Texte fürs Blog

Blogging Industries

Wie aus einem Tool, sog. Blogging-Software, Industrie wird. Bei der Anschauung von re:publica ist mir neu klar geworden, wie sich Dinge verdrehen können. Sie haben nichts mehr gemein, mit der Anwendung selbst. Ich will das an einem musikalischen Beispiel deutlich machen. Als Schönberg zusammen mit anderen die Zwölftontechnik entwickelte, war dies eine aus seinem Oeuvre sich ergebende Formulierung einer Technik zur Verarbeitung musikalischer Gedanken. Es war eine Technik, und Schönberg wurde nicht müde zu betonen, es käme nicht drauf an, wie es gemacht sei, sondern was es ist.

Das hat für ihn und einige seiner Komponistenkollegen auch gestimmt. Die Technik war nicht der Zweck sondern ein für ihn (für sie) konsistentes Mittel. Es ergab sich aus den Fragen der Komposition der Komposition. Was später aus der Zwölftontechnik gemacht wurde, hatte unter Umständen (und auch mehrfach) damit nicht mehr viel gemein. Zwölftontechnik ist sogar Gegenstand des Musikunterrichts an Schulen geworden. Die Regeln sind einfach, aber sie sind nicht die Komposition oder die Werke.

Bei den neuen Blogging-Tools ist das eine ähnliche Entwicklung. Eine ganze Industrie der Content-Schöpfer befasst sich damit, wie sie Content fasst. Es geht um Rechtliches, es geht um Communities, es darum, wie man Werte schöpfen kann: Wie man also "Schreiben" am Tool auch in Münze umwerten kann. Vor Jahren ging es um Alpha-Blogger, um Zentralen der Verteilung von Hinweisen. Um Konzentration längst nicht mehr auf Inhalte sondern um Meinungsmache. Nur wer da noch mithalten kann, der fällt ins Auge. Manche nennen das vielleicht Professionalisierung.

Im Grunde läuft da aber auch nur das nämliche Geschäft ab, das im Wirtschaftsleben der Kultur forciert wird. Die Gegenstände werden immer weniger wichtig, wichtiger wird ihre Publizität. Nur was da ist, wird wahrnehmbar. Diese "da sein" hat sich aber dabei selbst abgewickelt als reine Faktizität. Was auf der Strecke zu bleiben droht, ist die Substanzialität der durch das Tool erzeugten Expressionen. Sie nähern sich vielmehr einer öffentlichen Nulllinie an. Sie sind da ohne da zu sein.

Der Literatursoziologe Lionel Trilling hat das offenbar einmal durch den Übergang von Aufrichtigkeit zu Authentizität beschrieben (Trilling, Das Ende der Aufrichtigkeit, Hamburg 1983). Dazu passen die unendlichen Diskussionen über beispielsweise Fragen, ob man auf solchen Events etwa fotogafieren dürfe (und wen und wenn wen und überhaupt). Denn auch hier könnte der Charakter der Authentizität zu Schaden kommen. Wo es um Selbstdarstellung geht, ist man so weit wie zu Hofmalers Zeiten.

So ziehen die Ideen der organisierten Verwirtschaftlichung das Tool selbst in Mitleidenschaft. Dass ein Don Alphonso sagt:

Ich will mich nicht verbiegen, und ich will auch nicht der Quotenrebell sein. (Quelle)

Auch wenn dies auf Umwegen mit zu dem Spiel gehört (man kann ihm manchmal nur schwer entgehen, und manchmal will man es vermutlich auch gar nicht), bleibt doch die ungenügende Einsicht darein, dass aus dem Tool an "zentralen" Stellen eine Industrie geworden ist. Eine andere zwar und mickrigere auch als es sie noch im realen Leben ist, aber sie breitet sich aus. So wie Stücke mit Zwölftontechnik in den 50er bis 70er Jahren ohne jeden Sinn.

Im schlimmsten Falle sieht es aus wie das restliche Mediengeschehen auch. Die selben Acts an allen Orten. Die gleichen Namen zu gleichen Themen. Eine agile Subkultur gewiss, aber auch nur Second-Life – im Zweifel sogar die "reine Lehre" erhalten wollend. (Ich habe zu diesem Zwecke mal diverse Blogcounter durchgesehen. Die jüngeren Blogs sind Massenware. Das können sie auch sein, weil das Tool selbst keine Vorgaben macht. Das Tool ist da auch nur ein Label. So wie eben die Zeitungen ihre Blogs haben wollen, ihre Community-Redakteure. Und dabei geht es nicht um – ja den alten Tönnies-Begriff – der Gemeinschaft sondern die Taschenformat-Ausgabe von Gesellschaft im leeren Raum.)

Das alles ist im Wandel. Aber die Protagonisten des Wandels in eine vermeintlich "richtige" Welt mit sozialer Anbindung, begeben sich auf den Weg der Selbstauflösung durch eine Art Verkernung des Tools. Was mir ja herzlich egal sein kann, denn es bedeutet nichts – aber es führte mittelbar doch zur Aufgabe der Kritischen Masse.

Was ich aber nun doch generell bedauere, ist, dass das intellektuelle Niveau damit insgesamt auch in Mitleidenschaft gezogen wird. Die neuen Mainstream-Blogger können natürlich auch nicht mehr so operieren wie freie Autoren, auch verspüren sie einen Quotendruck, womöglich nicht einmal bewusst, eher in kompetenter Ausblendung. Aus re:publica wird dann schnell res:populismus. [Dieses Problem blieb der Zwölftonmacherfraktion vollkommen erspart. Das ist eher so wie beim Unterschied zwischen Volksmusik und volktümlicher Musik (als Volksindustrie).]

Das alles hat natürlich seine Gründe. Das Medium selbst wäre eines. Auch hier sind die Bezüge zur Entwicklung der Zwölftontechnik nicht von der Hand zu weisen. Das Medium ist nicht ohne Einfluss auf seine Inhalte. Adorno bezeichnete die Zwölftontechnik in seiner "Philosophie der neuen Musik" als "unbarmherzigen Samariter." Vieles scheint da ganz nach diesem Effekt zu funktionieren. Aber selbst darüber muss man sich erst einmal auch klar werden. Dazu bedarf es eines genügenden Maßes an einer Fähigkeit, die Selbstreflexion heißen dürfte. Diese wird aber allein in Geschäftigkeit umgewandelt. Selbst noch diese Fähigkeit wird zum Wirtschaftsfaktor: Zur Selbstbeobachtungsindustrie. Keine neue soziale Bewegung. Keine Gegenöffentlichkeit – eine Selbstöffentlichkeit. Alles nur ein Spiel einer selbstgefälligen Eigenblogbehandlung gewissermaßen. Aber immerhin eine neue, eigene. Wen's interessiert?

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Kommentare

Danke. Jetzt brauch ich zu dem Mist nix mehr schreiben. Besonders zu re:mobblica. Dieser bayrische Möbelblogger hat schon den richtigen Instinkt mit seiner Absage gezeigt...

Aber du schreibst so schön.

"It ain't worth anything, you can't write it on a t-shirt!" sagte mal ein Ami zu im resignierten Ton zu mir...

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