Texte fürs Blog

taktlos 78: Zukunftsmusik

Musik: Xenakis, La legende d'eer [ab 7' etwa]

Autor: Wenn eine technische Angelegenheit so beschaffen ist, dass sie zwar im Hier und Jetzt denkbar, aber noch nicht umsetzbar ist, hört man häufig den Satz: „Das ist noch Zukunftsmusik.“ Man kann sich also etwas im Groben vorstellen, aber wie sich diese Sache im Detail entwickeln wird, das weiß man nicht.

Zukunftsmusik im rein musikalischen Sinn ist dagegen etwas anderes. Es gibt zwar nur wenige, dafür aber recht eindruckvolle Beschreibungen davon, wie „Musik“ in der Zukunft praktiziert wird. In Jewgenij Samjatins 1920 geschriebenen Roman „Wir“ taucht die Musik einer zukünftigen Welt als maschinell erzeugte auf. Ein Musikometer erledigt alles.

Zitator: „Man dreht einfach an diesem Knopf und kann bis zu drei Sonaten in der Stunde komponieren. Welche Mühe machte das Ihren Vorfahren! Sie konnten nur dann schaffen, wenn sie sich in einen krankhaften Zustand, in 'Begeisterung' versetzten, was nichts anderes ist als eine Form der Epilepsie.“
Autor: Die Musik dieser Welt ist total rational erfasst und weil sie komplett vom Subjektiven getrennt ist, ist sie gut und richtig – die „alte“ Musik dagegen wird in dieser Gesellschaft als Krankheit empfunden: Sie krankt am Menschen. Dieser Roman malt eine vollkommen rationale und durchgeregelte Welt aus. Und totalitär sind in ihr Gesellschaft wie Musik.

Musik: Xenakis, Persepolis-Remix, Ryokji Ikeda: Per se [Track 2 von Anfang – hart rein – aber wie raus?]

Autor: Zu einer anderen Vorstellung von Zukunftsmusik gelangte Franz Werfel 1945 in seinem Roman „Stern der Ungeborenen“. Zwar gibt es in seiner Vision noch Musikinstrumente, nur haben sie nicht länger Tonverursacher wie Saiten oder Mundstücke. Werfel imaginiert eine Musik ohne Schall und nennt sie „astromentale“ Musik.

Zitator: „Das Geheimnis der astromentalen Musik lag nicht in einer bloßen Suggestion mit Umgehung des materiellen Klanges, sondern in der Entbindung des inneren, aktiven, musikalischen Lebens, das der Zuhörer selbst in sich trug. Es war ein gewaltiger Schritt vorwärts auf dem Wege der Verinnerlichung und Vergeistigung, dessen ich Zeuge werden durfte.“
Musik: Reinhold Friedl, Epitaff, ab 1.46 [Track 5] sowohl vorher unterlegen wie nachher unterlegen.

Autor: Immerhin, bei Werfel wie Samjatin machte man sich noch Gedanken über die Tonwelt zukünftiger Musik und war dabei ziemlich pessimistisch. Hört man heute in die Runde, bewegen sich die Gedanken über Zukunftsmusik in den Dimensionen von Technik, Wirtschaft und Recht. Wie verkauft man Musik in Zukunft? Was wird aus der Musikindustrie? Wem gehört die Musik? Es geht heute vorrangig um Musik als zukünftigem Geschäftsmodell. Zeitgleich hat sich eine unfassbare Technik- und Wirtschaftsgläubigkeit durchgesetzt. Musik spielt in diesen Koordinaten eine so große Rolle wie in der Fleischindustrie die Konserve. Was Werfel und Samjatin nur ahnen konnten, scheint, zumindest nach Maßgabe der Technik, längst realisiert. Es ist vielleicht nur noch ein halber Schritt zu einer durch Industrie und Staat vollständig gegängelten Musik. Und wahrscheinlich hat unsere Zukunftsmusik nichts mehr mit Musik im eigentlichen emphatischen Sinne zu tun: Die zunehmende Anreicherung von Schall in unserer Umgebung hat die Musik längst verdrängt.

Musik: Steve Reich: Four Organs [Track 5] von Anfang an.

Der Beitrag wurde für taktlos, das musikmagazin des bayerischen rundfunks und der neuen musikzeitung verfasst und lässt sich auch als Real-Audio anhören.

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