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Mozart Irrtümer; oder: Mozarts Irrtümer

Volker Hagedorn will in der ZEIT populären Irrtümern begegnen, die mit Mozart verbunden seien. Zum Beispiel: Mozarts Musik sei einfach:

Mozart sei doch »einfach«, meinen viele und pfeifen dazu die Kleine Nachtmusik. Dabei fängt die schon ziemlich durchtrieben an. Verschobene Betonungen, Kreiselbewegungen, Fragezeichen – man muss diese Musik nicht erst neben Alle meine Entchen halten, um sie spannend zu finden. [Quelle]

Das ist ja nett, Mozart mit „Alle meine Entchen“ in Verbindung zu bringen. Muss man auch erst einmal drauf kommen. Selbst, wenn man sich danach distanziert. Was aber ist denn das Spannende an Kreiselbewegungen, Fragezeichen oder verschobenen Betonungen. Hey, das ist ja so genial. Lieber Herr Hagedorn, ist Ihnen denn nicht die kompositorische Finesse des Entchenliedes aufgefallen, der ökonomische kompositorische Umgang mit Diatonik, mit einem beschränkten Tonraum, der Idee von Wiederholung, rhythmischer Feinstufung?

Hagedorn führt dann weiter aus, dass er zu seinen Zeiten als gar nicht so einfach wahrgenommen wurde. Dittersdorf und ein zeitgenössisches Lexikon halten dafür her. Aber Hagedorn merkt immerhin an, dass schon Robert Schumann Mozarts g-Moll-Sinfonie mit „Leichtigkeit, Anmut und Liebreiz“ verband. Man könnte den Spieß auch umdrehen und damit die Musik Johann Sebastian Bachs weit in den Orkus stoßen. Der galt seiner Zeit vielfach einfach als veraltet. Um ihn herum entwickelte sich längst die bürgerliche Musikkultur, aber Bach klimperte seine Rezitative und Fugen, wo längst schon die „empfindsame“ Musik gedieh.

Nun frage ich, was hat das eine mit dem anderen zu tun. Wir sind inmitten des Streits zwischen Rezeptionstheorie und immanenter Werkanalyse. Beide Zugänge führen in der Argumentationskette Hagedorns zu rein nichts. Beide Wege hebeln sich gegeneinander aus, stehen sich sogar im Wege. Was hilft es mir, wenn Hadedorn der Kleinen Nachtmusik eine unleichte Kompositionsweise zuspricht, aber die Empfindungen der heutigen Hörer sagen: „Das ist fein, Juppheidi und Juppheida.“

Hagedorn sitzt dem Missverständnis auf, dass man etwas erretten muss und dazu in die kompositorische Kneifkiste greifen muss. Aber da mag dann noch so viel drinliegen, es wird daraus nichts. Das Stück ist und bleibt ein einfaches Stück, genauso wie die F-Dur-Invention von Bach. Es ist doch nichts Schlimmes dabei. Lasst den Mozart doch auch einfach mal simpel sein. Hagedorn wird Opfer eines anderen Irrtums: Mozart war immer ein toller kompositorischer Hecht. Ja, Mozart hat so gut wie nie, richtig schlecht komponiert — also auch nach Maßstäben seiner Zeit „falsch“. Vielleicht hat er nicht immer die aus der kompositorischen Geschichtlichkeit verwirklichte Norm getroffen und deshalb musste damals der Hörer, auch der erfahrene, mehrfach hinhören.

Wenn ich eine musikalische Gattung nennen sollte, in der Mozart durchweg über seinem Zeitniveau war, dann waren es die Klavierkonzerte, so wie es bei Haydn die späten Sinfonien waren und bei Beethoven die Klaviersonaten.

Kommentare

würde ich auch so sehen; neben den klavierkonzerten sind es wohl noch die opern ab idomeneo (höre gerade erstmals gedda in dieser rolle)

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