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Vor einiger Zeit fragte die Kritische Masse:
!++3++!
Wie immer, zahllose Beteiligung beim Tippen. Vielen Dank. Die Lösung bin ich freilich schuldig.

Es lagen die wenigsten richtig. Es handelt sich um Meta Design, die Design-Schmiede aus Berlin. Ein typischer Betrieb des Mittelstandes, der eben eine Philosophie braucht. „Das ist meine Philosophie“ hat früher gerne wer gesagt, wenn er meinte: „Das ist meine Meinung.“ — Das ist halt so meine Philosophie, so sehe ich das. Philosophie als das, was sie nicht ist, als Weltanschauung.

Jetzt erst, noch einmal, wird Adornos erster Satz aus der Einleitung der „Negativen Dialektik“ verständlich:
Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt mißlang. (…) Der introvertierte Gedankenarchitekt wohnt hinter dem Mond, den die extrovertierten Techniker beschlagnahmen.

[Band 6: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit: Einleitung. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 2830 f.
(vgl. GS 6, S. 15) http://www.digitale-bibliothek.de/b... ]

Adorno konnte dies nicht wissen, aber er musste es auch nicht. Denn diese „Philosophie“ ist ein Topos der Geschichte. Man ersieht daran, wie wenig sich bisher überhaupt änderte.

Während das „Reform“-Wort immer wieder aus dem Säckel der politischen Auseinandersetzung wie der Knüppel aus dem Sack gezogen wird, hat die Welt sich wenig geändert, jedenfalls nicht unter dem Schein des täglichen Bildes, welches uns seit Jahren neu projeziert wird.

Zur Philosophie wird stilisiert, was eigentlich nur Blendwerk ist. Insofern auch gibt das Wahlergebnis (sozusagen als philosophisch-empirische Forschung) etwas vollkommen Richtiges und Banales wider: Die Auswechselbarkeit der Agenten der Aussage. Es könnte wirklich jeder gesagt haben — nur eben kein Philosoph. Zumindest keiner, der diesen Namen verdiente.
Dem Markt entgeht keine Theorie mehr: eine jede wird als mögliche unter den konkurrierenden Meinungen ausgeboten, alle zur Wahl gestellt, alle geschluckt.

[Band 6: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit: Einleitung. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 2832
(vgl. GS 6, S. 16)http://www.digitale-bibliothek.de/b... ]

„Die Entzauberung des Begriffs ist das Gegengift der Philosophie“, schreibt Adorno. Wenn ich ganz findig wäre und wenn es überhaupt möglich wäre, wäre es nicht so dumm, würde ich sofort eine Kanzlei beauftragen, all diejenigen abzumahnen, denen Philosophie nur den Pseudoschmuck zu ihrem profanen Tagewerk darstellt. Diese Möglichkeit bleibt verwehrt, nicht dagegen die Realität, die sich unphilosophisch dagegen absperrt und dieses Mittel als Wahl setzt.

Den Heise-Verlag hat so ein Landgerichts-Urteil aus Hamburg erwischt, wonach Forenbeiträge vorderhand zu beurteilen seien. Heise lässt nicht locker, das ist gut so. Das Recht, nicht das Wissen, befördert eine Prekarität der gesellschaftlichen Selbstorganisation. Oder ein Beispiel, welches ich über Pepa entdeckte. Sozialrichter Jürgen Borchert versachlicht eine Diskussion um die problematische Lage von Familien. Das heißt, er macht aus menschlichen Problemen sachliche. Er macht sie zu Sachen. Sein eingeschränkter Blick macht Menschen zu puren Gegenständen beliebiger Gesetzgebungsvorschläge. Dabei umgeht er ganz absichtlich und grundsätzlich die Frage danach, was denn überhaupt gewollt sein kann und muss. Und so einfach sieht dann seine Philosophie im Detail aus:
Was bedeutet das konkret?
Borchert: Zunächst brauchen wir eine Reform der Einkommenssteuer, die hier wieder Gerechtigkeit schafft.

Gerechtigkeit, ein Wort das ihm wohl aus Versehen so herausrutscht. In einem so eigeengten Sinne Gerechtigkeit als diejenige vor der Einkommenssteuer zu sehen — man könnte auch sagen: „Das ist halt so meine Gerechtigkeit“ — zeigt den fatalen Verfall der Begriffe durch ihre Vernutzung. Da tut Gegengift not. Nur ist dies nicht so einfach zu haben.

Gegen Borchert hat schon vor gut 200 Jahren der simple Hegel in seiner Rechtsphilosophie gesehen:
§ 175

Die Kinder sind an sich Freie, und das Leben ist das unmittelbare Dasein nur dieser Freiheit, sie gehören daher weder anderen noch den Eltern als Sachen an.

[Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts. Quellen Philosophie: Deutscher Idealismus, S. 19267 (vgl. Hegel-W Bd. 7, S. 327) http://www.digitale-bibliothek.de/Q... ]
Das freilich würde ganz andere Konsequenzen nach sich ziehen, die sich rechtlich und politisch anders äußern müssten.

Kommentare

Ist es nicht das Problem

Ist es nicht das Problem vieler Juristen, dass sie, Teilaspekte beschreibend, sich bei der Definition allumfassender Wahrheit wähnen?

Dennoch sollte man die Aussagen des Herrn Borchert zur momentanen Lastenumverteilung nicht vollkommen verdammen.

