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Mardi Gras.bb: 29 Moonglow

MoonglowDie neue von Mardi Gras.bb ist ein schwieriges Kind. Waren frühere Platten dieser Band richtig prächtig angereichert, mit Spritz und Sprutz, ist dieses Werk schon sehr knapp geschnürt. Die 14 Musiker der Kapelle schwingen sich nicht auf zum Supersound, zur Klangbrühe. Alles wird eingedampft und geradezu kammermusikalisch. Das muss ja nichts Schlechtes heißen. Man kann nicht immer unter dem Volldampf stehen, den das Cover suggeriert.

Die Zurücknahme kann selbstverständlich dann funktionieren, wenn die Feinheiten und Genauigkeiten umso stärker heraustreten. Sicher, auf dieser Platte gibt es einige Details großer Schönheit, präziser Mischklänge und genreübergreifender Raumbewegungen (mein Favorit: Track 9, Devil's Apprentice).
Häufig wirkt die Musik aber wie eingefroren. Mit einem Bild: Die Fliege ist nicht eingekapselt wie in einem Bernstein sondern ist in Kunstharz präpariert. Auf der Heimatseite von Hazelwood kann man sich zwei der Stücke der CD/LP anhören. “Wrong Bottle” formuliert das Problem gewissermaßen schon im Namen.
Auch anders herum funktioniert es nicht: Das Kantige und Ungerade ist hier zu veredelt und erhält dadurch den Charakter des dicht ans Manierierte grenzende. Das durch die Produktion nachträglich mit Patina versehene klingt nicht glaubwürdig. “Wrong aint wrong” (Track 12) macht diesen Effekt sehr deutlich.

 

Thema: 

Bibliographische Angaben: 

Mardi Gras.bb: 29 Moonglow
Hazelwood HAZ 031 (CD), HAZ 031V (LP)

