Texte fürs Blog

Die Rationalität der Unvernunft

In der aktuellen taktlos-Sendung vom 10. Oktober ging es um "Braun-Musick", so der Titel. Welche Rolle spielt Musik in der rechtsextremen Szene, war die zentrale Frage. Jetzt kann man sie nachhören als mp3. Auch ich hatte dafür einen Beitrag verfasst, einen recht allgemeinen.

Dabei habe ich einige Literatur verwendet, deren Quellen naturgemäß nicht im Beitrag genannt werden konnten. Das sei hier nachgeholt.

  • Hajo Funke: Paranoia und Politik. Rechtsextremismus in der Berliner Republik, Schriftenreihe Politik und Kultur Bd. 4, Verlag Hans Schiler, Berlin 2002, 330 Seiten, 19,80 Euro.
  • Annett Mängel: Ganz normal rechts, Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2006, S. 1295 ff, (http://www.blaetter.de/artikel.php?pr=2427)
  • Lorenz Korgel: Links anziehen, rechts marschieren, Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2006, S. 157 ff.

Ein bisschen ist das jedoch noch zu kommentieren. Für mein Gefühl ist der Umgang mit den Phänomenen durch die Teilnehmer insgesamt wesentlich zu sehr auf die Frage der Rationalität konzentriert gewesen. Mit Aufklärung und Selbstaufklärung will man da die Situation entschärfen. Das aber setzt voraus, dass "Vernunft" überhaupt eine Rolle in solchen Zusammenhängen spiele und "Unvernunft" durch rationale Argumente zur "Vernunft" gelangen könne. Nun ist es oft so, dass man auch mit der größten rationalen Anstrengung gegen Obskures nicht viel machen kann. Theodor W. Adorno wies darauf einmal mit Bezug auf Karl Mannheim hin:

Karl Mannheim hat einmal darauf aufmerksam gemacht, wie genial der Rassewahn dadurch ein massenpsychologisches Bedürfnis befriedige, daß er es der Majorität erlaubt, sich als Elite zu fühlen und für die Ahnung ihrer Ohnmacht und Inferiorität an einer potentiell wehrlosen Minorität sich zu rächen. Die Ich-Schwäche heute, die gar nicht nur psychologisch ist, sondern in der der seelische Mechanismus die reale Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der vergesellschafteten Apparatur registriert, wäre einem unerträglichen Maß an narzißtischer Kränkung ausgesetzt, wenn sie nicht, durch Identifikation mit der Macht und Herrlichkeit des Kollektivs, sich einen Ersatz suchen würde.
[Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Meinung Wahn Gesellschaft. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8357 vgl. GS 10.2, S. 580) ttp://www.digitale-bibliothek.de/band97.htm ]

Das heißt, die Dinge sitzen viel tiefer und eingeübter. Das ist nicht nur für Randgruppen typisch, sondern jeder wird das an der einen oder anderen Stelle auch an sich selbst bemerkt haben. Es ist dann wie eine Vernunft/Körper-Schranke. Natürlich wäre eine Stellung denkbar, es zu solchen Einübungen erst gar nicht kommen zu lassen. Das wäre dann gleichwohl eine sehr rationale und genauso zu fürchtende Lebensform. Man kann da an Samjatins "Wir"-Welt denken, die so aufgebaut war, dass alles seine Ordnung und Form hatte. Der Protagonist dort wird durch Musik von Skriabin aus dieser Welt herausgeholt (dabei war diese Musik als Abschreckung der alten und überwundenen Welt gedacht). Die Vernunft/Körper-Schranke wurde in anderer Richtung durchbrochen und ließ das erste mal so etwas wie Lebendigkeit oder Freiheit zu.

Meiner Meinung nach kommt es darauf an, diese Mischung aus Ratio und Libido in einer gescheiten Waage zu halten, sich gegenseitig durchdringen zu lassen. Eines offen zu halten für das andere. Schwer genug, aber wie soll das bei gänzlich zerschundenen Menschen gehen? Wo ist da die Öffnung, der Punkt ihrer Offenheit zu finden. Was hilft es Rosenberg zu desavouieren, wenn man trotzdem daran glaubt, weil man daran glauben will.

