Texte fürs Blog

Hey, heute ist ja Nationalfeiertag

Eilige Arbeitsunterbrechung. Meine liebe Kollegin aus Läpsch hat mir ein Geheimdokument zugeschanzt, welches die Bedeutung des heutigen Tages genial hevorhebt. Am heutigen 7. Oktober, dem 55. Gründungstag der DDR (wenn es ihn denn gegeben hätte), erläutert der MDR-Journalist Jörg Sobiella seine Sichtweise auf den „Weg zur Befreiung unserer deutschen Landsleute“. Und das auf MDR! FIGARO!!

Nur mal so vorweg ein paar Kostproben:
… Zum 40. Jahrestag der DDR schenkten die Zeissianer dem SED-Generalsekretär den ersten selbstgefertigten 1-Megabit-Ship. Man male sich aus, was dem Partei- und Staatschef dieses Jahr, zum 55. Jahrestag, als Spitzenleistung präsentiert worden wäre: das erste selbstgebaute Mobiltelefon vielleicht oder die Ankündigung, daß die ersten 100 Faxgeräte in der Republik installiert werden. …

… Uns wendegeprüften Ostdeutschen wird die Dickfelligkeit und Perspektivlosigkeit der derzeitigen bundesrepublikanischen Gesellschaft nicht wirklich erschüttern und sie scheinen uns auch nicht neu zu sein: der Niedergang der politischen Kaste und ihrer Parteien, die mit dem Stückwerk ihrer Reformen schon beim Dosenpfand scheitern und blind sind für die Verantwortungsflucht der Eliten, die es den Essers und Ackermanns erlaubt, unterm Victory-Zeichen sich gegenseitig Millionenbeträge in die Taschen zu stopfen, dieweil Hunderttausend andere auf eine Hartzwanderung durch die Täler der Entsolidarisierung geschickt werden. …

Langsam passt eben doch zusammen, was sich da auswächst.

„Mir fällt zur Wende nichts ein“
von Jörg Sobiella

Mir fällt zur Wende nichts ein. Mit diesem Ergebnis längeren Nachdenkens bleibe ich beträchtlich hinter meinen eigenen Erwartungen zurück...

„Denk, Dir“, sagte damals eine Bekannte zu mir, „wir erleben gerade Geschichte wie 1789 in Frankreich.“ Erlebten wir Geschichte? Wir steckten mitten in einem historischen Wahnsinn. Wir sagten in den Herbstwochen 89, im Winter und Frühjahr 90 nicht „Guten Tag“, wir begrüßten uns mit der Versicherung, daß das alles „Wahnsinn“ sei, spätestens seit dem 9. November.

Keine Tante im Westen
Freudentränen, Begrüßungsgeld und Kulturschock, für all jene, die keine malade Tante im Glitzerreich des faulenden und sterbenden Kapitalismus heimsuchen konnten und die der Rückseite des antifaschistischen Schutzwalls noch nicht ihre eigene Rückseite voller Genugtuung hatten zeigen können. Binnen Wochen war die „Zukunft der Menschheit“, das „sozialistische Weltsystem“ vom Mantel der Weltgeschichte verweht, waren die anscheinend so fest gefügten Mauern rings um das kleine Land wie eine Sandburg zusammengesunken.

Stickige Vorhöllen-Idylle
Wir lebten in der stickigen Vorhöllen-Idylle dieser „Zukunft der Menschheit“, des Kommunismus, den wir mit (Staats-)Sicherheit niemals erleben würden. Von Privatleasing, feng shui, simplify your live, von Vorsteuer-Rückvergütungspauschal-Anträgen, Schnupperangeboten und Entschädigungsdebatten für Zwangsarbeiter erfuhren wir später. Wir hatten 5-Pfenning-Brötchen, genügend Kindergartenplätze, Zeitungen, die man nicht lesen mußte, Polikliniken, eine Schauspielkunst, die selbst kleinste Theater adelte und abends das Sandmännchen; alle Bücher waren preiswert, aber alle Bücher gab es nicht. Und wir verfügten über viel Zeit. 15 Jahre warteten wir auf ein kleines Auto. Wir fragten nicht, ob sich das „rechnete“, bis eine andere Rechnung nicht mehr aufging. Denn Zeit war uns nicht Geld, Zeit war Existenz.

