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Detig RBB verliert Prozess

Vor Monaten habe ich hier auch den Fall aufgegriffen, dass dem Redakteur für Neue Musik beim RBB, fristlos gekündigt wurde, weil dieser eine Moderation seines Musikchefs, Christian Detig, rügte. Dieser machte sich mehr oder minder eine Rundfunktheorie von Joseph Goebbels zu eigen und distanzierte sich eher nur formal davon, nicht aber die ARD-Intendanten, denen er damit Goebbels Vorstellungen unterschob — und zwar nicht in kritischer Absicht. Demmler informierte daraufhin einige ARD-Intendanten, die sich übrigens bis heute nicht von Detigs Thesen distanziert haben. In einem „Offenen Brief“ stellten sich zahlreiche namhafte Komponisten hinter Martin Demmler.

Gestern kam es in Berlin zur Arbeitsgerichtsverhandlung und die Richterin gab seiner Klage gegen die Kündigung statt.

Interessant ist auch folgende Beobachtung der FAZ-Autorin:
Demmlers Kritik an der Moderation rechtfertige keine fristlose Kündigung. Auch den Vorwurf, es handele sich um eine Urkundenfälschung, wies das Gericht zurück.
„Daß Demmler hier auf dem Stuhl sitzt, ist unser aller Schuld. Aus Angst hat keiner aus der Redaktion auf das Goebbels-Zitat reagiert“, heißt es unter den Zuschauern im Gerichtssaal. Namentlich genannt werden aber will niemand. Dabei habe die Musikredaktion gekocht, als Detigs Äußerung bekannt wurde.
[FAZ]

Das ist eben die Praxis. Das war schon bei der Abwicklung des Kulturprogrammes von Radio Bremen der Fall und passiert in zahlreichen anderen Rundfunkanstalten nicht anders. Auferlegte und selbstverordnete Maulkörbe. In der Wahl zwischen Loyalität und Kritik, schweigt die Kritik. Dass es vermutlich auch ausgerechnet Kulturredakteure sind, die da schweigen, wirft kein gutes Bild auf das, was sie da vertreten. Menschlich ist das nachvollziehbar in Zeiten hoher Beschäftigungslosigkeit. Aber wenn die Angst zu regieren beginnt, dann haben Vernunft und Gefühl abgewirtschaftet.

Schweigen ist eine der produktivsten Kräfte des Terrors.

Update: Die Märkische schreibt — deswegen mag die Überschrift komplett falsch sein:
Dem Vernehmen nach soll auch sein Kontrahent Detig die Kündigung als „zu hart“ empfunden haben.
[Märkische Allgemeine]

Da frage ich mich doch, wer hat denn da überhaupt wem gekündigt und wo ist das Problem. Denn auch der Personalrat und der Redaktionsausschuss hatten sich dagegen ausgesprochen. Und die Hörfunkdirektorin Hannelore Steer rügte immerhin Detig.

Kommentare

Der Niedergang des Kulturradios tut mir auch fast schon körperlich weh. Ich bin wirklich kein Experte. Aber wenn aus einer Mozart-Klaviersonate oder aus einem Flötenkonzert von Vivaldi nur ein Satz herausgenommen wird, dann ist das einfach kein Kulturradio mehr. Mag die Aufnahme auch sonst in Ordnung sein, es fehlen einfach zwei Drittel ...

Das Oberbekloppte an dieser Tatsache ist, dass dies von Leuten initiiert wird, die normalerweise gerne komplette Stücke hören würden. In einer Art vorauseilendem Gehorsam fügen die sich einer Vorstellung, die jeglicher empiriischer Überprüfung trotzt.

Die Hörerzahlen bei NDRs und RBBs „Kultur“-Radios sinken. Aber die werden sich da denken, wir senden wohl dann immer noch zu lange Stücke und die An- und Absagen sind auch viiiel zu lang. Wen interessiert schon der Interpreten- und/oder Komponistenname. Wichtiger ist doch, ob Komponist A vielleicht anno Soundso mal einen Schluckauf hatte. Das ist doch wirklich lebensnah.

Schlimmschlimmschlimm.

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