Story

taktlos #82: Operette, Land des Schwächelns

Blick aus dem Studio ins StudioGestern abend um diese Zeit ging taktlos 82 über die Bühne, besser gesagt über den Sender. Ein wieder ganz lebendige Sendung mit mindestens zwei Gesprächspartnern, die schön reden konnten (einer davon zumal ein Bariton).

Operette? Das habe ich mir auch gesagt und meinen Teil gedacht. Mottenkiste mit zuviel Schminke (aber dazu später). Nach der Sendung dann wie immer rüber zum Funkstadl und weiter gezwitschert mit den Gästen. Dabei war schließlich ein altes Fernseh-Idol, der Jürgen Kritz, der ein lange Weile das Filmjournal im Hessischen Rundfunk gemacht hat; und das waren die einzigen vertrauenswürdigen Filmberichte. Hessischer Rundfunk ist nicht mehr, er ist ja leider auch ziemlich heruntergekommen.

Aber solche Leute wie Kritz gehören dann eben auch zu jenen, die einen böse anschauen können aber auch das Theater ist, wie die ganze Operette. Zu meinem Beitrag, veriet er mir, wollte er in der Sendung kommentieren: „Voll aufs Schwarze gezielt, aber nur ins Blaue getroffen.“ Dabei, die Herren in der Sendung hatten auch viel an Operetten auszusetzen. Es ist eine problematische Gattung des Musiktheaters in der Gegenwart (was sie mir auch wieder sympathisch macht).

Also dieser Kritz kennt natürlich a) wieder einmal alles und kann b) es spontan singen; mit diesem Tonfall und dem feuchten Vibrato, das sofort zum Lächeln anregt, wenn man nicht ohnehin derartige Menschen und diesen Gesang gleich als vollkommen abstrus und weltfremd und überkommen und dekadent abkanzelt. Der knödelt und die Lippenenden Mundwinkel [sowas passiert, wenn einem die richtigen Worte ausgehen: Mundwinkel heißt das, Mundwinkel] wandern bis zu den Ohren. Darauf einen doppelten Slivowitz!

Mein kleiner Beitrag lief unter der hübschen Ansage, er sei verfasst von taktlos-Knödeltenor Dr. Martin Hufner und habe zum Thema: Die Operette ist tot - aber Frank Zappa lebt.

Musik: Johann Strauß: Der Zigeunerbaron (irgendwas reiteriges)

Autor: Es reiten die Reiter durch die ungarische Puszta, es blödeln die Blöden in den Berliner Vollmond, man walzt und balzt sich von einer Geliebten zur nächsten, verkleidet sich und lässt es sich schwer rotweintrunken wohlergehen. Ach ja, die Operette mit ihren wirren und sinnlosen Geschichten aus der Pseudorealität. Sie bezieht ihr Material aus den bunten Blättern des verformten Lebens und bietet einem irrlichtgleich die Flucht aus dem faden Leben an. Die Operette war die musikalische Form des untergehenden niederen Bürgertums – eine Art kostengünstiger Kurzurlaub nach Plüschstädten und Muffhausen. Mit dem schrittweisen Absinken des konservativen Spießbürgertums in neue Uniformen der Selbstunterdrückung Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts starb auch die Kunstgattung Operette ab, die noch im 19. Jahrhundert anpruchsvoll, kritisch und sarkastisch beispielsweise bei Jacques Offenbach Aufklärung spiegelte.

Musik: Jacques Offenbach: Die Banditen (irgendwas witziges mit Chor?)

Autor: Damit ist es vorbei, denn die Operette hat genau so eine Verfallszeit wie das ihr verloren gegangene Publikum. Als Stoff der Zeitgeschichte mag man museales Mitleid mit der Gattung empfinden, aber das war es dann schon. Manch einem Regisseur ist das zu wenig. Er fühlt sich dann offenbar dazu berufen, in einer „Czardasfürstin“ Köpfe in Weltkriegs-Schützengräben rollen zu lassen, also so etwas wie eine Reaktualisierung zu probieren. Das ist dann hübsch schockierend, aber vor allem hübsch und der Schock ist ausgeleiert. Gewiss, der Regisseur mag auf diese Weise jegliches Urlaubsfeeling zerstören, aber was gewinnt er? Im Grunde tritt „Regisseur Superschlau“ doch nur mit seinen gewichsten Lederstiefeln mal kräftig scheppernd gegen die alte Kunst-Mülltonne – und die Geigen geben ihren schwelgerischen Segen dazu. Konsequent wäre es dagegen, die künstliche Beatmungsmaschine der in Elend ergrauten alten Operetten endgültig abzuschalten, um Platz zu gewinnen für neue Operetten, wie sie jemand wie Frank Zappa in seinen Untergrund-Oratorien schon entwarf.

Musik: Frank Zappa: Brown Shoes don't make it Track 14 ab 3:40 (LP/CD The M.O.I. America Pageant)

Kann man auch nachhören als Real-Audio. Wurde dieses mal fremdgesprochen. Der Sprecher klingt ähnlich, aber etwas mehr Tempo hätte ich ihm doch mitgegeben. Die Gemahlin von Jürgen Kritz fand den Beitrag jedenfalls recht amüsant. Na denn.

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