Schrumpfende Perspektive
Der menschheitsbeglückende Zukunftshorizont war nach 40 Jahren Verheißungspropaganda ins Verschwommene entrückt und zugleich so erbärmlich geschrumpft, daß er für die individuellen Lebenszeiten mickrig und entfernt zugleich war. Die Perspektive der Menschheit bestand aus den parteitäglichen Bilanzen, wieviel Haushalte in der DDR einen Farbfernseher und eine Küchenmaschine hatten.

Hier die entwickelte sozialistische Gesellschaft auf der Basis bescheidener Heimelektronik und Küchentechnik, dort die andauernd zu berücksichtigenden, besonders verschärften Situationen des internationalen Klassenkampfes. Die DDR - ein Staat, der 40 Jahre lang fast jedes Quartal mit einer neuen besonderen Lage zu kämpfen hatte. Lenin sollte Recht behalten: Der Wettlauf der Systeme, schreibt er irgendwo, entscheide sich in letzter Instanz für das System mit der höheren Arbeitsproduktivität. Zum 40. Jahrestag der DDR schenkten die Zeissianer dem SED-Generalsekretär den ersten selbstgefertigten 1-Megabit-Ship. Man male sich aus, was dem Partei- und Staatschef dieses Jahr, zum 55. Jahrestag, als Spitzenleistung präsentiert worden wäre: das erste selbstgebaute Mobiltelefon vielleicht oder die Ankündigung, daß die ersten 100 Faxgeräte in der Republik installiert werden.

Wie die Zukunft aussehen werde, krähte Honecker auf dem XI. und letzten Parteitag der SED, das möge man in den Schriften von Marx und Engels nachlesen. Alte Pamphlete aus dem 19. Jahrhundert sollten uns den Weg weisen ins 21.. Auf solch schöne Aussichten wollten wir zum Schluß nicht mehr bauen. Obwohl viel gebaut wurde: die zwei-Millionste-Neubauwohnung. Wieder Originalton Honecker: Daran hätte zu Kaisers Zeiten keiner gedacht. Wie wahr! Zu Kaisers Zeiten hatte man auch vieles andere noch nicht geahnt. Wir aber fragten uns: Mein Gott, wie alt ist der Mann, der sich so lebhaft an Kaisers Zeiten erinnert? Er war sehr alt und kurz nach Kaisers Zeiten einmal Dachdecker gewesen und nun der erste Mann in einem Staat, in dem die Dächer der Häuser kaputt waren, die aus Kaisers Zeiten und davor stammten. „Aktion Dächer dicht!“ hieß deshalb eine Initiative in den 80ern. Sie ist der DDR gründlich mißlungen, anders als andere Dichtmach-Aktionen.

Biografien durcheinander gewürfelt
Die Wende hat die meisten der 17 Millionen ostdeutschen Lebensläufe durcheinander gerührt wie Kleidungsstücke in einer Waschmaschine. Aus diesem Wirbel sind wir mit einer eigentümlichen kleinen Schlagseite in der neuen Zeit gelandet. Ich will sie den Wendeblick nennen, in dessen skelettierendem Licht man den Dingen und Verhältnissen, den Versprechungen und manchmal auch den Menschen nicht mehr treuherzig vertraut. Es könnte, wer will, fortan auf eine Haltung aus Unerschütterlichkeit, entschlossener Skepsis und eine Prise Ignoranz zurückgreifen, der einen Staat samt seiner sozialen Bindekraft verschwinden sah.

Lang lebe der Sozialismus oder das Methusalem-Komplott!
Einerlei, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Uns wendegeprüften Ostdeutschen wird die Dickfelligkeit und Perspektivlosigkeit der derzeitigen bundesrepublikanischen Gesellschaft nicht wirklich erschüttern und sie scheinen uns auch nicht neu zu sein: der Niedergang der politischen Kaste und ihrer Parteien, die mit dem Stückwerk ihrer Reformen schon beim Dosenpfand scheitern und blind sind für die Verantwortungsflucht der Eliten, die es den Essers und Ackermanns erlaubt, unterm Victory-Zeichen sich gegenseitig Millionenbeträge in die Taschen zu stopfen, dieweil Hunderttausend andere auf eine Hartzwanderung durch die Täler der Entsolidarisierung geschickt werden.