Kommentare

Auf der Suche nach Kritiken zu dieser CD stieß ich an, bzw. stolperte ich eher gegen diese „massige Kritik“. Über Geschmack lässt sich anfreunden, zumal - lieber Huflaikhan - ich genauso gerne philosophiere wie du. Doch das ist vielleicht auch unser beider Problem.
Ich gehe jetzt chronologisch vor, damit ich auch gar nichts vergesse.
Ich lese schon im deinem ersten Gedankenblock heraus, dass du verkrampft etwas ganz anderes erwartest von diesem Album als das, was die Band offensichtlich bezweckt (wenn sie überhaupt etwas anderes bezweck als einfach nur gute Musik zu machen). Warum kann man sich nicht einfach hinsetzen - Cover und Namen der Band für einen kurzen Augenblick vergessen - und einfach nur genießen, wie ein Schwamm aufsaugen, und erst viel später notfalls wieder ausspucken?
Ich bin fast sicher, dass Mardi Gras.bb in dieser von Massenmüll strömenden Zeit bewusst ein (um in deinem Bild zu bleiben) „schwieriges Kind“ ist und auch sein möchte; ein Lausbub gar, der sich widersetzt, statt zu ducken.
Diese Herausforderung an das an schreckliche Wohlklänge geschulte Ohr ist für mich und viele andere das Minimum was wir erwarten, damit wir den Glauben am musikalischen Fortschritt nicht verlieren. Erwarten ist im Übrigen eine falsche Einstellung wenn es um Kennenlernen von Musik geht. Sich überraschen lassen: mit dieser Einstellung höre ich mir neue Musik an.
Das Cover suggeriert nicht musikalisch „Volldampf“ genau so wenig wie das Cover „Abbey Road“ niemals eine Hör-CD zur Verkehrserziehung sein wollte („man laufe niemals zu viert über einen Zebrastreifen! Das tun nur Langhaarige Hippies und barfüßige Yuppies“).
Schaut man sich die CD genauer an und lauscht man den Stücken genügendem Respekt merkt man, dass der Stern viel wichtiger ist als der Dampf, dass die Revolution ein rasender Zug war, auf den man aufspringen konnte/sollte. Das Cover suggeriert jedenfalls politischen Volldampf, nicht musikalisch protzdende Kraftmeierei.
Nicht verstehen kann ich den Einwand, dass die Musik „eingefroren“ klingen soll. Vielmehr losgelöst empfinde ich die Klänge, wie wenn man in einer verrauchten Kneipe sitzt, bei drückender Hitze einen Drink zu sich nimmt und ganz hinten, auf der kleinen, runden Bühne, eine unbestimmte Zahl von Musikern ihr bestes geben. Und man befindet sich vielleicht in Berlin (?) im Jahre 1929(?). Vielleicht aber sogar auch in unserer eingefrorenen Zeit.
Die Fliege ist nicht eingekapselt, nein! Sie ist putzmunter und fliegt von Tisch zu Tisch, stellt die Verbindung her zwischen den einzelnen Besuchern des Clubs.
Sie lebt! Ich denke es wäre ein Fehler dieses Werk als kostbares Gemälde zu betrachten, das man nicht anfassen darf, bzw. als Versuch, ältere Musik möglichst originalgetreu zu reproduzieren. Ich könnte wetten, dass MGbb viel weniger umsichtig ist mit der Musik. Hier sitzt kein Streber, sondern ein Bengel der es faustdick hinter den Ohren hat. Hört man lange genug zu, schwindet die twenties-Hülle und man entdeckt eine sehr moderne Einstellung zur Klangwelt. Für viele wird die Hülle dick bleiben. Und vielleicht können sie dann mit der scheinenden „Retro-Musik“ wenig anfangen, kann schon sein.
Wie bei vielen meiner Lieblings-CDs habe ich die Essenz erst bei zweimaligem Hören gefunden. Die Veredelung des Kantigen und Ungeraden ist wunderschön! Das Gitarrensolo bei Bittersweet ist ein gutes Beispiel dafür. Das „mit Patina veredelte“ will doch gar nicht glaubwürdig klingen, sondern einfach nur klingen. Denn: glaubwürdig wozu? Das Wort glaubwürdig sollte einer Plattenkritik nicht auftauchen. In Politik und Religion um so mehr.
Ich habe das Gefühl, dass die kritische Masse zu früh aufgehört hat, zu kneten. Die Knetmasse ist noch nicht weich genug. Mit dieser Kritik ist jemand am Werk, der das gesamte Konzept nicht mag, der die Stilrichtung(en!) nicht mag, der die Band nicht mag oder möchte, dass sie wie in den Anfangszeiten klingt: „Mardi Gras bb“ soll eben klingen wie auf Alligatorsoup. Dann ist die andere Art Retro-Wunsch des Kritikers gestillt. Ein Chamäleon der sich in verschiedene Zeiten versetzt und dabei mit eigener Note die Ära kommentiert (wie wunderbar!) ist anscheinend nicht stilecht.
Vielleicht bin auch nicht der richtige, eine Kritik zu schreiben. Denn ich fange an, „29 Moonglow“ zu lieben, beim Spazieren einzelne Songs zu pfeifen oder gar die ganze CD am Stück, samt der wunderbaren Übergänge (der DJ hat ganze Arbeit geleistet). Genauso wenig kann jemand, der mit dieser Musik bzw. mit der Einstellung der Band zur Musik (sich immer wieder neu erfinden) nichts anfangen kann, nicht der richtige Kritiker sein. Deswegen - „wrong review“.
Vielleicht auch „wrong comment“?
Selbstkritisch genug bin ich und lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen...

Tja Cineast. Was soll ich machen, ich habe mir die CD bestimmt fünf bis acht mal angehört. Ich habe mir auch wirklich Mühe gegeben, denn das Label Hazelwood schätze ich sehr. Mit Berlin (?) 1929 (?) kommen wir der Spur der Aufnahmen nämlich recht nahe. Ich finde es schön, wie du es wieder in unsere Zeit zurückholst - wenn es denn so wäre. Die CD spielt ja an vielen Stellen mit diesem Mittel des historischen Zitats - ich glaube darauf können wir uns einigen. Für mich ist die Frage, ob das überhaupt funktionieren kann. Ich denke nämlich, das geht nicht - und das unterscheidet sie von älteren Produkten. Alligatorsoup kenne ich gar nicht (nur noch „Heat“, also die Vorletzte). Soweit ich das aber beurteilen kann, sind ältere Sache genau aus der Gegenwart entwickelt, während hier das historische Zitat zu sehr in den Vordergrund tritt. Das aber geht meines Erachtens genauso schief, wie wenn jemand heute wie Liszt (oder Berg oder Bartok) komponieren wollte. Das wird in der Tat unglaubwürdig und es funktioniert auch technisch gar nicht mehr. Es wird zu ästhetischem falschem Schein - zu etwas Aufgesetztem.

