Texte fürs Blog

Ach, dass nicht die letzte Stunde | Meines Lebens heute schlägt!

2. Hätte gleich mein ganzes Leben
Friede, Ruh und Sicherheit,
macht die Sünde doch darneben
lauter Unruh, Furcht und Streit.
Diese Plage, dies Verderben
Weicht von mir nicht eher hin,
als bis durch ein sanftes Sterben
Ich bei Gott im Segen bin.

…

6. Gute Nacht, ihr Eitelkeiten!
Falsches Leben, gute Nacht!
Gute Nacht, ihr schnöden Zeiten!
Denn mein Abschied ist gemacht.
Weil ich lebe, will ich sterben,
bis die Todesstunde schlägt,
da man mich als Gottes Erben
durch das Grab in Himmel trägt.
BWV 439: Geistliches Lied, das von Zeit zu Zeit zur Katharsis beitragen kann.

Kommentare

ich kann ja noch verstehen, dass man irgendwann zum Gebetbuch greift und erkennt, dass die Songs von Paul Gerhardt doch sehr präsent sind, aber dann gleich solche grammatikalischen Fehler einbauen „durch das Grab in Himmel trägt“...??

da kommt mir doch Lermontow ins Gedächtnis, „i v nevesach ja vishu boga“ (und im Himmel sehe ich Gott)

Ich muss zugeben, dass ich die Botchaft solcher Schmachtverse nicht verstehe. Das ist wie mit der 'klassischen' Klassischen Musik.

Weißtu Semmel, es geht ja doch nicht immer um Botschaften. Es geht auch nicht immer um das Verstehen (im Sinne von kapieren). Was denn versteht man, wenn man Musik hört oder Lyrik liest? Vielleicht verstehe ich das auch falsch: Aber, es liegt in diesem Fall alles hinter den Worten, wie in der „klassischen“ klassischen Musik, die nur vorgemacht und hergestellt klassisch ist, doch in Wirklichkeit einfach Musik ist. Das Wort „Klassik“ ist mir ernstlich zuwider; es gehört in den Bereich der Wissenschaftsgeschichte hinein und nirgends sonst. Dass daraus ein Etikett wurde, hat spätestens jetzt allein die Funktion, ein- oder auszugrenzen. Beides gleichermaßen gelungene, wenn auch dürftige Reaktionen dieser verkommenen Gesellschaft. Umgekehrt gilt das ja ebenso, wenn ich in der Begrifflichkeit bleibe, bei der „unklassischen“ Musik.

Ungeachtet dessen lässt sich auch feststellen, wie unterschiedlich durch die Kulturen hindurch verschiedene Genres der Literatur unterschiedlich bewertet werden. Während in der europäischen Kultur eindeutig der Hang zur argumentativen Struktur (der Erzählung) offenbar ist (und im Zweifel der Zensur anheimfällt), ist es in orientalischen die Lyrik und die Musik; jene Künste also, die in der Regel sehr viel weniger durchschaubar sind, deren Gehalte im Schleier von „Botschaften“ liegen. Deren direkte Unfasslichlichkeit ist das Problem. Auch deren, wie soll ich sagen, stärkere Immunität gegen verdinglichendes Denken und Auslegen.

Die aus der Schule bekannte Frage: „Was will der Dichter uns damit sagen?“ ist schief gestellt. Er sagt es ja, und wenn ers anders sagen könnte, so soll er „so“ sagen. Er sagt es aber 'so'.

Noch als Schüler war ich schwer beindruckt von Schönbergs Vorwort zu den Bagatellen für Streichquartett von Anton Webern:
„Diese Stücke wird nur verstehen, wer dem Glauben angehört, daß sch durch Töne etwas nur durch Töne Sagbares ausdrücken läßt. Einer Kritik halten sie so wenig stand wie dieser oder wie jener Glaube.“

Und zu Connie: Meine Quellen geben genau diese Schreibweise als korrekt an. In meiner Bach-CD-Ausgabe steht als Text: Erdmann Neumeister, 1705 - und auch wenn es auf Gerhardt zurückgeht. Dann hatten die Herrschaften damals wohl einfach in Grammatik geschlampt. Oder eventuell sind ja wir es, die gewisse Verschleifungen als fehlerhaft tadeln, obwohl sie in ihrer alten Farbigkeit gewiss so geschrieben wurden.

Ästhetische Anti-Regel: „Not kennt kein Verbot.“

So, und nun muss ich mir erst einmal zur Dämpfung meines Bach-Konsums das Erste Streichquartett op.7 von Arnold Schönberg reintun. Eine Musik, die derartig unter Dampf steht, die so atemlos ist und so unermesslich.

Das mit der Botschaft is' ja schon richtig. Wenn ich auf AC/DCs Big Balls abhotte (und AC/DC meinte Ball im Sinne von Tanzveranstaltung) geht es auch nicht wirklich um irgendeine Botschaft, sondern um Kribbeln im Bauch. Aber wenn du ein Gedicht Semmel-Kantate nennst, les ich das natürlich. Und dann les ich...

Weil ich lebe, will ich sterben,
bis die Todesstunde schlägt,
da man mich als Gottes Erben
durch das Grab in Himmel trägt.

