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»Haben Sie [Regensburg] reserviert?«

Ey sach ma, wo sind wir denn hier? In Regensburg, der potenziellsten Kulturhauptstadt Europa natürlich. Die Kaltmamsell hätte mir Warnung genug gegeben haben können, als sie auf ihrer Vorspeisenplatte folgendes anrichtete: »allein fühle ich mich am daheimsten.« Aber in den Wind gepfiffen. Am Sonnabend abend durfte ich mit dem Neffen meines Nachbarn und seinem Freund nach einem Lokalbesuch typisch bairischer Art noch in die Nacht ausströmen. Meine Absicht war klar. Rein ins Haus Heuport, vis a vis dem Domportale, einen feinen Whisky sanft genossen und wieder ab nach Hause. Was die Jugend danach macht, soll ihre Sache sein.

Haus Heuport von innenAlso ging es in diese superhübsche historische Totenmaskenstadt und bald kam das Haus Heuport (siehe historische Lomographie aus dem Jahr 1998) in Sicht- und Hörweise. Würg und schluck. Da tönte es begleitet von einer Lichtorgel im Sound der 70er und 80er Jahre Disko-Kacke. Man konnte Umrissen von außen hopsen sehen. Ein furchtbarer Fall von Geschmacksverwirrung. Denn diese wunderschöne hübsche Gebäude war auf einmal ein Raum kulturellen Muffs und Abfalls.

Na gut. Ist nicht so schlimm. Daneben gibt's ja das Dombrowski, dessen Schönheit nicht in der Höhe sondern der Tiefe des Ortes liegt. Das letzte mal vor vier Jahre war ich anlässlich einer Vorhochzeitsfeier drin. Tief unten drin. Das hatte was. Wenigstens das wollte ich den jungen Berliner Gästen zeigen. Also rein und plötzlich Stop! Ein Mann, oder was sich dafür hält, steht von einem Hocker am Eingang auf und fragt mich, ob ich den reserviert hätte. Nicht, dass die da drinnen so aussahen, als ob es da irgendwas zu reservieren gäbe. Die standen da wie überall an der Theke oder saßen an so Lokaltischen. Ich verneinte trotzdem und wurde selbstredend abgewiesen. Mein Kollege Andreas K. sagte mir heute am Telefon, er habe extra sein Fahrrad woanders geparkt, weil »die« das für nicht würdig hielten.

Der Ärger über dieses verrottete Regensburg stieg darauf unermesslich an. Das ist mir in meinem Leben noch nie passiert, das ich abgewiesen wurde. Der Typ vom Hocker hätte mir ja sagen können: »Alter, du siehts sowas von Scheiße aus und hier kommen nur Spaß-und-Reich-Fuzzis rein und die können so eine abgelatschte Fresse wie deinen nicht sehen, wollen so einen Abschaum nicht haben.« Aber: »Haben Sie reserviert?« war frech. Nun kenn ich das nur aus dem Fernsehen, dass man sich dann nicht so anstellen soll und einfach abzieht. War auch so, nicht ohne über diese ätzende Stadt noch ein paar Flüche auszugießen, und noch mehr Flüche auszugießen, und noch mehr Flüche abzulassen. Der »Kulturwart« hatte zugeschlagen und mir diese bauliche Regensburger Schönheit vorenthalten.

Falls Regensburg einmal Kulturhauptstadt werden sollte, dürfte das die ganze Stadt betreffen. Am Bahnhof gibt's dann erst einmal eine Einlasskontrolle. An den Autobahneinfallstraßen ebenfalls. Unsere Stadt soll schöner werden, also raus mit dem Gesindel.

Andreas K. führt uns dann weiter ins »Ichweißnichtwas« und spendiert einen Drink. Ich wähle aus dem Anschlag an der Wand ein Cranberry Wodka. Würg! Ein abgeschlabberter Billardtisch dürfte nicht schlechter schmecken; gleichwohl erspare ich mir den Vergleich, obwohl dort ein Billardtisch mit drin steht. Bloß weg da. Diese vielen Menschen in der Stadt, die sich vergnügen und so was machen.

Weg und um die Ecke. Da hatte ich vor sechs Jahren mal einen Whisky bekommen. Ist heute eine Sportbar namens »Peanutz2« oder so ähnlich. Kannste vergessen. Vorbei an Gaffels Kölsch, der Fussballerkneipe. Um die Ecke, vorbei an diesem und jenem. Freundlich in die »Diba« reingeschaut. Aber auch kein Whisky aus Schottland. Das nächste Lokal, das solide aussah, führte zwar bestimmt neun Flaschen vor. Aber die taugten alle nichts. Also rückwärts und um zig Ecken in einen »Tipp« namens »Kaminski«. Bei dem hielt sich lange das Gerücht, das der Verpächter ein Arschloch sei, aber das Gerücht ist auch schon acht Jahre alt (und soll im Übrigen mindestens für heute nicht mehr gelten). Also da rein.

Die erste freundliche Bedienung, wirklich freundlich, bemüht, den Gast zufrieden zu sehen. Sie reicht mir die Karte mit den vier Whiskies zur Ansicht. Immerhin Macallen, Glenmorangie, Glen Rothes und Bowmore. Ich wähle den mir unbekannten Glen Rothes und die Berliner Gäste schließen sich der Wahl an.
The Glen Rothes
A popular, fullbodied single malt with distinctivly peaty characteristics and a pleasing dryness to its aftertaste.

