Texte fürs Blog

Alban Berg: Sonate für Klavier op. 1

Gerade, Alban Berg, Sonate für Klavier op.1. Ungeheuerlich. Es interessiert ja keinen, aber trotzdem sei es gesagt. Ich war damals ein kleiner Hupfer, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt. Die Musikbibliothek der Stadt Wolfsburg suchte ich auf, nachzuschauen, was die haben von Alban Berg und anderen. Das war eine wirklich kostbare Sache da in Wolfsburg.

Es gab eine Schallplatte mit dem Stück drauf und die Noten auch, die noch in dieser Jugendstil-Titelblatt-Ästhetik verfasst waren (Drei Lilien Verlag oder so etwas). Auf der Rückfahrt im Bus schaute ich dann auf die Noten und verstand rein gar nichts. Die Musik schien mir einfach, den Noten nach, ein riesiges Durcheinander mit so vielen Tönen, mit so vielen „b“s und Kreuzern. Das musste furchtbar klingen doch; auf jeden Fall, so viel wusste ich, fies atonal, schepp, schräg.

Zuhause hatte ich dann schon keine Lust mehr, mir die Musik auch noch anzuhören. Aber, was da ist, das gehört gehört. Was dann zu hören war, war einer Art Erleuchtungserlebnis nicht unähnlich. In etwas 11 Minuten waren da zugleich Wucht wie Zartheit, Verschlungenheit wie Zielstrebigkeit, waren Arabeske wie Genauigkeit. Und da ist daneben, wenn ich sie gerade wiederhöre, diese Differenzierung allemal in den Tempi des Stücks. Das Stück hat einen deutlichen Puls, der sich immer wieder verändert; mal dünner, kaum tastbar, dann wie in einer Art Raserei. Das alles auf engem Raum, aber doch mit „Raum“. In der Musik ist keine Hetze. Selbst die innere Hitze wirkt wie gebändigt, doch nicht erdrosselt.

Die Musik rührte unmittelbar an das Herz.

Man könnte schon sagen, dass in diesem Stück wohl eine hochartifizielle Dialektik von Endwucherungen und präziser Konstruktion sich selbst infiziert; gleichsam auch eine unendliche Melodie zum letzten Mal (1908) aussingt ohne schäbig zu werden. Keine Sentimentalität, keine Wehleidigkeit! Jedoch eine „neue“ Wärme.

Das alles, wie erwähnt, korrespondierte überhaupt nicht mit dem Notenbild, dem gegenüber ich mich als höchster Ignorant verhielt, vor dem ich augenscheinlich kapituliert hatte, bevor ich eine Note auch nur genauer sah.

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Augenblicklich fühle ich mich zum Dichten berufen. Doch heute gelingt mir nicht, was damals später im Sommer noch möglich war. Das Gedicht nannte sich Till, bezog sich aber auf Schönbergs Streichquartett op. 7 — welches ähnliche Töne kennt.

Till

words ar facts«
die sprache der imagination«
ein ton kehrt heim, vorbei das warten»

wohin er mich führen mag und warum«
derweil strecke ich meine gedanken«
unter die haut gefühlt»

ich ruhe durch die ohren»
verästelt berührt mich weibliche gewalt«
ich gehe mit«

ganz klar blühen die farben um mich«
sich selbst zu erflehen«
darin meine beobachtung sich ergibt»

die musik gibt sich auf«
in letzter extase nährt sie das blut des leibes«
es ist vorbei»

ein ton dreht sich«
versinkt im strudel der verklärung«
ja, er»

«versingt»
Da ist, zugegeben auch ganz schöner Müll drin, aber ein paar Zeilen wollen mir doch einigermaßen gelungen scheinen: „derweil strecke ich meine gedanken // unter die Haut gefühlt // ich ruhe durch die ohren // … // ein ton dreht sich“

Gut, das hat mit heute wenig zu tun, das gelänge mir nie wieder, zu genau sträubt sich die widerborstige Sprache gegen derlei „verklärung // extase (ekstase) // leib // strudel // …flehen // warum // imagination // … etc. pp.“

Dagegen wehrt sich auch die Musik. Und damit hat sie sicher nicht Unrecht gegen mich.

Kommentare

Doch. Das interessiert. Und nicht nur einen, da bin ich sicher. Schweigen ist nicht in jedem Fall ein Indiz für Desinteresse. Ich habe schon einige von deinen Texten dankbar schweigend genossen. Manchmal schweigt man, um Redundanzen zu vermeiden. Auch Lob gewinnt nicht, wenn es redundant wird.

Texte wie dieser bleiben nicht wirkungslos. Ich werde mir diese Sonate von Berg unbedingt anhören. Sie ist nicht das erste Stück, auf das ich durch dich aufmerksam und neugierig werde. Das wirkt nicht so, dass ich Amazon anwerfe und sofort die erstbeste Aufnahme bestelle. Sondern so, dass ich mir ein Stück einfach merke und weiß: eines Tages höre ich es und erinnere mich.

Und das gilt nicht nur für die Musik. Deine Texte zu Max Weber sind mir bis heute sehr gegenwärtig. Und das schön ausgewählte Adorno-Zitat im letzten Beitrag ist so hypersublim, dass man nachgerade in Versuchung gerät, doch wieder zum Apokalyptiker zu werden - obwohl man sich seit langem von dieser Kinderkrankheit kuriert glaubte.

Ich bleibe dabei: Es gibt auch anderswo Gutes, aber dieses Gute findet man nirgendwo anders.

Ich muss gestehen, lieber Postmeister, dass ich dennoch hoch erfreut bin über diese Reaktion.

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