Neue Musik

1961 – György Ligeti: Atmosphères für großes Orchester

Sensationen in der Luft

Ulrich Dibelius, ein wachsamer Begleiter der neuen Musik seit den 50er Jahren erinnert sich an die erste Aufführung von György Ligetis Atmosphères: „Die Uraufführung ... bei den Donaueschinger Musiktagen trug alle Anzeichen des Sensationellen. Denn diesem Grad von ,Destruktion' nach zehn Jahren fleißiger Konstruktion [Dibelius meint damit alle Formen seriellen Komponierens, eines systematischen Umgangs mit Tondauern, Tonhöhe, Tonlagen, Lautstärken usw.] hatte bisher noch keiner zu verwirklichen gewagt.“ Destruktion ist hier uneingeschränkt positiv gemeint: Als das Öffnen einer Tür in neue musikalische Gestaltungs- und Klangbereiche. [node:read-more:link]

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Blick aus dem Grab

Wien: In Nader Mashayekhis Oper „Malakut“ (Libretto: Andrea Zschunke) ist das Publikum unterhalb der Bühne positioniert. Es beobachtet aus den Gräbern heraus das Geschehen an der Erdoberfläche. Es ist zugig. Dort geht ein Endzeitdrama ab, das fast alle Beteiligten in den Tod reißt.

Berlin: Musikbox vor dem Konzerthaus. Gegen einen kleinen Obolus von einer Mark darf man sich ein kurzes Musikstückchen auswählen. Kompositionen von Bauckholt, Rasch, Cage, Walter, Stockhausen und viele andere Werke stehen zur Disposition. Es ist kalt. Nachdem das Tor der Box sich knarzend öffnet, wird das gewünschte Stück vom Ensemble L’art pour l’art aufgeführt. Danach scheppert das Tor wieder zu.

Wien: Drei Sprechersänger und ein Pantomine. Mal in einer Sitzgruppe, mal als Figurinen-Kabinett geben sie verständliche Laute von sich; Gebrabbel-Papperlapapp. Keine Worte einer bekannten Sprache, aber alles ist klar. Ligetis „Aventures“ und die „Nouvelles Aventures“. Es ist warm. Das Ensemble Modern inszeniert neue Musik.

Berlin: Exotische Schlaginstrumente auf der Bühne, unexotische Musiker. Es ist warm. Man gibt Kagels „Exotica“, durchläuft sprunghaft den Widersinn von fremden Musikkulturen, wenn sie einverleibt werden. Es gibt viel zu lachen. Einige Besucher verlassen empört den Saal. [node:read-more:link]

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Einsamkeit und Anarchie

Manuskript eines Rundfunk-Features für den Bayerischen Rundfunk. Gesendet am 14.10.1997 auf Bayern2Radio

Die Geburt der Anarchie aus dem Geist der Einsamkeit
oder: Ist wirklich alles möglich?

Musikbeispiel 1:
Detlev Glanert: Kleine Kuddel-Daddeldu-Musik (2 Minuten)

Sprecher 1:

Die Neue Musik gilt heute als Statthalterin eines wie auch immer gearteten Individualismus, als Trägerin der Fackel musikalischer Freiheit im Reich einer übergroßen Populärkunst oder der politisch durchorganisierten Welt.

Der Diskurs über Freiheit ist ein zentraler Gegenstand der musik-ästhetischen Diskussion der Gegenwart. Dabei stellt sich die Frage, wie es geschehen konnte, daß gerade im 20. Jahrhundert dieses Thema so zentral wird? Warum wird der Ruf laut nach einem „Musikstil der Freiheit", einer „musique informelle", einer „a-seriellen" Musik, einer „neuen Tonkunst"? Was führt die neue Musik zu dieser Selbstbefragung, warum ist neue Musik nicht einfach selbstverständlich? [node:read-more:link]

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Fundgrube

1955: Ein junger Privatdozent der Universität Erlangen legt einen umfangreichen Bericht mit dem Titel "Studien zur musikalischen Terminologie" der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur vor. Von der musikwissenschaftlichen Sprengkraft dieser immerhin 131-seitigen Abhandlung ist man schnell überzeugt. Dennoch dauert es gut zwanzig Jahre bis das Vorhaben, der geniale Entwurf des Privatdozenten auf eine gesicherte institutionelle Basis gestellt wurde.

1972: Der einstige Privatdozent hat es mittlerweile zum Ordinarius für Musikwissenschaft der Freiburger Universität gebracht. Sein Name: Hans Heinrich Eggebrecht. Es erscheinen die ersten Lieferungen des "Handwörterbuch der musikalischen Terminologie". Es steht damit zeitlich wie wissenschaftshistorisch in unmittelbarer Nähe zum "Historischen Wörterbuch der Philosophie" (hrsg. von Joachim Ritter, Basel 1971 ff.). Beide Werke sind zu einem unschätzbaren Bestandteil der Fachforschungen geworden, entstanden aus der Notwendigkeit, sich einerseits über die Sprache zu verständigen und sie in ihrer historischen Entwicklung, in ihren jeweiligen Bedeutungszusammenhängen zu verstehen.

1995: Ein erster praktikabler Ableger des Handwörterbuch erschien unlängst im Franz Steiner Verlag. Hier sind 35 Termini versammelt, die sich ausschließlich oder wesentlich mit der Musik des 20. Jahrhunderts befassen: von "Absolute Musik" über "Klangfarbenmelodie" bis "Zwölftonmusik". Hier scheint ein besonderer Klärungsbedarf vorhanden zu sein. In viel dichterer Folge werden Worte geprägt und an verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Arbeitsfeldern entwickelt. Symptomatisch dafür ist, daß der Terminus "Atonalität" (ohnehin der längste Artikel des Bandes) mit 33 Seiten um 11 Seiten länger ist als der ältere der "Tonalität". Aber der Sonderband empfiehlt sich auch durch umfangreiche Verweise auf Quellentexte, die zum Teil ganz kuriose Beiträge zur Wortgeschichte enthalten. Im Artikel "Schlager" wird K. Blessinger in seiner Schrift "Judentum und Musik" folgendermaßen zitiert: "Im übrigen sind die grellen Instrumentaleffekte der Schlagermusik unzweifelhaft gerade in der Mahlerschen Symphonik stark vorgebildet." [node:read-more:link]

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