Bald haben wir auch einen schönen Sitzstützpunkt mit Blick auf alles, was sich bewegt. Und endlich habe ich mich auch beruhigt und kann so etwas wie Entspannung spüren. Langes Getränkgenippe- und -gerieche. Hmmm, lecker. Danach den Bowmore gewählt, den ich nun von der Schottland-Bildungsreise von 1994 kannte.
Bowmore
With its pleasent aroma and peaty-fruity flavour, Bowmore is a good Islay malt for newcomers to these distinctive whiskies to try.

Der ist zwar ein bisserl eckig und wenig nachhaltig, aber eben eine andere Richtung. Das Gespräch mit den Berliner Jungs wurde gemütlich.

Sagen wirs mal so: Wer mich in Regensburg nicht antreffen möchte, der ist im »Dombrowski« in Zukunft vor mir sicher. Überhaupt wird in Zukunft Regensburg am Sonnabend vor mir sicher sein. Diese Stadt ist dann einfach doof, eingebildet und altklug.

Kommentare

Ja, Kultur in Regensburg, das heißt:
Die Preise werden etwas angehoben, das Niveau dafür gesenkt. Das selbe mache ich mit meinem Hemdchen und der Hose - am liebsten im Anblick der Kulturförderer.

Also, ich denke mal jede Stadt hat Vor- und Nachteile, als Beliner müsste man das ja eigentlich kennen.
Eindeutiger Vorteil: Nette, hilfsbereite Menschen, um einiges mehr jedenfalls als in Berlin (genug Zeit in Berlin verbracht). Nicht so anonym, Frauen kennenlernen, kein Problem, sehr viele hübsche Studentinnen...
Da Regensburg ja jetzt wegen der Thematik Kulturhauptstadt nicht mehr im Rennen is, eh nicht mehr aktuell, da gibts auch wirklich bessere Städte, aber Kneipentour in Regensburg is echt was wert. Und natürlich ist das frustend in ne Kneipe nicht reinzukommen aber deswegen die Stadt zu verurteilen???
Und weil die in ner Regensburger Kneipe nicht mehr als 5 Whiskeys im Angebot haben???? Die Karten der Lokalitäten werden in der Regel an die Bedürfnisse des Publikums angepasst, logisch oder??
Und das ist hier bestimmt nicht in erster Linie Whiskey.
Ich lebe jetzt schon ne Zeit hier in dieser idyllischen, netten und vom Altersdurchschnitt der Menschen hier sehr jungen Stadt, und bleibe auch noch ne Zeit, denn Regensburg hat für seine Grösse schon sehr viel zu bieten, v.a. sehr nette Menschen.

Traurig, aber wahr...Türsteher mit Glatze und Hohlraumversiegelung bestimmt das Ambiente...Sorry, inakzeptabel...der Satz: „Haben sie reserviert?“ kommt in mir hoch...man lässt es sich eingehen, wenn in einem Laden etwas geboten ist, doch bei soviel Pseudo-Mentalität fragt sich der Kunde: Wo sind wir?
Der Vergleich mit anderen Städten unzulässig...der normal sterbliche sollte sich einfach mal bewusst werden, dass wir in der Provinz sind...demnach stellt man sich außerdem die Frage, warum die Türen in Weltstädten, wie New York, Sydney oder London offenstehen, auch wenn hippige Klamotten als Bekleidung gewählt werden...Muss es denn immer Markenschleuderei sein? Mittlerweile ist es doch langweilig...jeder Pseudo trägt sie und Individualität ist nicht mehr gefragt...das Standard-Modell ist gefragt...Die Problematik des Ganzen lässt sich damit begründen, dass nur Provinzlinge vor den Türen stehen, von der grauen Masse einmal abgesehen...Ich wünsche mir mehr Offenheit und Akzeptanz in unserer gar sehr spießbürgerlichen Gesellschaft, die manchen Leuten, die gewisse Individualität abnimmt durch Werbung. Ach es macht halt immer wieder Spass...Ignoranz ist in diesem Fall der richtige Weg...wenn keiner mehr kommt, verschwindet komischerweise auch der Türsteher (Hallo Gallerie!). Wieso die Metamorphose? Oh, ein gar nebensächlicher Faktor tut sich auf, das Geschäft...wenn´s nimmer läuft kann auch wieder der „Pöbel“ partizipieren...die Welt ist so einfach...am Ende siegt jedoch immer noch die Intelligenz und nicht die Pseudo-Natur des Seins. Schön, dass Intelligenz nicht käuflich ist...ich grüße alle Pseudos und hoffe, dass sie immer in ihrer kleinen Welt bleiben werden...die Welt ist zu schön, um sich von dieser Idiotie einfangen zu lassen...also stellt bitte weiterhin die Frage: „Haben sie reserviert?“ Auf ein Wiedersehen freue ich mich.

l666

...hmpf... war gestern in Regensburg unterwegs, kann ich ja gut leiden, die Stadt, aber gestern hat es mir auch die Sprache verschlagen. Hotel W. mit Restaurant an der Universitätsstrasse. Musste da hin, „gesellschaftliches Ereignis“. Hunger. Beim Blick auf die Speisekarte dachte ich erst, aha, ist ja wie in München oder Hamburg oder Berlin. Teuer. Trotzdem bestellt. Fürchterliche Ernüchterung: Das Preis-Leistungsverhältnis gab es schlicht nicht, und mir war danach schlecht. Das was die anderen bekommen haben, war auch nicht besser und günstiger. Dafür ist das Ambiente gepflegt angestaubt aus den 70er Jahren, und ich musste mich wirklich fragen: Öha, wo bin ich denn hier? Passt sich die Gastronomie in Regensburg (oder das, was sich für Gastronomie hält) dem entgangenen Titel der Kulturhauptstadt an?

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