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Gesetz und Freiheit

Lichschacht SolitätIn seinen Vorlesungen zur Moralphilosophie von 1963 analysiert Adorno die Zusammenhänge von Freiheit und Gesetz. Im Hintergrund steht dabei die Moralphilosophie Kants. Was er sehr bald erklärt, trifft heute genauso ins Zentrum, nur mit dem Unterschied, das die Verrechtlichungsverhältnisse immer mehr auch auf privater Ebene sich durchsetzen.

Das Gesetz als umfassende Bestimmung, die keine Ausnahme duldet, hat in sich selbst etwas Totalitäres, tut den Menschen auch dort Zwang an, wo der Zwang kein Moment von Vernunft hat. Indem Freiheit eingeschränkt wird, ist sie auf des Messers Schneide, ganz zu verschwinden. Die Sphäre des Rechts, auch da, wo sie formaliter unter der Idee steht, Freiheit zu schützen, zu garantieren, hat in sich die Tendenz, Freiheit abzuschaffen. (…) Da das Gesetz die Tendenz hat, sich stärker geltend zu machen als die Freiheit, kommt es darauf an, aufzupassen, aufs äußerste wachsam zu sein gegenüber einer Fetischisierung des Gesetzes, der Rechtsnormen, etwa im Namen der Unwiderruflichkeit einmal gefaßter Beschlüsse. Man kann sich nicht bei einer sogenannten Ordnung bescheiden, denn sobald eine solche Ordnung da ist, pflegt es um die Freiheit geschehen zu sein. (Th. W. Adorno: Problem der Moralphilosophie, Nachschrift der 12. Vorlesung vom 9.7.1963, Frankfurt/M. 1996, S. 181 f. , Hvhb. von mir.)

Die "Fetischisierung des Gesetzes" hat sich über so vieles gelegt, was früher nicht auch nur ansatzweise damit zu hat. Es ist gar nicht abzuschätzen, wie weit diese Tendenz schon auch das Denken und Miteinanderleben durchdringt; was früher einmal eher witzig mit: "Sprechen sie mit meinem Anwalt" hingeworfen wurde, ist immer mehr eine akute Drohung. Dieser Prozess ist meines Erachtens schon so weit fortgeschritten, dass er das "freie" Denken okkupiert hat. Der Zwang des Gesetzes ignoriert Vernunft und tritt vielmehr an dessen Stelle. Und schafft damit ein vornehmlich moralisches Verhalten ab.

Nicht zuletzt Formen von Rechthaberei verbreiten sich auf diese Weise. Sie bestimmen auch immer öfter die Form der Reaktion. Die Verletzung wird durch eine Objektivierung aufs Recht oder das Gesetz von den Subjekten abgeschnitten. Man ist nicht verletzt, sondern das Recht: Ein Verdrehung der Realität.

Aber die Ignorierung von Recht oder Gesetz hat nicht Freiheit zur Forlge:

Die reingesetzte, absolute Gesetzlosigkeit und Freiheit ist unmittelbar eins mit Unfreiheit. Dasselbe gilt innerlich. Folgen die Menschen ihren Bedürfnissen ohne Realitätsprüfung und Ich-Kontrolle, so werden sie abhängig von sich selber und damit unfrei. Der süchtige Mensch ist der Extremfall, er kann sich Bedürfnisse nicht versagen, die unmittelbar der Selbsterhaltung widersprechen. (Th. W. Adorno: a.a.O., S. 181 f.)

Nun lässt sich da fragen, wie denn Realitätsprüfung auszusehen habe, welche Realität denn da gemeint sein wird, mit welchen Mittel man zu ihr überhaupt Zugang hat. Und wie sehr man sie überhaupt kann wahrnehmen, ohne Verschleierung. Was auch für das Ich gilt. Man wird eben die einfache Lösung in all dem nicht finden. Es aber an Werte und Normen, die wie vernünftig auch immer gesetzt, abzugeben, ist kein Weg.

… die Normen rechtfertigen sich nicht vor der Vernunft, sondern sind von der Sehnsucht herbeigezogen. Die spricht sich auch in den Werten aus. Einmal sind sie willkürlich gesetzt, zum anderen spricht sich darin die Schwäche von Menschen aus, die nicht vermögen, sich wahrhaft selbst zu bestimmen und ihrem Gesetz zu folgen, sondern nach etwas suchen, "was da käme und sie mitnähme". (Th. W. Adorno: a.a.O., S. 180 f.)

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