Texte fürs Blog

Geschlechtstotale

Gestern abend gab es taktlos im Rundfunk. Es fing damit schlecht an, dass ich vergessen hatte meinen Akku in die Kamera zu pflazen. Ohne Strom läuft das eben nicht. Im Boder versunken wäre ich da am liebsten. Die Sendung selbst mit dem schwierigen Thema „Zu nah - Panische Gefühle im Instrumentalunterricht“ versprach nicht gerade besonders taktlos werden zu können. Mein übliches Geblöke ging da nicht. Damit lässt sich ja leben.

Nach der Sendung aber, beim informellen Gespräch, da bekam ich die wirkliche Krise, wie man wohl so sagt. Mit einer Vertreterin entspann sich zunächst ein gewöhnliches Gespräch. Sie erklärte, was sie so mache, nice-guy-engine. Sie wolle ein neues Männlchkeitsbild. 90% der Männer seien scheiße. Etc. pp. Ich warfe dann ein, erklärtermaßen in dieser Runde mit dem Vorspann der Naivität, dass ich doch zunächst nicht Menschen danach einrichte, ob sie Männer oder Frauen seien. Menschlichkeit im Umgang forderte ich, ganz banal. Das wurde sofort abgewiesen. Nein, das gehe nicht, das sei ein Abstellgleis der Vorstellung. Das laufe doch auf ein Mischmasch hinaus in falscher Gleichmacherei. Sorry.

War offenbar ein Fehler. Leider bin ich längst nicht mehr geübt im Diskutieren. Ich war baff und sprachlos, bzw. sauer. Obersauer. Und da halte ich für gewöhnlich lieber die Klappe neuerdings, weil ich zum Eifern neige, was der Sache nicht gut tut.

Morgens dann aufgewacht, eine Stunde früher als nötig und weiter war ich sauer. Richtig sauer. Mir kommt das in der Nachbetrachtung so vor, als sei diese Soziologin mit ihren Thesen vollkommen auf dem falschen Dampfer. Was wollte sie denn: a) sagen, dass Männer nicht rauskommen aus ihrem Doofsein, b) dass es unmöglich ist, jemanden nicht zunächst als Geschlecht zu sehen; c) gar, dass es eine biologische Konstante sei. Dann aber doch ist es entschieden unmöglich, etwas an der Situation zu ändern, es sei denn man missbrauche und verdrehe „die Männer“.

Will sie mit der Forderung nach einem neuen Männlichkeitsbild nicht nur auch eine weitere Funktionalisierung von Individuen entwerfen? Werde so, dann nur bis du gut (nice-guy-engine ist da dann sehr aufklärend). Umerziehungslager sage ich.

Und vor allem, warum darf man keine Menschen sehen? Warum muss alles eingekastelt werden. Ist das nicht sogar noch schlimmer. „Du bist zuerst Mann (Arschloch) oder Frau (Gut, wenigstens aber besser), dann bist du Religion oder Rasse? Kind oder Rentner? - Du bist Schwarzer, Du bist Jude!“ Du kannst nicht ohne dieses Bestimmungsmerkmal wahrgenommen werden. „Mach die Farbe ab, wirf deine Religion weg - und wenn dem nicht folgst, bist du ein Schwein!“ Soll das die Konsequenz sein.

Dieses „ich will ein neues Männlichkeitsbild“, ich würde ja nicht mal ein neues Menschlichkeitsbild verlangen. Wer gibt mir dazu das Recht? Was ich doch nur will, ist, dass man in jede Situation für sich gehen kann. Ich verhalten mich meinen Mitmenschen gegenüber doch auch nur individuell gegenüber. Ein mimetisches Vermögen, das wünsche ich mir, eine Entfaltung von Urteilskraft dazu. Differenzierungsvermögen, kein Diffamierungsvermögen. Das hat doch nichts mit Gleichmachen zu tun, sondern ist das Gegenteil davon.

Aber ich bin eben nur naiv. Und ich bin sauer.

Kommentare

„Was ich allerdings damals am meisten genossen habe, war, dass das Feindbild so klar war. Die Schweine waren doch die Männer. Also nich, dass man nicht mit ihnen ins Bett gegangen wäre oder essen, nur wenn es hart auf hart kam, Schweine waren immer die Männer. Jetzt sagen Sie nicht, Sie erinnern sich nicht mehr? Am schönsten war doch die Phase - nur war die allerdings sehr kurz - , als die Jungs das selber eingesehen haben. Die sind doch massenhaft in die Toskana gefahren, um zu aquarellieren, damit sie dieses innere Schwein loswerden. Man konnte ja jahrelang nicht mehr nach Italien, weil überall diese wasserfarbespritzenden Exchauvinisten rumhockten....
So, jetzt erinnern sie sich.“

Die Missfits wussten schon anno 94 wie das geht, mit dem Umerziehungslager...

Ich bin schon unterwegs nach der Toskana und male aber rotweinaquarellig.

Halt!
Mooooment!
So einfach abhauen gilt nicht.
Vorher üben wir noch ein wenig. Sprich mir nach:
„Ich bin ein Schwaaaiin.
Ich bin ein Schwaaaiin.
Ich bin ein...“

Ach Quatsch, nee, das bringt's nicht.
Den Alt-68Innen-SoziologInnen-Test besteht Mann ganz anders:

Nenn'Dich ab heute Martina.

