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Taktlos 66 – Kulturgeflenne

Unser schönes deutsches Land befindet sich auf dem Weg in eine wirtschaftliche und kulturelle Rezession. Das sind gute Zeiten für ein Gejammere über diese Zustände, vor allem auch im Bereich der Kultur. Und über was da alles gewehklagt wird: Von der versauten Bildung der Kinder und Jugendlichen, von dem Niedergang der Phonoindustrie wegen des privaten CD-Brennes in Computern und des Tausches von Musikdateien auf illegalen Tauschforen. Es klagt der Musikus auf dem freien Markt über seine Benachteiligung im Rahmen des wohlfahrtsstaatlichen und hochsubventionierten Orchestergrabens. Alles geht offenbar bergab.

Musik: Bach, Goldberg-Variationen T. 16 (wieder aufblenden)

Sprecher: Doch Jammern ist nicht gleich Jammern: Die Phonoindustrie jammert über den Einbruch ihrer Einkünfte und sieht die Ursache dafür überall, nur nicht bei sich selbst. Der Manager eines freien Orchesters dagegen kann sich seine Pfründe nicht sichern, sondern muss gegen die ganzen alten Seilschaften und Krusten des verplanten und verwalteten Kulturlebens ankämpfen. Die einen jammern, weil sich etwas ändert, die andern jammern, weil alles gerne bleiben möchte wie es ist. Die einen benutzen nur Kultur, die andern wollen Kultur herstellen. Letztere haben wirklich Grund zum Jammern und zum Verzweifeln an den versteinerten Verhältnissen, und sie setzen dabei bestenfalls diese Energie in kulturelles Potential um. Das ist beispielsweise der Fall bei einem freien Streichorchester wie dem „Ensemble Resonanz".

Musik: Bach, Goldberg-Variationen T. 23

Sprecher: Kultur ist keine Funktion von Wirtschaft oder Politik, sondern schlechthin die Bedingung und Grundlage, in auf der Wirtschaft und Politik erst gedeihen können. Kultur ist ferner vor allem Kritik und damit explizit kein Verwaltungsgegenstand oder fixierbarer Wert. Hört also nicht auf die Jammerer aus den Chefetagen der Kulturindustrie und ihr Wehgeklage über den Niedergang der Kultur – sie selbst sind es, die diesen Niedergang produzieren, solange man daran nur mitverdienen kann: Die Krokodilstränen aus dieser Richtung gefrieren schon im Auge. Wo also Menschen nur noch im Schema von Selbstdurchsetzung und Konkurrenz aufgefasst werden, da sind sie eben keine Menschen mehr sondern Kunde, Ware oder Wirtschaftsgut. Und wo es keine Menschen mehr gibt, da gedeiht auch keine Kultur, die sie hält oder die sie selbst wären.

Musik: Bach, Goldberg-Variationen T. 20

taktlos

taktlos ist eine sendung des bayerischen rundfunks und der neuen musikzeitung Text als Real-Audio-File

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