... und stelle fest, dass sich da bei mir nix regt, weil ich's nicht verstehe.

Ist doch nicht schlimm, Semmel. Bei mir regt sich auch nicht zu allem etwas. Wenn wir alles verstünden, was zu verstehen sich anschickt, dann verstünde man wohl gar nichts.

Und, ich muss da einfach insistieren, denn führe ja einen Eintrag weiter, eine Passage aus einem Text von Helmut Lachenmann an, in einer Welt des großen Einverständnisses, locken mich die Erklärungen nicht mehr hinter dem Ofen hervor; selbst der Gedanke an Kommunikation will mir rein verdinglicht erscheinen. Was uns die Wirtschaft, was uns die Kulturindustrie, was Menschen im Umgang untereinander wird doch immer mehr zu einer Reiz-Reaktions-Situation mit dem Einverständnis der Betroffenen; na, zumindest mehrheitlich.

Da steht mir ein Lachenmann einfach näher, der mir nicht immer den gleichen Senf vorsetzt, sondern tatsächlich über sich hinausgeht (mit seiner Musik mindestens und meistens). Und dann, wenn es andere als Elfenbeinturm bezeichnen, soll mir das egal sein, betrete ich liebe solche Räume als solche des sinnlichen Konsums, in denen man nur den Baß etwas stärker aufdreht, damit es dem Bauch angenehm ist.

Dann wähle ich doch lieber die Verunsicherung als die Gewissheit. Doch ist das wohl meine Entscheidung, die ich treffe, für mich, nicht für andere.

Im ersten Schritt werde ich das Semmel aus der Kantate streichen, dann wäre mindestens ein Problem behoben.

Das Bild des Elfenbeinturms kam mir sofort, weil ich mich fragte, warum muss sich ein Herr Lachenmann über solch aufwändige Satzkonstruktionen definieren. Warum sagt er's nicht frei einfacher? Will er sich abheben? Geht's nicht anders? Hat er einfachen Leuten wie mir nix zu sagen? Will er unter seinesgleichen bleiben? Da kam mir sofort der Elfenbeinturm.
Desdewesche sind mir die einfachen, oftmals derben Sachen lieber. Wo der Bass in den Magen wummert, die Gitarre in den Ohren klingelt und Bon Scott singt:
Well I'm upper-upper class high society,
Gods' gift to ballroom noteriety,
And my ballrooms always filled - the event is never small,
The social pages say I've got the biggest balls of all.

Darauf schnell noch eine Replik. So lass dem Mann doch seine Sprache, ich kann mit der sehr gut umgehen. Gerade fiel mir dazu ein, dass auch dies eben ein Zeichen, diese Forderung nach Verständlichkeit (für wen denn, für die ganze Welt vom Baby bis zum Uropa?) ein eigentlich unlegitimes Verlangen ist. Ich würde nie auf den Gedanken kommen, dies Bon Scott vorzuwerfen, obwohl es mir bei diesen Zeilen genauso geht, wie dir bei Lachenmanns Worten.

Gegen den Kommunikationsterrorismus habe ich was! Gewiss, niemand ist verpflichtet, irgendwem zuhören zu müssen. Auf welchem Niveau sollte dies denn auch geschehen.

Ole Schröder fordert: „Eine verständliche Sprache ist ein wichtiger Beitrag zum Bürokratieabbau und zu mehr Bürgerfreundlichkeit. Weihnachten steht vor der Tür. Schenken Sie unseren Bürgern mit uns gemeinsam die Vorfreude auf ein einfacheres Deutsch in unseren Ämtern.“ http://www.cducsu.de/sectio...

Klar: Jedes Jahr sitze ich immer wieder zum Beispiel vor meiner Steuererklärung und fülle wenigstens das noch aus, was ich davon verstehe. Wahrscheinlich beruht ein großer Teil aus Steueraufkommen von Bürgern einfach aus Unverständlichkeit von Gesetzestexten und Formularformulierungen.

Andererseits beruht auch ein großer Teil der gesamten Situation an sich auf einer undifferenzierten Plakatsprache. „Kauf dich geil“. Ich will jetzt mal gar nicht so weit gehen, zu sagen, dass es da sehr wohl politische Gruppierungen gibt, die das wieder einmal sehr gut beherrschen.

Und schließlich: Das ist nicht gemeint als Fürsprache für möglichst schwer verständliche Sprachformulierungen, die aus der Not der Nichtbeherrschung der Sprache geboren sind. Aber warum soll man immer komplexe Sachverhalte auf simple Unwahrheiten niederwälzen? Sprache beruht nicht nur auf der durch sie direkt transportierten Information, sondern auch auf dem Wege der Art und Weise ihres Transports, oder?

Ich kann deinen Argumenten folgen. Die Forderung nach Verständlichkeit ist vielleicht nicht immer angebracht. Wenn der Schröder von verständlicher Sprache redet, meint er sicherlich etwas anderes als ich. Ich werde das jetzt praktizieren und mit der Dicken und einigen anderen auf den Waiblinger Fasnachtsumzug gehen. Helau! Bilder folgen.

Dann viel Vergnügen.

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