(So, wie Du das gestern schon vor hattest)

Nicht ärgern, diese Frau dreht nur wohl recht unreflektiert, weil sich im Recht wissend, das alte Denken einfach um...

ist irgendwie zu verstehen. Frauen werden beispielsweise erst als Frauen gesehen und nicht als Kolleginnen oder kompetente Mitarbeiterinnen, das kann man doch nicht leugnen, oder?
Und wenn man dann den Spieß umdreht, macht es dich sauer.. Ist gar kein so schlechter Effekt..

denn so sauer bin ich schon mein ganzes Berufsleben;=)

Ich weiß, daß Spieß umdrehen keine Argumentation ist und sicherlich nicht die Lösung und das Endgültige, aber es ist als rhetorisches Mittel gut geeignet, diese Ohnmachtsgefühle zu wecken
das zumindest ist ihr gelungen.

Ob sie sich selbst mit ihrer Aussage in eine Ecke manövriert hat, muss dich nicht kümmern

Denn es gibt Veränderungsmöglichkeiten, Ansätze, aber es gibt, und das ist auch wieder nicht zu leugnen, ein starkes gesellschaftliches Rollback momentan, die Werbung macht es wieder vor und die Teenies machens nach: Die Frau ist Sexualobjekt, dumm, steht immer 2 Schritte hinter dem Mann, etc.

Dieses ganze Thema wird wohl nie aufhören, aber zumindest wenn man Diskriminierung erfährt und bemerkt, ist man einen kleinen Schritt weiter...

Nun ja. Es ist doch das Spiel nicht umgedreht worden. Mit so etwas kann ich gut leben. Das wäre ein Spiel. Sonst gebe ich dir durchaus recht. Was mich so immens stört, ob es ein Frau sagt oder ein Mann ist mir schnurz, ist, dass Verhältnisse zementiert werden sollen. Neu zwar, aber Verhältnisse. Im Leviathan konnte ich 1998 lesen:

„Nicht die eindimensionale Herrschaft des Patriarchates bedroht universell die individuelle Autonomie, sondern vielfältige kulturelle Normen, die in unser Alltagsleben selbstverständlich eingelassen sind. Ausgrenzung bedeutet nicht nur die strukturelle Unterdrückung von Frauen, sondern die Klassifizierung von Menschen überhaupt. Damit begänne eine Politik der Autonomie zuallererst mit einem tiefen Mißtrauen gegenüber den alltäglichen Gewohnheiten des Denkens und gegenüber dem, was unserer Wahrnehmung so scheinbar selbstverständlich geworden ist.„

Dem kann ich vorbehaltlos nur zustimmen. Wann endlich, von welcher Seite auch, hört es auf, dieses binäre Denken, welches sich als Grundlage vor alles Denken und Tun stellt?

Vor allem, es läuft doch, wenn ich der Soziologin folge, läuft es doch prima daraufhinaus, was auch im Leviathan stand:

„Wenn Frauen universell eine andere Moral, ein anderes Arbeitsvermögen, eine andere Erfahrung zugeschrieben wird, dann wird es auch leichter, ihnen (wieder) einen dementsprechenden Platz innerhalb der Gesellschaft zuzuweisen.“

Genau das passiert permanent. Männer auch, den Menschen insgesamt.

Grrrrrr. Für die Haltung der dummen Dame gibt es ein Fachwort: Geschlechterrassismus.
(Glückwunsch für die Beherrschtheit. Ich habe in solchen Situationen immer häufiger Gewaltfantasien. Als Frau darf ich ja.)

:-) Es war leider nur eine Beherrschtheit wider Willen. Gerne hätte ich contra gegeben. Aber ich wollte einfach lieber mal mein Essen essen statt zu schwitzen.

Aber es ist plötzlich merkwürdig still gewesen am ganzen langen Tisch. Auch eine Merkwürdigkeit. Es schein so, als ob man geradezu auf eines Eskalation gewartet hätte.

Natürlich ergreife ich Partei...vielleicht später noch das Zepter. Nein, diese Frau hat sich doch selbst vernichtet und vorgeführt: Während du mit erstaunlicher Gelassenheit und merklich steigendem Blutdruck an deinen Pommes lutschst benutzt sie den moment um deine aussage ins lächerliche zu ziehen, schlimmer noch, das war ja keine kritik, sondern ein herablassendes „Ach dann lassen wir den kleinen martin mal auf dem abstellgleis spielen“
Pfui und hui..? Ja haben wir doch ein subtiles Machtspielchen erwischt. Berechnend, taktisch und langanhaltend schmerzhaft.
Neben prügeln, vergewaltigen und totkloppen gibt es immer noch wesenszüge die der weiblichkeit eigen sind - um uns auf dem schwarz/weiß-niveau einzupendeln. TUT! TUT!

Das Prügeln und totkloppen bezieht sich natürlich auf die Männlein

Ich bekenne mich auch zu der Meinung aus Deinem Artikel, dass „ich doch zunächst nicht Menschen danach einrichte, ob sie Männer oder Frauen seien“. Zum Glück kenne ich (neben meiner Frau) noch eine Menge Leute, die das genauso sehen. Ich werde in solchen Situationen mittlerweile auch betont ruhig, aber mir geht es auch nahe.

Ich frage mich manchmal, wem das denn eigentlich Nutzen bringt, was die Dame da vorgetragen hat und was die Kaltmamsell so treffend als Geschlechterrassismus bezeichnet hat. Dahinter müssen doch bestimmte Interessen stehen.

Angetrieben von:

Powered by Drupal