Demokratie mißverstanden
„Wir wollten Gerechtigkeit und haben den Rechtsstaat bekommen“, bekannte Bärbel Bohley vor 10 Jahren resignierend, worauf sich ein großes Geschrei erhob, daß, wer so argumentiere, die Demokratie mißverstanden habe. Wer blühende Landschaften versprach, verriet freilich auch bloß sein embryonal entwickeltes Gesellschaftsbild, weil Wohlstand und Demokratie nicht als siamesische Zwillinge geboren werden müssen.

Wenn jetzt Wähler in einer Schnauze-voll-Stimmung für Rechtspopulisten votieren, muß man ihnen nolens volens bescheinigen, das Funktionieren einer Demokratie ohne Gerechtigkeit und Wohlstand als politische Daseins- und Ausdrucksform durchaus richtig kapiert zu haben, vielleicht besser als Bohley und Kohl. Sollte man den Rechtsruck nach den Landtagswahlen von Sachsen und Brandenburg auch als Sehnsucht nach dem sauberen, starken Staat deuten können, bliebe die letzte demokratische Wählerbelehrung bloß die, daß man in Demokratien die Freiheit hat, unter vielen Parteien auch eine rechte Partei wählen zu können, während man in allen anderen Staatsformen stets zur Pflicht gezwungen wird, der einen rechten Partei (auch wenn es eine linke ist) zuzustimmen.

Freie Wahlen und Wahlfreiheit - Errungenschaften des 89er Herbstes
Niemand hätte damals gedacht, daß freie Wahlen einmal zum Problem werden. Für freie Wahlen hatten wir demonstriert. Heute gehen immer weniger Bürger hin. Für Meinungsfreiheit waren wir auf die Straße gegangen und nicht für das klägliche Versagen der Meinungsmacher am jüngsten Wahlabend, als diese an der vergleichsweise harmlosen Aufgabe scheiterten, die Spitzenkandidaten der Rechtsparteien zu befragen. Politkommissarisch verbiestert, die rechten Bauernfänger als Tölpel vorzuführen, entsprachen sie ihren Interviewpartnern exakt als tölpelhafte Interviewer - und als mindere Demokraten.

Hunger nach Normalität
Die aufputschenden Energien jenes 89er Wahnsinns sind längst von den bleiernen Ritualen eines neuen grauen Alltags aufgefressen. Auch wenn man sich Wunder und Wahnsinn bewahren wollte, auch wenn plötzlich jeder andere Hunger gestillt werden konnte, wir hungerten bald schon nach Normalität: „Also wir fliegen ja jeden Winter nach Mallorca oder Teneriffa,“ hörte ich 1992 eine Ostdeutsche sagen. Man war kurz davor noch als Dreißigjähriger 40 Jahre lang um diese Selbstverständlichkeit betrogen worden. Inzwischen fährt man wieder an die Ostsee.

Alles schon gesagt, enttarnt und erforscht
Eine schwache Wende-Hintergrundstrahlung aber leuchtet noch immer aus unserem Denken, Fühlen und Tun. Insofern haben wir tatsächlich Geschichte glück- und schmerzhaft erfahren.
Wir können sagen: „Von hier und heute .... und wir sind dabei gewesen.“ Alles andere ist schon gesagt, geschrieben, verfilmt und erdichtet worden. Die Wende - das am meisten erforschte Phänomen der deutschen Geschichte nach Hitler. Jeder war im Widerstand und hat eine Akte. Jeder, der als IM noch nicht enttarnt wurde, muß weiterhin fürchten, daß er es wird. Jeder ist ein Zonenkind, hat in der Sonnenallee gelebt und auf seine Weise „Good bye, Lenin“ gesagt. Jeder schmunzelt, wenn vom „Hasen im Rausch“, und jeder ist ergriffen, wenn vom Schicksal der Brigitte Reimann gesprochen wird.

Nein, es ist nicht alles schlecht gewesen. Aber wieder in der DDR leben, das will keiner.

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