Ein Jurist hat ja immer

Ein Jurist hat ja immer einen Fall und ist dann in der Regel beauftragt für seinen Mandanten das Beste herauszuholen. Der Richter hier wähnt sich beauftragt von einer „Ungerechtigkeit“ - er sieht eine Fragestellung. Soweit es die Umsetzung von Verfassungrechts-Urteilen angeht, soll er das auch machen und sich äußern. Als Privatmensch darf er ohnehin alles.

Die Lobbyisten aller Genres tun dies schließlich auch. Meines Erachtens verfehlt er jedoch sein Anliegen. Er sieht wieder gesellschaftliche Probleme und Entwicklung nur auf der Folie rechtlicher Aspekte. Und das ist einfach viel zu wenig. Unter dem gleichen Problem leidet übrigens ja auch ein Großteil der Musikindustrie beim Aspekt des Urheber- und Verwertungsrecht.

An einer grundsätzlichen Analyse und Änderung der Entwicklungen ist ihnen nicht gelegen. Sie kratzen nur an den Problemen zu deren Lösung sie genau das anbieten, was die Probleme ganz wesentlich erst hervorruft. Die Verrechtlichung und Versachlichung menschlicher Beziehungen.

Diesen Ausgangspunkt halte ich für grundsätzlich falsch. Niemand kann etwas dagegen haben, dass in der Gesellschaft mehr Gerechtigkeit wirkt. Aber Gerechtigkeit ist kein Thema des Rechts. Mit Gerechtigkeit hat das System „Recht“ nicht viel zu tun.

John Rawls, der amerikanische Philosoph meinte: „Demnach ist eine wohlgeordnete Gesellschaft deshalb stabil, weil ihre Bürger alles in allem mit der Grundstruktur ihrer Gesellschaft zufrieden sind. Die sie motivierenden Überlegungen sind keine wahrgenommenen Drohungen und Gefahren, die von äußeren Kräften herrühren, sondern die zu ihrer benutzten Begriffe entstammen der von ihnen allen bejahenten politischen Konzeption. Denn in der wohlgeordneten Gesellschaft der Gerechtigkeit als Fairneß passen das Gerechte und das Gute (...) in solcher Weise zusammen, daß Bürger, nach deren Auffassung es zu Guten gehört, daß man vernünftig und rational ist und von anderen als vernünftige und rationale Person gesehen wird, durch Gründe, die das für sie Gute betreffen, zu von der Gerechtigekeit geforderten Handlungen motiviert werden.“ (John Rawls, Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf, Ffm 2003, S. 302).

Rawls sieht hier ganz richtig, dass zur Gerechtigkeit die Bedingung der Motivation genauso gehört wie eine gegenseitige Anerkenntnis der Bürger untereinander. Davon freilich sind wir in Teilen weit entfernt. Und diejenigen, die das durchaus verinnerlicht haben, werden durch rein rechtliche Maßnahmen der Kontrolle und Gefährdung nicht motiviert - im Gegenteil. Was viele Mensch doch freiwillig (aus Gründen der Vernunft, des Rationalen oder anderen Gründen) tun würden, machen sie unter Zwang nicht; oder nur aus Angst oder persönlicher Ablehnung. Das halte ich für den falschen Weg, den das Recht und die Politik in Deutschland immer häufiger begehen.

Heißt das jetzt im

Heißt das jetzt im speziellen Falle, dass die Nachbarn ohne Kinder denen mit Kindern monatlich einen kleinen Geldbetrag zukommen lassen sollen, um die durch das Gesetz geschaffene Ungerechtigkeit wieder auszugleichen?

Neee. Das nennt man einfach

Neee. Das nennt man einfach Nachbarschaftshilfe und ist nicht gebunden an das Verteilen von Umschlägen mit Geld drin. In diesem speziellen Fall. ;-)

Klar und eben. (Außer bei

Klar und eben. (Außer bei der Kaltmamsell, das wäre wohl eher Strafe, tschuldigung) ;-)

Aber wieder ernsthaft. Man kann ein Gesetz erlassen, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln Plätze immer denen angeboten werden müssen, die sie nötig haben. Dann gibt man dem Busfahrer die nötigen Dokumente zur Einsicht und der verteilt die Plätze. Wer nicht Platz macht, kommt ins Gefängnis. Und sicher kann man dann sehr viele Ausnahmeumstände finden, dass man doch sitzen darf, obwohl man nicht dürfe, weil man nur eine Station fahre etc. pp. Ich frage mich, ob das nicht auch mal ein Thema für den Sozialrichter wäre.

Aber einfacher wäre es doch, wenn die Menschen (Bürger) aus eigener Einsicht das Richtige machen, der Situation angemessen.

Ich weiß schon was Du

Ich weiß schon was Du meinst und ich stimme Dir auch zu,
nur hier ist der Staat gerade dabei Gesetze zu erlassen, die eine weitere soziale Schieflage bringen werden.
Es geht, wenn ich das richtig verstanden habe, Herrn Borchert nicht darum kinderlose Menschen zu bestrafen. Es geht ihm darum, Familien nicht noch weiter zu belasten, denn genau dies ist doch geplant.

(Und nebenbei bemerkt denke ich, dass sich Frau Kaltmamsell und meine Gören ganz vorzüglich verstehen würden! :-) )

:kuss:

:kuss: