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taktlos 72: Bricht der Klassikmarkt zusammen?

<%image(20031217-piendl-winter02-th.jpg|50|50|Stefan F. Winter)%>

Nachfolgend mein Beitrag zur Ausgabe 72 der Sendung „taktlos“ des Bayerischen Rundfunks und der neuen musikzeitung. Zu Gast waren Stefan Piendl (BMG Classics), Stefan F. Winter (Winter & Winter), Thimo Brüll (Leiter der CD-Abteilung des partiellen Kulturkaufhauses Ludwig Beck) und Gregor Wilmes (Chefredakteur der Fachzeitschrift Fono-Forum). Die Diskussionen, die man auch per Real Audio nachhören kann waren zuweilen recht heftig.

Musik: Pierre Schaeffer: Bilude

Sprecher: Oh großes Wehgeklage, oh großer Jammer. In den Managementbüros der großen Musikkonzerne geht ein Gespenst um. Das Gespenst der kompletten Liquidation des Klassik-Marktes im Zeitalter von Raubkopien und allgemeiner Verdummung. Das ist Ende sei nah, orakeln die Propheten der Plattenmajors. Man scheint in diesen Kreisen das Ende der Marketingstrategien erreicht zu haben und ist beleidigt.

Musik: Pierre Schaeffer: Bilude

Sprecher: Punkt 1: Den großen Plattenfirmen und den großen Stars geht es nicht um den Erhalt oder gar Ausbau der kulturellen Landschaft. Und damit geht es nicht um Pflege musikalischer Kultur sondern um die Exposition von Verkaufsplätzen. Dabei ist dann, Punkt 2, jedes Mittel Recht. Im Zweifel werden Zeitschriftenredaktionen über Anzeigenplatzierungen gekauft. Das bedeutet die faktische Abschaffung der Tonträger-Kritik. Damit beraubt man sich der Möglichkeit des reflektierten Kommunikationspfades zwischen Hörern und Machern. Öffentlichkeit wird ersetzt durch Reklame, Musik wird zu einem Produkt wie Seife, die Zeitungen zu Makulatur.

Musik: Pierre Schaeffer: Bilude

Sprecher: Punkt 3: Das ist die Zeit der Plattenfirmen, deren größte Stärke in der Herstellung von Glaubwürdigkeit und profilierter Programmpolitik liegt. Genannt seien das Münchner Label ECM oder das Detmolder Dabringhaus-Grimm. Was in diesen Labels erscheint, das ist mit anspruchsvoller Sorgfalt und mit höchster musikalischer Verantwortung gemacht. Das heißt nicht, hier würden die Kleinen gegen die Großen ausgespielt. Denn, Punkt 4, die Großen Firmen waren wirklich einmal gut. Phillips, Decca, Deutsche Grammophon, Heliodor und EMI hatten durchaus einen guten Klang unter Liebhabern klassischer Musik. Im Zeitalter des totalen Produkt-Marketings hat man aber die Liebe zur Musik durch den Verkauf von Musik-Marken wie Nikolaus Harnoncourt, Simon Rattle oder Nigel Kennedy ersetzt: Starsearch auf klassisch eben. Diese Strategie rächt sich nun. Statt Nachhaltigkeit steht Plötzlichkeit (der schnelle Euro) im Zentrum der Programmpolitik der Majors. Das ist „noch“ zu viel für den Untergang und zu wenig für ein langfristiges Leben. Und – dies sei mal positiv angemerkt – ausnahmsweise ist nicht der Musikunterricht Schuld.

Musik: Pierre Schaeffer: Bilude

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