Texte fürs Blog

Kinder-Horror-Musik-Schau III – Jetzt bin ich junger Pionier

Platz 3 der Horror-Parade kommt aus dem Osten des Landes und hat mehrere Lenze auf dem Buckel. Dabei fällt es gar nicht so einfach, diese Stück dort unterzubringen. Es ist eben DDR-Musik, das heißt in der Regel, sie ist solide und gut gemacht: „Jetzt bin ich junger Pionier“ (Text: Walter Krumbach; Musik: Wolfgang Richter).
Man höre selbst

Musikalisch lehnt sich das an die schweren 50er Jahre an. Das merkt man vor allem an dem, mir nicht nachvollziehbaren, Einsatz der Nähmaschine im Hintergrund. Die Trompete markiert das Markige. Melodisch und harmonisch aber ist nichts auszusetzen. Hier versaut es der Text. Der Text im Zusammenhang:
Jetzt bin ich junger Pionier,
das Halstuch trage ich
und alle gratulieren mir,
ja darum freu ich mich.

Das ist ein Tag so wunderschön,
ich gehe stolz nach Haus,
und jeder kann mein Halstuch sehn
und meinen Blumenstrauß

Ist Mutti von der Arbeit da,
dann freut sie sich mit mir.
Wenn Vati kommt ruft er Hurra,
mein junger Pionier!
Banal und plump. Was man zwar im Westen so nicht kannte, dass nämlich die Mutti arbeitet, während sich der Vati einen hippt und nicht mehr als ein „Hurra, mein junger Pionier“ hinbekommt.

Aber man achte durchaus auch auf die Kinderstimme. Glockenrein, wie es so schön heißt, zwischen Baby und Kind liegend sucht der Tonfall die zärtliche Nähe um Anerkennung. Ein Halstuch soll es weisen. Naja. Mutti vertritt das arbeitende Volk und freut sich mit dem politisch arbeitenden Kinde. Und Blumen sind die Muttis Deutschland ja auch nicht abgeneigt, zumal wenn Vati ein Dummbeutel ist nach altem Hurra-Patriotismus. Platz 3.

Kommentare

Das Lied ist natürlich so zu verstehen, dass der Vati auch „von der Arbeit kommt“. In der DDR gab es ja eine (scheinbare) Vollbeschäftigung. Durch die Betreuung im Kinderhort war das auch wirklich möglich, später wurden die meisten Kinder dann zu „Schlüsselkindern“. In Wahrheit hat da natürlich keiner „Hurra“ gerufen, ganz gewiss nicht mehr in meinem Jahrgang (ich kam 1973 in die Schule).

Zum Kreis der Jungpioniere zählten die meisten Kinder zwischen 7 und 10 Jahren. In der DDR wurde relativ viel Wert auf die Musik gelegt (und beileibe nicht nur auf solche Propagandalieder). In jeder Schule gab es ein „Fest der Jungen Talente“ — ich durfte dann immer die Blockflöte spielen :-) Zu diesen Gelegenheiten wurden auch ordentliche Lieder gesungen, Gedichte aufgesagt ...

Respektieren sollte man die Spezialschul- und Musikschulausbildung in der ehemaligen DDR. Die war weitgehend ideologiefrei und sehr leistungsorientiert. Das gibt es heute (soweit ich weiß) nicht mehr.

Stefan, ja da hast du viele zusätzliche Informationen beigebracht. Ich hätte da ja auch noch ein Dessau/Brecht-Stück „Bitten der Kinder“, welches auf einem hohen Niveau ist. Und einen wie Gerhard Schöne kannte die BRD leider nicht. Dazu auch hier mal schauen: http://www.contrapunktonlin...

Was für ein Zufall: In meiner Jugend war ich großer Gerhard-Schöne-Fan und die Kinderlieder finde ich heute noch gut. Die Kinderlieder gab es auch auf Platten und gibt es heute teilweise auf CD.
In den Liedern auf seinen Konzerten war sehr viel Nachdenkenswertes über die Zustände in der DDR enthalten. Die Gerhard-Schöne-Konzerte waren immer auch Treffpunkte der alternativen und christlich orientierten Jugendlichen. Mit seinen späteren politischen Aussagen war ich nicht immer einverstanden.
Momentan singt er (wie ich gehört habe) in seinen Konzerten wieder Kinder- und Weihnachtslieder, was er IMHO auch sehr gut kann.

Man muss ja auch nicht einverstanden sein, das „muss“ man nur in totalitären Systemen. Es war nur für mich sehr erstaunlich, wie tief der auch ästhetische Graben zwischen West und Ost geblieben ist. Dazu habe ich einmal ein kleine Glosse verfasst: http://www.kritische-masse....

Ich habe den Beitrag gerade mal gelesen und muss mich doch etwas wundern, dass Du damals zum CD-Kauf in eine Drogerie gegangen bist :-) So klein ist doch Deine Stadt nun auch nicht?
Die angesprochene Grenze gibt es ja im Internet zum Glück nicht mehr. Suchst Du denn noch eine ganz bestimmte Platte von Gerhard Schöne?

Nein Stefan, nichts genaues. Meine Familiemitglieder sind versorgt - und ich konnte ein bisschen was in die Renhard-Mey-Phalanx werfen. Mit der Drogerie ist übrigens „Müller“ gemeint. Das ist der wirklich best sortierte Laden hier, nachdem der alte Großhändel „Stereo 2000“ sich warm saniert hatte. (Ich glaube der Chef ist da volle Pulle mit seinem Auto reingebumst. Alles Gerüchte.) Und wie du empfohlen hast, hat der Internethändler meine Wünsche damals ausführen können. Schöne finde ich jedenfalls Spitze und kann ihn zu hören nur wärmstens den Wessis ans Herz legen. Er ist viel weniger manieristisch wie Mey, dabei auch direkter und wie ich finde auch wärmer.

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