Texte fürs Blog

taktlos # 83: Krebsstation – Musik macht Mut

Taktlos sendete am 3. November 2004 live aus dem Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin im Münchner Klinikum Großhadern. Von der möglichst frühen Begegnung mit Musik im menschlichen Leben ist reichlich die Rede. Die aktuelle Schlagzeile lautet da: Musikerziehung beginnt neun Monate vor der Geburt. Über die Bedeutung von Musik in Zeiten schwerer Krankheit, in der letzten Lebensphase, im Angesicht des Todes, wissen wir wenig. Vielleicht eine Folge des Phänomens, dass wir in unserer Zivilisation Gedanken über das Kranksein, das Sterben massiv und erfolgreich verdrängen. „Krebsstation – Musik macht Mut“ – haben wir über die aktuelle taktlos-Sendung geschrieben. Die gesamte Sendung ist auch nachzuhören als Real-Audio.

Beitrag Hufner

Musik: Gustav Mahler: Das Lied von der Erde Der Abschied – Anfang

Autor: 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung hat Me-Ti in einem chinesischen Text folgenden Ratschlag erteilt:
»Wenn die Edlen des Landes wirklich das Wohl des Volkes im Auge haben, so sollten sie Musik, wo immer sie auftritt, verhindern und verbieten. Denn dass das Volk Musik betreibt, hat vier Nachteile: Die Hungrigen werden nicht gesättigt, die Frierenden nicht gewärmt, die Obdachlosen bleiben obdachlos, und die Verzweifelten werden nicht getröstet.«
Musik, so die Quintessenz ist nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich. Diese Art des Umgangs mit Musik ist auch in der Gegenwart spürbar. Man kann ihr nicht trauen. Gleichwohl kommen neuere musikpsychologische und musikphysiologische Untersuchungen zu anderen Ergebnissen. In dem Aufsatz »Musik und Emotion – Zu Wirkung und Wirkort von Musik« vergleichen Michael Grossbach und Eckhart Altenmüller die Wirkung bestimmter Musik mit Rauschmitteln. Sergeij Rachmaninows zweites Klavierkonzert oder Samuel Barbers Adagio for Strings rief bei manchen Menschen folgende Reaktionen hervor:
»Es kam zu einer Aktivierung des endogenen limbischen Selbstbelohnungssystems im Bereich der tiefgelegenen Hirnregionen der Mandelkerne, des Mittelhirns, der inneren Anteile der Schläfenlappen und der unteren Stirnregion. Dieses Aktivierungsmuster entspricht exakt demjenigen, das bei Einnahme starker Rauschdrogen wie Heroin und Kokain entsteht.«
Musik: Barber, Adagio for Strings (geht alles und kann überall drunter liegen)

Sprecher: Nun scheint es zwar vermessen, Musik als Ersatz für eine Schmerztherapie einzusetzen, aber als Ergänzung hierzu kann sie, abhängig von der persönlichen musikalischen Sozialisation des Erkrankten, viele hilfreiche, positive Effekte hervorbringen. Vor allem bedarf es bei dem Einsatz von Musik in therapeutischen Zusammenhängen nicht eines langwierigen Zulassungsverfahrens wie bei Medikamenten. Und etwas weiteres fällt auf: Die Komponente der sozialen Wirkung von Musik, so wenig sie auch erforscht ist, dürfte unmittelbar einsichtig sein. Das wissen und spüren intuitiv alle, die gemeinschaftlich Musik betreiben. Altenmüller und Grossbach stellen im Gegensatz zur chinesischen Erkenntnis fest:
»Die archaischen, einst das Überleben in der Gemeinschaft und durch die Gemeinschaft sichernden Strukturen unseres Emotionssystems werden heute in der Kunst zu etwas zunächst vollkommen Zweckfreiem genutzt. Aber die dadurch erzeugten positiven Emotionen aktivieren das Belohnungssystem unseres Gehirns und machen so das Leben reicher.«
Musik kann Mut machen, Musik kann trösten. So sinnvoll kann eigentlich nur etwas sein, was an sich von Zwecken frei ist.

Musik: Gustav Mahler: Der Abschied – „Ich sehne mich, oh Freund, an deine Seite, die Schönheit des Abends zu genießen“
Den Beitrag als Real-Audio anhören.

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