Texte fürs Blog

Terror 2005

Quirinus brachte mich zurück, Hella schrieb ausgezeichnet, Pepa berichtet aus dem Leben des Sohnes. Es geht um nur eines einerseits: den zweiten Tod der Toten und andererseits um den Tod der Lebenden.

Ich will es kurz machen, die Frage zwischen Vergleich und Singularität angesichts des Holocaust, und damit also die Einbindung in die Gegenwart der je einzelnen Menschen ist kein Problem, das die Philosophie oder die Soziologie lösen kann. Zur Erinnerung, Hella schrieb unter anderem in ihrem nachdenklichen Text „Demokraten, unberaten - Der Antifaschismus entlässt seine Kinder“:
Wozu aber sollen sich Schüler immer wieder mit Ereignissen beschäftigen, die mittlerweile 60 Jahre zurückliegen und aus denen sie nichts lernen können, solange es ihnen nicht gestattet ist, sie mit gegenwärtigen Ereignissen oder Tendenzen zu vergleichen?
Und zur Mentalität, die sich da breit macht:
Zwischen einem Irren wie Roland Freisler, so glauben die meisten, und einem Vater, einem Lehrer oder Chef, der einen »Untergebenen« anschreit, in die Enge zu treiben versucht und dies gar vor anderen tut, bestehe keinerlei Gemeinsamkeit: ist der Vater, Lehrer oder Chef doch kein Nazi und damit kein Vollstrecker einer Diktatur, sondern »nur« einer von vielen ganz normalen Spinnern. Und diese Spinner muß man halt so nehmen, wie sie sind.
Denn, wenn man Nazizeit und Holocaust gleichsetzt, die Singularität des Holocaust rückwärts gerechnet also als Singularität des anderen nimmt, dann verstellt man den Blick auf die aktuelle Situation. Das ist richtig beobachtet, wenn ich es richtig verstanden habe.

Mich trieben kürzlich ähnliche Gedanken an als ich einen Cluster für die neue musikzeitung verfasste. Antrieb war ein Passus in Adornos Text „Erziehung nach Auschwitz“ in dem er die Frage stellte, wie sich so etwas „inmitten von einigermaßen gesitteten und harmlosen Menschen“ abspielen konnte. Und das ist eine Frage, die man eben stellen muss, gerade auch heute, wo man das Ende nicht kennen kann.

Terror 2005

Es gibt Gegenden in Deutschland, wo eine neue „braune Kultur“ ganz auf der Oberfläche der Gesellschaft in Erscheinung tritt. Darüber kann man in letzter Zeit in den „Politiker-Analysen“ genug und viel sich ärgern. Die Arbeitslosigkeit, die mache das aus uns. So einfach kann man es sich machen und ablenken davon, was sich „inmitten von einigermaßen gesitteten und harmlosen Menschen“, wie sie Theodor W. Adorno nannte, abspielt.

Ein paar Beispiele: Das Landeskriminalamt Niedersachsen hat einen anonymen Denunziationsserver (im Internet) eingerichtet, der Verleumdungen sozusagen unter Staatsschutz ermöglicht. Mobbing unter Schülern ist zu einer erfolgreichen Methode der Durchsetzung ebenso geworden wie das Kuschen von Mitschülern und das häufige Kapitulieren der Erzieher in diesen Situationen. Knappe Ressourcen im medizinischen Sektor fordern geradezu nachhaltig unethische Verhaltensweisen nach dem Motto: „Wenn du das nicht machst, macht es eben ein anderer!“ Die letzte Umsetzung einer EU-Richlinie zur Telekommunikationsüberwachung und Vorratsspeicherung von Daten macht uns alle zu gläsernen potenziellen Verbrechern am Staat. Hohe deutsche Regierungspolitiker aus der 68er- und 70er-Generation setzen damit ihr Türaushängungsgebot in die Praxis um. Rundfunkräte degradieren sich selbst zu Abnickorgangen von Programmdirektoren und Intendanten und ignorieren letzte Reste bürgerschaftlicher Kritik. Und Rundfunkintendanten geben nichts auf Begriffe wie Kultur- oder Bildungsauftrag, orientieren sich lieber an Mediaanalysen. Deutsche Banken und andere Großkonzerne sind endgültig desinteressiert an Menschen. Aufmucker und Kritiker werden unter den gegenwärtigen Marktbedingungen einfach geschnitten, dazu bedarf es weder Entlassungen noch Abmahnungen. „Entweder du unterlässt deine Kritik, oder du bist raus, und niemanden wird das interessieren“, hört man immer häufiger. Der alte Staatszensor des 19. Jahrhunderts sitzt längst inmitten von uns selbst.