Gleiches Thema, andere Baustelle. Quiri setzt sich gerade mit der "Hexenprozeß beim ZDF" auseinander. Heinz Gelking von "platte11" geht es um die Reaktionen auf Metzmachers Konzert zum Tag der Deutschen Einheit mit Hans Pfitzners "Von deutscher Seele". Auch hier werden Beispiele aus der aktuellen Situation aufgenommen, in denen es um den Umgang mit uns selbst geht.

Kommentare

Isch habe Parkett! Hätte ich gerne wenigstens, immerhin gut zum Ausrutschen. Einmal hatte ich, und da hatte der Staub keine Heimat mehr. Er rauschte statt dessen weiträumig unter Bett und zwischen Flur und Hain.

Bizarr 2: Häkeldeckchen = Rhizom. Ich werd nich mehr.

Ich glaube, wir sind hier gerade der größten philosophischen Verschwörung auf der Spur.

Nö. Die größte Verschwörung ist der Teppich auf dem man steht. Häkelrhizome sind da professoraler Kleinkram.

Meiner Treu, das wird ja immer bizarrer. Und sowas hört man dann freiwillig. Mortus Häkeldeckus Feldmanus.

Parodien ist gut. ;-)

Ah, Addy und die Häkeldecken. Tolle Anekdote. Henzchen-Werner berichtet davon in seinen Tagebüchern. Wie Addy ihn trotz Verriss zu sich nach Hause einlädt und ihm zwischen Hekatomben von Häkeldeckchen (Äschtätick isch hör Dir trapsen) mit schiefer Stimme stundenlang seine super Indianer-Kompositionen vorsingt. Immer wieder toll diese Differenz zwischen öffentlich plaziertem Werk und privater Wirklichkeit.

Wat? Der Henzchenklein führt ein Blog?

Isserinteressant. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass es von dem Singspiel "Der Schatz des Indianer-Joe" nur zwei Piecen gab, zusammen um die sechs Minuten hochgerechnet lang.

Und man darf ja eines nicht verwechseln: Der Feldman hat nach den Häkeldeckchen Adornos sein ganze Spätwerk orientiert.

Diese Sache mit den Parodien ist ja ein alter Hut in der Tat. Man kann sie eben auch nach der anderen Seite auflösen und wie weiland Metzger sagen, dass Töne eben nicht katholisch, kommunistisch oder irgendwas anderes sein können. Man kann sich auf alles einen Vers machen - und genau das passiert ja auch. Ein Frank Rennicke hat angeblich immer seine GEMA-Gebühren entrichtet. (Steht in der folkworld 2002 - muss man etwas die Seite abrollen.)

Schwierig die Sache. Klar, die Logik der Töne ist von eigener Art - und für die meisten und meistens auch mich schwer zu kapieren. Nur was will man machen. Heute beim Mittagessen hat mich der Blues gegenüber meinem Konditor gepackt. Ich habe keine Lust mehr etwas zu erklären, warum auch und wem auch und wozu auch. Dann denke ich unwillkürlich immer wieder: Was soll das? Wem hilft das, der es nicht will? Überhaupt habe ich keine Lust mehr, zu verteidigen oder zu argumentieren. Hat so selten Sinn. Sinnlose Vorwürfe dürfen sich in den Raum hinten in die Schlange stellen.

Es muss und kann nur anders gehen.

Hey, und Addy hat es mit Häkeldecken gehabt?

Feines Pit. Grübel mir auch seit je n Lobus darüber ab. Hatte mal nen harten, rechten Rocker als Git-Schüler. Was mir schon immer auf den Senkel ging: Rechts und links benutzen das gleiche Material, bis runter in alle Elemnte, da sind Niedecken und Störkraft nicht so weit voneinander entfernt. Da dient dann der jeweilige Liedtext lediglich als Feigenblatt um das ästhetische Material zu verschlagworten (Linker Rock - rechter Rock). Bäh.

Auch fein: Zusammenhang zwischen Entwicklungspsychologie und Ästhetik. Konkret operatorischen Zeitgenossen erschliesst sich nie die "logik der Töne". Never. Neugier ist ein Metageschäft und braucht den inneren Willen zur Entwicklung. Häkeldecken Addy hatte den übrigens auch nicht. ;-) (Mein ja nur)

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