München und Berlin - traurige Sache

München und Berlin - traurige Sache

Letztens, taktlos zur Hauptstadtfrage. Die Vorproduktion stand unter einem schlechten Stern. Wegen einer Zahnfleischtaschenentzündung konnte ich zunächst erst einen Tag später anreisen, so dass mir für die Vorbereitung dann nur eine Stunde Erholung in Regensburg blieb, die im wesentlichen damit ausgefüllt wurde, den defekten Kühlschrank zu entleeren und dabei sich nicht zu übergeben. Beides gelang, aber der Kühlschrank war nicht zu retten. Die andere Tätigkeit bestand darin, zu schwitzen.

In München angekommen, verzögerte sich der Ablauf dadurch, dass der sonst beisitzende Regisseur den termin verschmissen hatte. Er meinte, er wäre ein Tag später.

Der Beitrag als Manuskript.

Musik: Der Berliner liebt Musike

Sprecher: Die Zahlen sprechen für sich. Berlin mit seinen zahllosen Orchestern, seinen drei bis vier Opernhäusern, mit seinen Musikschulen und seinen Festivals ist vorgeblich der musikalische Schmelzpunkt Deutschlands. Hier hausen die Durchgeknallten.

Musik: Du bist verrückt mein Kind, du muss nach Berlin

Sprecher: München muss dagegen geradezu wie eine bleiche Provinzleiche wirken. Wie die Abgesangsszene einer feist-feinen Bürgerkultur aus Bier und Schnupftabak, einer Kultur-Schickeria, die sich Einbildung und Selbstüberschätzung ergeht und in der vor allem eines nicht heimisch werden kann: Vitalität und Innovation.

Musik: Richard Strauss: Metamorphosen

Sprecher: Wer etwas werden will, verlässt das münchner Großstadt-Nest, geht nach Berlin und verkümmert auf höherem Niveau. Dort ist die Kultur nämlich längst Chefsache geworden, der regierende Bürgermeister höchstpersönlich sorgt sich darum und nicht ein bloß angestellter Kulturreferent. Der Schachzug ist nachgerade genial. Denn während der Chef kulturell so vor sich hinpennt, bröckeln ihm seine kulturellen Institutionen mal eben schnell weg. Das Kultur-Projekt Podewil wurde schon vor drei Jahren abgewickelt, dem Medien-Kunstlabor tesla wurde Ende des letzten Jahres der Laden dicht gemacht.
Das Staatoperntheater mit den Darstellern aus Intendant, Musik- und Verwaltungsdirektor gilt längst als eine der besten Soap-Operas des Landes. Und als Philharmoniker-Chef Simon Rattle sich unlängst für den Erhalt der musikbetonten Grundschulen einsetzte, da machte man ihm einfach etwas Feuer unterm Dach: Zustände, von denen der Münchner Kulturinteressierte nur träumen kann, denn der ist so gar nicht glücklich mit seiner Philharmonie.

Musik: Josef Anton Riedl: Vielleicht ist es so ...

Sprecher: Während in Berlin in einer unerträglichen Hypertrophie sich aufspielt, ist München im besten Sinne bodenständig und gemütlich geblieben. Die Münchner Avantgarde hat sich eingerichtet in Tube, Echtzeit- und Reaktorhallen und sagt gerne mal Ade zu sich selbst. Die berühmte liberalitas, auf die der kulturbeflissene Münchner so viel hält, verdampft allerdings in ästhetischer Beliebigkeit. Wenn man es also genau betrachtet, sind weder Berlin noch München musikhauptstadtwürdig. Dazu kocht man zu sehr in schlecht konservativer Tradition oder arroganter Eitelkeit allenfalls abgestandene Kultursüppchen. Die Musik in Deutschland spielt längst woanders. Im aufblühend frischbrodelnden Ruhrgebiet mitsamt Köln am Rhein gibt es richtig Kulturkarneval statt nur Karneval der Kulturen.

Musik: Josef Anton Riedl: Vielleicht ist es so ...

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