Ich muss mal persönlich werden. Als ich ein Kind war, in den 70er-Jahren, war es mir schlichtweg unbgreiflich, wie sich der Nationalsozialismus in Deutschland etablieren und durchsetzen konnte. Ich fragte mich: „Wie konnten sich Menschen das gefallen lassen?“ Heute bangt es mir weniger vor dem Nationalsozialismus, aber vor einem neuen Terror, denn die Bedingungen für eine neue allgemeine Selbstzerstörung der Gesellschaft haben sich nicht verändert. Adorno hat diese Bedingungen in seinem Text „Erziehung nach Auschwitz“ sehr genau beschrieben: „Unfähigkeit zur Identifikation war fraglos die wichtigste psychologische Bedingung dafür, dass so etwas wie Auschwitz sich inmitten von einigermaßen gesitteten und harmlosen Menschen hat abspielen können. Was man so »Mitläufertum« nennt, war primär Geschäftsinteresse: dass man seinen eigenen Vorteil vor allem anderen wahrnimmt und, um nur ja nicht sich zu gefährden, sich nicht den Mund verbrennt. Das ist ein allgemeines Gesetz des Bestehenden.“ Wenn nicht alle einzelnen Phänomene täuschen, dann sind wir auf dem besten Weg, was Adorno in der Vergangenheit ausmachte: „Die Kälte der gesellschaftlichen Monade, des isolierten Konkurrenten, war als Indifferenz gegen das Schicksal der anderen die Voraussetzung dafür, dass nur ganz wenige sich regten. Das wissen die Folterknechte; auch darauf machen sie stets erneut die Probe.“

Martin Hufner

Erschienen in: neue musikzeitung 3/2005

Kommentare

Genau <i>das</i> versuche ich mit allem, was ich schreibe, immer wieder aufs neue zu sagen: so auch mit meinen Worten über die Gleichsetzung der Nazizeit mit dem Holocaust. Macht man sich nämlich diese Gleichung (der auch <i>Diktatur = Regime à la Saddam Hussein</i> entspricht) zu eigen, so verliert man (wenn man ihn überhaupt je hatte), den Blick für jene schleichende Ausgrenzung und Entrechtung, wie Victor Klemperer sie in seinen Tagebüchern beschrieben hat. Diese Entwicklung aber betrifft nicht nur die sog. bildungsfernen Schichten, sondern auch und gerade die intelligentesten und zugleich psychisch integersten Menschen: da diese sich der Nivellierung widersetzenden Personen vielfach aus dem wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben hinausgemobbt oder gar nicht mehr hineingelassen werden. Dergleichen darf ich zwar noch öffentlich sagen, wie an dieser Stelle; doch was von den großen Medien nicht verbreitet wird, scheint in unserer Telekratie nicht zu existieren. Was derzeit vor sich geht, läuft hinaus auf jene totale Gleichschaltung, die Hitler & Co sich erträumt haben. Nur die ideologischen Prämissen und die Methoden haben sich geändert.

Lieber Martin, danke für diesen Eintrag, der mich ebenso zurück gebracht hat wie dich jener von Quirinus. Ebenso danke Hella für ihren Text. Statt trackback deshalb von mir mehr als nur Zustimmung und der Hinweis, dass ich den Faden (erst heute) aufgenommen habe: http://luebue.blogspot.com/...

Und ich konnte meine große Klappe bei dem Thema ebenfalls nicht halten... Aber danke für die Erleichterung, die ich hier beim Lesen spüre. Ich dachte schon, alle denken so...

Es gibt da noch eine lange Tradition. In meinem Cluster „Deutschstunde“ von 2001 kann man das nachlesen: http://www.kritische-masse....

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