Gut, darin allein geht diese CD ja nicht auf. Die hat ja mehrere Aspekte und die meines Erachtens positiven Aspekte habe ich auch genannt. Präzise Mischklänge, die Räumlichlichkeit der Genrebewegungen.

Ich will niemandem den Genuss dieser CD verleiden, wirklich nicht - das beste ist, besorgt sie euch und macht euch euer eigenes Bild. Das ist allemal besser als jede Besprechung. Aber, Cineast, jeder Kritiker ist der richtige, ob er etwas mit einer Einstellung anfangen kann oder nicht. Die Einstellung kenne ich nicht, ich habe nur die CD - und dich vom Gegenteil zu überzeugen liegt mir fern. Ist doch schön, dass du es anders siehst und empfindest.

Danke für die schnelle Antwort. Jetzt verstehe ich deine Kritik besser. Trotzdem muss ich noch ein letztes Mal ein wenig widersprechen.
Ich liebe das Kino und ich liebe die Literatur, genauso wie ich die Musik liebe. Wenn ich mir Filme etwa über die 20er, 30er oder 50er (etc.) Jahre anschaue, oder Bücher lese, in welchen sich Regisseure und Maskenbildner, Autoren und Poeten Gedanken gemacht haben, wie man eine bestimmte Zeitspanne einigermaßen getreu nachbildet (denn ganz ohne würde viele Menschen überfordern) mache ich mir keine großen Gedanken, ob die Requisiten zu 100% übereinstimmen. Oder ob sich die Macher viel Mühe gegeben haben, stilecht waren, etc. Ich bin sicher, dass selbst die Macher sich weniger Gedanken darüber machen. Schließlich haben sie ja eine Geschichte zu erzählen! Dies kann im Orbit statt finden oder aber in einer Höhle in Alaska. Sollte ein Schauspieler mal aus Versehen seine Swatch beim Dreh vergessen haben: und wenn! Wenn Monty Phyton im Leben des Brian alle Schauspieler in Leinentücher wickelt und die Kulissen entsprechend auf alt trimmt, dann trägt dies zusätzlich dazu bei, dem Leser/Hörer/Zuschauer kurz zu entführen, ihn von der oft grauen Realität in eine andere Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft zu katapultieren. Um den Genießenden - im Falle der CD - nach knapp einer Stunde wieder in die Echtwelt fallen zu lassen (ähnlich wie bei der Raumschiffentführung in eben genannten Film).
Wichtig ist jedoch allein die Story/die Musik/der Song. Lars von Trier hat in Dogville bewiesen: es geht auch zeitlos, wandlos, requisitenlos. Aber mich stören technische Hilfsmittel nicht, wenn sie denn der Phantasiefindung und -bildung dienen. Es sind handelt sich dabei doch nur um technische Hilfsmittel zum Zweck, der da heißt: Genuss.
Auch bei „29 Moonglow“ finde ich die Tatsache, dass der Bezug zu einer bestimmten Epoche mit technischen Mitteln unterstützt wird ganz und gar nicht störend. Die Tatsache, dass die Songs klingen, wie wenn sie in eben dieser Zeit komponiert worden wäre, finde ich persönlich spannend. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass manche damit nichts anfangen können. Songs zu schreiben, in dem man sich in eine andere Zeit versetzt: viel zu selten! Oft wird nur an Retro-Knöpfen gedreht, um „zu klingen wie...“
Das es „technisch gar nicht mehr geht“, den alten Sound von früher zu kreieren oder dass das „historische Zitat gar nicht funktionieren kann“, das ist dein Hauptkritikpunkt. Und das ist das, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Diese Punkte sind mir als Musikliebhaber total egal. Dass heutzutage jede Chartsband den gleichen Sound hat, alle Sängerinnen gleich klingen, alle Songs gleich klingen, das finde ich eher schlimm.
Solange der Inhalt, die Geschichte, die erzählt wird neu ist, solange die Story interessant ist, was kümmert mich da die Oberfläche? Wenn die Songs in mir etwas bewirken, wenn ich sie attraktiv finde, wenn sie in mir etwas wecken: was kümmert mich, das irgend welche Musiker darüber Gedanken gemacht haben, wie der Sound möglichst echt klingt? Wenn jemand heute Liszt komponiert, was ist daran schlimm, wenn das Komponierte überzeugt? Wenn dauernd neue Generationen heranwachsen, die nur „sauberen, fetten“ Sound kennen, was ist so schlimm daran, dass sie plötzlich mit etwas ganz anderem Konfrontiert werden? Mit Knistern und Krächzen etwa. Um das Moderne an „29 Moonglow“ zu verdeutlichen: ich bin kein Liebhaber von 20er-Jahre-Blues bzw. Jazz. Und trotzdem mag ich diese, von uns besprochene CD. Ich werde mir deswegen nicht ab jetzt alte Platten zulegen, nicht einmal auf die Suche gehe ich nicht. Moonglow hat mich wie ein neuer Film überrascht, hat jemanden, der mit solcher Musik nicht viel am Hut hat (obwohl er sie oft gehört hat) eine eigene Sicht geschenkt. Eine so moderne Sicht, dass mir diese Richtung sogar gefällt! Was jene denken, welche die originalen Bands und Sounds kennen: das ist mir persönlich egal.
Ich bleibe dabei: es gibt für mich kein „aufgesetzt“, denn ich bin mir (fast) sicher, dass Mardi Gras kein Wettbewerb in Originaltreue gewinnen wollte. Ich nehme stark an, dass das schlicht und einfach eine Interpretation einer bestimmten Ära ist. Das Wichtige liegt jedoch wie sooft immer im Leben nicht in der Form, an der Oberfläche, sondern am Ding an sich. Und mir und bestimmt vielen anderen gefällt diese CD äußerst glaubwürdig.
Da können die Zitate so fett aufgetragen werden wie sie möchten. Da kann auch mal falsch zitiert werden. Fehler würde man selbst bei den besten Regisseuren finden. Man würde deren Film niemals anhand von technischen Fehlern beurteilen. Wie oft habe ich Mikrofone in wichtigen Szenen oberhalb kämpfender Indianer gesehen...
Letztendlich ist Musik für´s Herz gemacht, nicht für den Kopf.
Die Geschichten, die erzählt werden (in Film/Büchern und in Musik) sind doch immer die selben. Da muss man sich etwas einfallen lassen, damit das Leben auch ein bißchen Spaß macht.

