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Buch ohne Kopf

Buch ohne Kopf. Jonas hatte Bücher bestellt. Die Bücher sollten angekommen sein, ein Telefonat hatte dies bestätigt. Also ging er alsbald in die Buchhandlung, holte die Bücher ab und bestellte sogleich ein neues. Wie zum Abschied bemerkte Jonas noch, daß hoffentlich nicht mehr all zu viele Bücher in diesem, ihn interessierenden Bereich erscheinen mögen. Das war das Stichwort für den Buchhändler. Die Bücherflut, so meinte er, lasse sich gar nicht mehr bewältigen. Der Buchhändler hieß Schmieder und war so Mitte Fünfzig. Immer sorgfältig angezogen, mit Jacket und Krawatte. Nie sonderlich streng in der Art von Anzügen, die man aus dem Fernsehen kennt, von diesen sich ewig gleichenden Versicherungsvertretern. Eher bürgerlich, gut bürgerlich. Derart, wie man sich einen liberalen Menschen vorstellt. Schmieders Liberalität hatte ihre Grenzen. Noch vor einem halben Jahr war er Inhaber einer eigenen Buchhandlung, die den Namen seines Vorgängers trug. Irgendwelche Schwierigkeiten hat es wohl gegeben. Denn keine seiner Mitarbeiter durfte so viel Komeptenz und Engagement entwickeln wie er. Das ist unter Umständen tödlich. In einer kleinen Universitätsstadt kommt es darauf an, das Sortiment so gut abzustimmen, daß Interessenkollisionen mit anderen Buchhandlungen nach Möglichkeit ausgeschaltet bleiben. So hatte sich Schmieder auf Fachhochschüler spezialisiert. Aber daneben, so habe ich mir sagen lassen, wollte ein Mitarbeiter eine gute Science-Fiction-Abteilung einrichten. Schmieder sabotierte diese Idee. So kam es, daß einige wenige Personen bei Schmieder Bücher kauften, allein deshalb, weil seine äußerliche Liberalität und Freundlichkeit gern gesehen war. Übrigens, Schmieder führte als einzige Buchhandlung – neben einer linken – jene blauen Bände offen im Regal, die die Welt verändern sollten. Wie dem auch sei, Schmieder ging pleite.

Jetzt arbeitete Schmieder in einer Zweigstelle einer anderen Buchhandlung; der größten Buchhandlung am Orte. Hier war Schmieder natürlich nicht mehr Chef. Im Gegenteil, er betreute die Kasse und verrichtete auch sonst alle anfallenden Botengänge, Inventurarbeiten und was dergleichen mehr ist. Das Sortiment jedenfalls betreut er nicht mehr. Jonas mochte Schmieder. Vielleicht lag es daran, daß Schmieder als erster seinen Namen behalten konnte und Jonas war häufig Kunde. Die Frage nach seinem Namen irritierte ihn. Langsam hätten sie ihn doch wissen können. Schmieder also konnte es.

Das Gespräch mit Schmieder bestätigte Jonas in seiner Einschätzung der Person. Schmieder erzählte, früher, in den 50er Jahren, da kannte er noch alle Bücher, die er verkaufte. Alle Reihen waren übersichtlich kurz. Schmieder las damals noch viel. Heute hat er es aufgeben. Er fand sich nicht mehr zurecht. Er sagte das alles mit Traurigkeit in der Stimme. Er resignierte vor der Flut der Bücher. Aber mit der Unübersichtlichkeit der Bücher wurde zugleich auch seine Welt unübersichtlich. Die Welt und das Ich, ganz typisch für die Empfindungen vieler seiner Zeitgenossen, durchfurchte ein Graben, der unüberwindlich schien. Jonas sagte ihm noch, er solle bloß nicht Kracauer lesen, er würde sonst in noch viel tiefere Depressionen verfallen. Zeichen der Entfremdung von Bewußtsein und Welt.

Schmieder war herzlos geworden. Er meinte, daß er sich darüber freuen werde, wenn andere Buchhändler später eben seine Erfahrung machen werden. Er werde nicht an einem Herzinfarkt sondern an einem Lachinfarkt sterben. Das hielt Jonas für nicht fair. Jonas entgegnete ihm, daß seine Erfahrung gar nicht so einmalig und neu sei. Mit der Aufklärung, mit dem Tode Gottes, wäre das Leben der Menschen sehr viel schwieriger geworden. Die geschlossene Gemeinschaft, die ihren Halt von Traditionen empfangen hätte – man könne sich das heute noch an primitiven Gesellschaften vor Augen führen – ist hinüber. Der Weg zurück ist nicht möglich und wäre ohnehin eine Form der Regression. Also, daß das Moment der Freiheit direkt zum Problem würde für die Menschen, das muß man akzeptieren. Nur so können sie den Begriff von Freiheit überhaupt haben, sich selber reflektieren. Nur so können sie sich erheben über sich selbst, könne sich selbst in Frage stellen. Wenn damit zwar zugleich unheimliche Unterdrückunsgmechanismen in Gang gesetzt würden, sei es gegen sich selbst, gegen andere oder gegenüber der Natur, so ist das die Kehrseite der Medaille. Das ist der große Schaden. Die Entfremdung des Buchhändlers von seinen Büchern ist gewiß – in diesem spezifischen Sinn – ein nicht zu unterschätzendes Problem. Aber Jonas sagte auch, daß all das, was er, Schmieder, gelesen habe, nicht umsonst war. Schmieder konnte das nicht überzeugen. Er faßte das in folgende Paradoxie: Je mehr er lesen würde, desto weniger wüßte er. Jonas spürte an diesem Gedanken eine eigentümliche Wirkung. Sicherlich unterstützt durch das Schluchzen in der Stimme Schmieders. Jonas wußte nicht, ob er kurz vor einem Weinzusammenbruch war oder ob er schlicht etwas verschnupft war. Schmieder bewegte sich ohnehin sehr ruckhaft, wenn er sprach; klar, immer mit freundlichem Gesicht, er war ja Verkäufer, aber doch irgendwie verbittert. Es gab einfach hier keine Lösung.

Jonas verabschiedete sich endgültig mit den Worten, er müsse jetzt noch etwas arbeiten. Schmieder schickte ihn auf den Weg mit den hoffnungsvollen Worten, vielleicht könne man sich nächstes Mal über etwas anderes unterhalten.

Ein weiterer Auschnitt aus dem total misslungenen Roman: Angriff auf die Urteilskraft, Steinbach 1990, etwa Seite 44. - erster Ausschnitt

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