Texte fürs Blog

Bekenntnis (zu Jarrett)

Manchmal schämt man sich, dass man „Musikwissenschaft“ studiert hat, aber auch ohne wäre es das Gleiche. Da hört man Musik, mit der äußersten Anspannung und auch mit einer tiefen Durchlässigkeit. Zu meinen Favoriten für eine derartige Musik gehört Keith Jarrett. Erst dieses Jahr habe ich mir nach großem Zaudern das „Köln Concert“ zugelegt. Dazu bestellte ich mir „The Melody At Night, With You“. Und diese Platte höre ich nun immer wieder und immer wieder neu.

Klar, die Umstände sind vielleicht bekannt, Jarrett befiel so eine Art chronisches Erschöpfungssyndrom, bin ja kein Arzt und habe ihn auch nicht behandelt, es ist denn auch allem Anschein nach etwas wie eine Depression. Es war aus mit dem Musizieren, Jarrett konnte, nach eigenen Angaben, nicht einmal mehr den Deckel seines Pianofortes öffnen. Das Trio mit Peacock und DeJohnette pausierte. Es passierte nichts.

„The Melody At Night, WIth You hat“ er für seine Frau gemacht, dann eben doch, nach langer Ruhe, die nicht freiwilig war. Diese Stücke dort sind in der Regel Standards. Die Musik ist reduziert und eingekapselt. Reduziert heißt hier: Gänzlich zurückgenommen. Keine Virtuose Spielerei, keine unendlichen Ostinati. Viele Oktavparallelen, auch das Pathetische ist wie hinter Milchglas. Keine Feierlaune, naja, das Wort, das fehlt: besinnlich. Schwer zu sagen. Aber eben nicht wehleidig. Eine große Platte, ja herzergreifend auch. Ja, das auch — und vor allem das.

Man öffnet da die Ohren unweigerlich immer ein Stück weiter, das Tagewerk bleibt liegen, die Nacht, vor allem die, findet ihr Herz. Man kehrt ein, man findet zurück, man bleibt auf der Stelle, die Musik stülpt sich wie zum Schutz um einen herum. Das heißt: Es geschehen lassen.

Der gemeine Musikwissenschaftler hat da seine Probleme, er muss hinter die Tonfassaden schauen, muss begreifen wollen, wie so etwas „funktioniert“ — und daran findet er auch hoffentlich immer Vergnügen. Doch wenn man das abstreift, wenn man beiseite lässte, ob etwas ein Ton trockener ist als der andere. Diese Platte ist aber so ungeheuerlich, dass man wie gezungen ist, mal einem Ding seinen Lauf zu lassen.

Ich wünschte das vielen. Es ist doch eine so herrliche Sache mit der Musik, sie kann eine Art Droge sein ohne dioe schädlichen Nebenwirkungen zu sein. Sie kann das Herz rein machen helfen. Sie kann sich verströmen lassen, sie kann einen aufgehen lassen, sie kann einen Gefangennehmen und Loslassen in einem Vorgang. Das alles kann, wenn sowohl sie dazu angetan ist wie jemand, der sie hören kann. Bei Jarrett habe ich nie das Gefühl gehabt, einer musikalischen Lüge auzusitzen oder ein Peinlichkeit, bisher wirklich nicht, bei keiner Platte. (Seine Aufnahme mit nichtimprovisierter Musik lasse ich mal außen vor. Die haben mich von sich aus nie angesprochen.)
Keith Jarrett: The Melody At Night, With You
ECM 1675 — erschienen 1999 Tracklist

Kommentare

Michael Naura schrieb einen von den schönen Sätzen, die haften bleiben. „Die cantable Art zu spielen“... Keith Jarret hat sie. Und wenn es mit seiner Aura so weitergeht, wird die Zeit kommen, wo Mütter ihm ihre Kinder über die Rampe reichen, damit er sie segne."

Ich könnt' mich noch heute dafür ohrfeigen, das Köln Concert Anfang der 80er verkauft zu haben, nur weil so viele Ökos es damals schick fanden, Jarrett zu hören und ihn mir deshalb verleidet haben.

Das ist ja in der Tat so eine Sache mit dem Kult. Wie Quiri auch kam ich damals in die Jarrett-Enge. Jeder sonstwie Mensch den ich kannte hatte wenigstens das Köln Concert im Schrank.

Ich selbst mochte es gar nicht. Meine Schwester spielte es mir als Jugendlichem vor und meinte, das solle ich mir doch mal anhören. Wie immer das unter Geschwistern ist: Der Rat war ein vernichtendes Urteil für das Stück. Man wollte sich ja absetzen. Erst ein paar Monate oder Jahre hörte ich das Stück wieder und fand es wunderbar. Habe es auf mein Tonband gebannt - musste man auch die Plattenseiten nicht umdrehen. Aber das nur am Rande.

Irgendwie war der Impuls gegen das Köln-Conzert extrem. Ende der 70er Jahre wurde ich folglich zu einem Verfechter des Jarrett mit seinem amerikanischen Trio und Quartett. (Übrigigens tue ich mich auch heute noch mit den Norwegern dagegen schwer.) Und ich mochte auch Facing You mehr als die Solo-Konzerte, schon aus Gründen des Dagegenseins.

Und noch etwas. Anfang der 80er Jahre schon machte Peter Ruedi im NDR eine 11-teilige Sendereihe zu Jarrett. Habe ich alles aufgenommen - auf Tonband. „Die Geometrie der Inspiration“ hieß das damals. Ganz fein.

Rainald, soweit kommt es hoffentlich nie. Aber das Kultische am Jarrett ist ja das eine, gottlob ist seine Musik das andere. Und er hat nun einmal Ton!

Ich fand Jarrett mit den Norwegern ganz toll. Und hab alles verkauft ...

Armer Quiri. Ich kann dir nicht mal helfen :-(

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