Hallo Cineast, vorweg, du wunderst dich vielleicht, dass die Kommentare immer etwas spät erscheinen. Grund dafür ist Kommentarspam der doofen Klasse. Alle Texte, die älter als 30 Tage sind, sind so geschützt und ich muss sie eigens zulassen. Das ist also kein Misstrauen oder so etwas.

Du bist wieder sehr ausführlich. Okay. Ich muss jetzt etwas knapper und hole nur einen Punkt heraus, den du ja auch zentral siehst:

Wenn ich sage, man kann heute nicht mehr wie Liszt komponieren, dann meine ich nicht, dass man das nicht dürfe oder so etwas. Ich sage damit nur, dass es nicht geht! Das ist keine Frage der ästhetischen Wahl sondern eine des ästhetischen Vermögens. Jeder, der sich einmal an musikalischen Stilkopien versucht hat, wird feststellen, dass die Kompositionen einigermaßen noch in den Ton fallen, aber insgesamt tatsächlich falsch klingen. Das ist auch klar, denn wir leben ja jetzt, mit Einflüssen, die wir gar nicht loswerden können. Die Vergangenheit muss also neu erfunden werden, wenn man sie zitiert. Das, das ist meine Meinung, gelang auf anderen Platten von Mardi Gras bb einfach besser. Hier jedoch hat man sich zu dicht herangewagt, und daraus resuliert die Schwäche dieser CD. Sie klingt falsch (wie gesagt ja nicht komplett, aber über weite Strecken).

Wenn ich heute einen Roman lese, der einen historischen Gegenstand hat, dann ist er auch nicht in der alten Sprache abgefasst, das würde notwendig in allen Belangen scheitern. Bei den älteren Aufnahmen von Mardi Gras bb finde ich die Sicht aus der Gegenwart geglückt, hier nicht.

