Texte fürs Blog

Unworte

Die Gesellschaft für Deutsche Sprache hat den Begriff „Humankapital“ zum Unwort des Jahres 2004 gewählt. Das Unwort für das 20. Jahrhundert lautete „Menschenmaterial“. Beiden gemeinsam ist der Kern der Humanität oder der Menschlichkeit, beiden gemeinsam ist ebenfalls, dass eben dies zur verfügbaren Masse tituliert wird. Beide Worte sind Unworte, aber beide sind viel genauer noch tief schneidende Zeichen der Bewegungsrichtung der modernen Welt. Beide Worte stimmen noch mehr, als dass sie Unworte wären. Erstaunlich ist vielmehr, dass sie so offen benutzt werden ohne einen Moment der Abscheu dabei zu erzeugen.

Gerade der Bereich der Kultur lebt von diesem Humankapital, aber recht eigentlich nämlich von Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Mit Fähigkeiten, die diese Gesellschaft einmal für förderlich hielt. Dazu gehörte auch im Wesentlichen eine bestimmte Form des Unbequemen und Subversiven. Kultur gedeiht nicht in Erstarrung sondern in Bewegung, in Auseinandersetzung und auf gleicher Höhe der an ihr Teilhabenden. Der nationalsozialistische Autor Hanns Johst schrieb in seinem Drama „Schlageter“ 1933: „Wenn ich das Wort ,Kultur’ höre, dann greife ich zu meiner Pistole.“ Damit hat er den Begriff der Kultur sehr richtig verstanden, nämlich als aufrührend und kritisch.

Der gegenwärtige Umgang mit diesem Begriff terminiert aber in seiner Ab- und Umwertung: Man entwendet den Begriff und bestimmt ihn neu. Werden „Kulturarbeiter“ nur als Humankapital aufgefasst, ist auch der Begriff der Kultur unmittelbar tangiert. Die große aktuelle Popindustrie hat die Arbeit mit Humankapital und Menschenmaterial längst zur Basis; die in ihr wirkenden Menschen werden ausgetauscht nach Belieben. Die Kultursender sind haufenweise zu Kulturvertreibern geworden, denn ihnen ist der hörende oder der quermusizierende Mensch nur im Weg. Sie benötigen Menschenmaterial, pures Zahlenfutter, fungibel und eigentlich überflüssig, außer zum Abzählen. Aus dem Begriff Kultur als Zeichen einer aufgeklärten Gesellschaft wird damit schleichend und perfide ein (Kultur-)Unwort.

Quelle: nmz 2005/02

Kommentare

Als 1942 das 'Meistersextett' - Nachfolger der Comedian Harmonists in Deutschland - verboten wurde, hieß es, es würde mit seiner Musik nicht zur Stärkung des Wehrgedankens beitragen. Heute wird man sagen, was sich nicht verkaufen läßt, kann kein Beitrag zur Kultur sein.

Das Unbequeme & Subversive wurde von unserer Gesellschaft noch nie für förderlich in dem Sinne gehalten, wie du es meinst. Es gab nur einmal eine Zeit, da es sich recht gut verkaufen ließ: an diejenigen, die einst „Laßt euch nicht BRDigen“ gerufen haben und nun die letzten Reste des Sozialstaats und der Demokratie begraben.

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