Texte fürs Blog

Den Turm verlassen

Alle paar Tage verlasse ich den Turm meiner Wohnung, wenn meine reale Anwesenheit tatsächlich erforderlich ist. Gegebenenfalls ist die Benutzung eines Gefährtes des öffentlichen Personennahverkehrs nötig, ein Omnibus Regensburgs. Führerschein und Auto besitze ich aus Rücksicht auf meine Umwelt nicht.

An sich liebe ich das Busfahren, also genauer das Mitfahren im Bus. Eine gute Zeit für Lektüre mancher Magazine oder dünner Reclambändchen. Doch dieses mal, weiß der Geier warum, packte ich Band 1 einer Hölderlin-Ausgabe in meine linke Jackentasche. Das empfahl sich insofern schon, als zahlreiche kleine oben aus dem Buch ragende Zettel versprachen, hier wolltest du doch noch einmal reinschauen. Das tat ich dann auch, aber es wurde immer merkwürdiger. Mit der Zeit stiegen Schüler um Schüler in den Bus hinein, um aus der Stadt heraus an ihren Stadtrandbereich gebracht zu werden.

Da saß ich nun, umgeben von pubertierenden und anders heranwachsenden Jugendlichen und blätterte in einem Buch. Ja, in einem Buch. In so einem Umfeld kann ich dann gar nichts mehr wahrnehmen, wage nicht einmal den Kopf zu heben, hoffe darauf, dass ich als wunderlicher Alter einfach als Kuriosum der Alten Welt ignoriert werde.
Süß ists, zu irren
In heiliger Wildnis
-- — -- —

Schnell hat man sich so eingeigelt, taucht ab, während der Bus die Kurven schwungvoll nimmt.
Wenn dann in kommender Zeit
Du einem Guten begegnest,
So grüß ihn, und er denkt,
Wie unsere Tage wohl
Voll Glücks, voll Leidens gewesen.
Von einem gehet zum andern

Es wird warm einem dabei, der Geist schlägt Kapriolen, erhellt und verdunkelt sich in einem, wie in einem Tunnel, der, je tiefer er wird heller wird.
Der Meer auch und Ströme müssen
Den Pfad sich suchen. Zweifellos
Ist aber Einer. Der
Kann es täglich ändern Kaum bedarf er
Gesetz. Und es tönet das Blatt und Eichbäume wehn dann neben
Den Firnen. Denn nicht vermögen
Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen
Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo,
Mit diesen Lang ist
Die Zeit, es ereignet sich aber das Wahre.

Das lässt man sich Zeichen für Zeichen, Wort für Wort, Satz für Satz, Klang für Klang in seinem Kopfe wie in einer Raumkomposition umherwandeln. Ein Ausschnitt nur aus der zweiten Fassung von Mnemosyne. Ein Blick in die dritte verrät, der Gedanke ist wieder getilgt und man fragt sich warum.
Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.

Verworfen, überliefert, für sich stehend. Wie passiert das, wie passiert mir das, wie widerfährt das mir gerade jetzt, warum sagen mir heute diese Worte etwas, die ich vor Zeiten als vollkommen unverstehbar wahrnahm. Ich muss aussteigen! Haltestelle — Endstation — Baustelle.

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