Erlaube mir ein aller-allerletztes Mal zu antworten. Und entschuldige die Länge der Texte.
Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Beispiel Liszt und unserem Beispiel. Man kann eine Person nicht mit einer ganzen Zeit vergleichen. Bei Moonglow soll (jetzt muss ich natürlich Vermutungen anstellen) nicht wie ein bestimmter Künstler geklungen werden. Vielleicht ist es unmöglich, wie eine ganz bestimmte Person zu komponieren. Aber es ist doch durchaus möglich, wie in den 20ern zu komponieren bzw. zu klingen. Liszt wäre bestimmt sauer wenn jemand versuchen würde, wie er zu komponieren. Die 20er Jahre sollen doch froh sein, dass man sie musikalisch feiert, bevor man sie lediglich politisch verunglimpft.
Warum sollte es nicht möglich sein, alten Blues originalgetreu zu spielen und als Musiker zu empfinden? Sind die zigtausend Rockabilly-Bands, die heute in vielen Clubs spielen nicht wunderbar ursprünglich? Zappa konnte in die Vergangenheit und in die Zukunft reinkomponieren. Ich wage es zu behaupten, dass man bei diesem Kerl auch in ferner Zukunft etwas aktuelles finden wird.
Ich gebe zu: die Platten von früher klangen nicht freiwillig schlechtklingend, die Kratzer und das Knistern gehörten nicht zur Zeit, sondern waren eigentlich fortschrittlich gesehen ein Manko. Doch muss man doch errötend zugeben, dass diese ästhetischen Kleinigkeiten einfach Flair hatten, dass man sich noch heute gewisse Schwächen von früher zurück wünscht. Wie in meinem letzten Kommentar bereits erwähnt: die Aufnahmetechnik ist für mich wie das Erbauen von Kulissen für den Film. Wir haben sehr wohl bessere Autos inzwischen. Doch in einem 50er Jahre Film sieht ein Audi TT echt doof aus. Viele überproduzierte Platten, gerade im Jazzbereich, schmerzen vor Genauigkeit und Wohlklang.
Ich sehe immer mehr die Bedeutungslosigkeit von Zeit wenn es um Musik geht. Man kann doch immer weniger Musik mit einer bestimmten Zeit verbinden. Die Strokes und die Libertines klingen von der Songstruktur und vom Sound auf überzeugende Weise jahrzehnte älter. Die Gitarren, das Schlagzeug, einfach alles. Allein merkt man den Jungs ihre verräterische Frische an. Doch das schadet auch nicht.
Oft wird aus Mangel an Kreativität, oder weil es eben noch nicht DEN 21. Jahrhundertsound gibt (d.h. es gibt ihn, wir sehen ihn erst in 10 Jahren) einfach an der Zeit zurück geschraubt. Vielleicht ist dadurch das Ende der 90er Jahre/Anfang der 10er Jahre des 21. Jahrhunderts die Zeit der Retrospektiven und wird zum Zeitalter des Retrosounds.
In unserem Beispiel wagt eine Band einen deutlichen Schritt zurück. Zurück zu einer Zeit, die gerade noch dokumentierbar ist, wo also noch genügend Material zur Verfügung steht, um zu vergleichen. Doch hier komme ich wieder zu dem Punkt: wozu vergleichen? Was ist richtig, was ist falsch? Wenn die Songs tatsächlich jemand damals komponiert hätte und im Tonstudio zufällig dieser Sound herausgekommen wäre: hätte derjenige falsch gehandelt? Hätte er ein falsches Album aufgenommen? Ich kenne nur falsch spielen, wenn man sich verspielt. Doch hier ist eine Band eben nur verspielt.
Aber man kann überhaupt falsche Musik machen!? Und wenn! Wenn die echte Mona Lisa abhanden käme, würde es eine gute Fälschung nicht auch tun? Für mich wäre sie dann die richtige. Ist der Woody-Allen-20/30er Jazz falsch?
Warum nicht die 20er-Jahre-Klangerzeugung als weiteres Instrument sehen, wie auch die Trompete, die Posaune und das Saxophon?
Vielen Dank für den großzügigen Platz. Es war mir ein großes Vergnügen und eine große Ehre, diese Plattform zu benutzen. Cineast.

Habe mir noch einmal unser damaliges Gespräch zu Gemüte gezogen (ich war beim Aufräumen meiner alten Festplatte auf den Link gestoßen). Ich glaube jetzt mehr verstanden zu haben, was du meintest. Und heute würde ich auch knapper argumentieren: "Mir gefällt sie trotzdem sehr".
Woher hatte ich vor 6 Jahren diesen langen Atem?
Cineast

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