des ödipalen Charakters, schwankend zwischen Aufmucken und Ducken," schreibt er nur wenig später. Wer einmal Aufführungsmaterial Neuer Musik anschaut, nachdem es auf den Pulten von Orchestermusikern lag, der kann nicht umhin, diese rüden Urteile für gerechtfertigt zu halten. Die Eintragungen der Musiker gehen nicht selten über die Grenzen des „guten Geschmacks" erheblich hinaus. Das sind zwar nur Oberflächenphänomene, was dahinter steckt ist vermutlich noch schlimmer:

Zum Beispiel eine künstlerische Überheblichkeit, die sich gegenüber jungen Dirigenten und Komponisten unumwunden äußert.

Oder: eine Angestellenmentalität, wenn es um Fragen des gewerkschaftlichen Schutzes geht. Ein Schutz, der gleichermaßen vor persönlichem Einsatz schützt wie er die Berufung zum Musizieren auf das Niveau unselbständiger Arbeits-Dienste herunterschraubt. Dazu trägt das idiotische Tarifgefummel erheblich mit bei. Dass sich die Tarifklassen nach der Anzahl der beschäftigten Musiker ausrichten, ist nicht nur anachronistisch sondern kontraproduktiv in höchstem Maße.

Die Situation zahlreicher Dirigenten und Solisten ist da nicht besser, das sollte man der Gerechtigkeit halber nicht verschweigen. Viele sind hauptsächlich nur noch Künstler des Marketings. Und die Orchestermusiker sind ausgebildete Arbeits-Esel geworden, die notfalls auch André Rieu hinterhergeigen, -blasen oder bestenfalls -schlagen. Die Orchestermusiker sind, um es gerade heraus zu sagen, „Spießbürger in Uniform".

Musik:
Radetzky-Marsch, jatata jatata jata ta ta ta

Sprecher:
Es ist nicht allein die Schuld der Orchestermusiker, obwohl sie nicht gerade wenig dazu beitragen, dass alles so bleibt wie es ist. Der Orchestermusiker sitzt im Zwiespalt zwischen Unterordnung und künstlerischer Ambition. Zusammenbringen ließe sich dergleichen wohl nur, wo die Orchestermusiker aus Interesse an der Sache sich zusammenfänden, so wie es bei Jugendorchestern eigentlich meistens der Fall ist oder auch in den jüngsten Treibhauspflänzchen der selbstorganisierten Orchester.

Gewiß wäre es vermessen und unsinnig, von Orchestern zu verlangen, sie mögen besser sein als die Gesellschaft, die sie hervortreibt. Sie sind, wie Adorno sagte „ein Mikrokosmos der Gesellschaft". Ändern ließe sich das natürlich nicht vom Orchester aus, sondern nur durch eine Veränderung der Gesellschaft. Aber: solange Aktionäre als die Impulsgeber des gesellschaftlichen Umbaus firmieren, wird sich da kaum etwas tun.

Musik:
Adorno, Orchesterstücke op.4 Nr. 1 (CD Track 3 Schluss),
ab 0:55:20 unter dem Text einblenden // ab 1:11:20 frei stehen lassen bis Schluss 1:25

regensburg, 6.1.2000