Texte fürs Blog

Utopie mit ohne u

Eigentlich sind die Fragen, die man sich anlässlich von Vorratsspeicherung und Erfassung von Mensch und Haut stellt, völlig obsolet. Den Zustand dieses Volkes liest man am besten daran ab, wie es auf die Umsetzung von G8 in der Schule reagiert. So ziemlich alle, die noch einigermaßen die Sinne beisammen haben, können G8 nichts abgewinnen. Die Verkürzung der Schulzeit ergibt welche Vorteile? Dass die Schüler schneller ein kürzeres und entleerteres Studium aufnehmen können? Bachelor, Master.

Mal ehrlich, sollte man dann nicht zur Schule der vorletzten Jahrhundertwende zurückkehren. Da hat man in Philosophie schon mit 21 seinen Doktor machen können. Die ganzen Zwischenstationen waren unnötig. Noch neulich las ich in der Berliner Zeitung vom Studentenvertreter im AStA der FU Berlin (Hartmut Häußermann), dass er gerade mal einen Schein machen musste bis zur Prüfung. 1 Er sagt darin:

Unser Studium sollte so organisiert sein, dass selbstständiges Lernen und Denken gefördert wird, so dass wir auch in eigenem Ermessen Hausarbeiten und Aufsätze schreiben können. Konkret hieß das: Abschaffung von Prüfungen! Beides ist, aus der Ferne gesehen, unglaublich elitär.

Richtig. Aber es ist eben auch nicht anspruchslos, sondern anspruchsvoll. Das ist das eine. Aber es zeigt sich bei den Nachgeborenen, dass dies teilweise in neuen Dünkel überführt worden ist. Heute gehört: "Dieses Gymnasium sei nur eine etwas erweiterte Realschule, aber wir sind doch Akademiker ..." Ja, wir Akademiker. Und so akademisch war dann auch die Diskussion über den richtigen Umgang mit G8. Kinder kommen unterzuckert aus der Schule, haben keine Zeit mehr für Arbeit neben der Schule. Jeder Arbeiter habe bessere Arbeitsbedingungen. Der Tarifvertrag zwischen den Schülern und dem Staat, der stimmt einfach nicht. Aber die Schüler können nichts machen und der Staat kann alles vorschreiben. Er muss sich ja nicht um die Umsetzung kümmern. Und so haben wir eine Bildungsreform, die papierkonform ist aber nicht in der Realität ankommen kann, weil diese nicht darauf vorbereitet ist. Alte Schulen sind nicht von heute auf morgen Ganztagsschulen.

Das moderne wirtschaftskonforme Verhalten rät: "Passe Dich an, bis du die Politik erfüllst. Baue eine Mensa oder auch nicht, entrümple die Lehrpläne oder auch nicht." Du musst es eben ausbaden. Alle müssen immer alles ausbaden. 2

Aber an eine Weigerung denkt niemand mehr. Das System auflaufen lassen, zivilen Ungehorsam üben. Ein halbes Jahr die Kinder erst zur zweiten Stunde schicken - überall! Dann muss sich die Politik anpassen.

Das Ordnungsamt auf die Toiletten der Schulen schicken, das Gesundheitsamt. Schließt die Schulen einfach zu. Macht die Schulen einfach zu. Lehrer, Eltern, Schüler, verweigert euch einfach dem System, das keine Rücksicht nimmt auf euch. Ist die Schule gesundheitsgefährdend, verbietet sie einfach - jedes Gefängnis hätte da einen Skandal an der Backe.

Aber nein, es wird gehadert. Soll man den Samstag zur Entzerrung hinzufügen, Brotboxen für Kinder verbindlich machen. Zucker unter die Schulbank legen. Hey, wir sind Akademiker, wir wissen uns zu helfen. Jedes mal, wenn ich aus so einer Elternversammlung heraus komme, bin ich ein Stück mehr desillusioniert. Akademisch korrekt alles, in dieser Klasse, einer Werkstattklasse ist man noch besonderswert von den Guten. Musisch-akademisch! Wow. 3 Revolutionen heute sind noch weniger drin als früher einmal. 4

5 Es muss ja nicht die Revolution sein, aber der soziale Konflikt wird in sich verschoben. Adorno hat da viel zu geschrieben unter anderem das:

"Leicht verbünden die von sozialem Druck Deformierten sich mit der Gewalt, die sie zurichtete. Sie halten sich schadlos für den gesellschaftlichen Zwang, der ihnen selbst widerfuhr: an denen, die ihn offenbar zur Schau tragen. Unbewußt giriert das Gelächter über den komischen Kauz die Unterdrückung, die dessen Absonderlichkeit zeitigte." 6

Und das passiert gegenwärtig auch im Falle der angesagten oder nicht angesagten Streiks. So dasss man die Verhältnismäßigkeit nicht mehr wahrnehmen kann. Ich schimpfe über den Streik der Busfahrer, aber ich könnte auch über den Streik der Arbeitgeber schimpfen, die den Streik der Busfahrer mindestens zu wesentlichen Teilen zur Ursache haben.

Das Schlimme hier, man verliert a) die Geduld und b) den Maßstab über die Berechtigungen des einen oder anderen Verhaltens noch vernünftig urteilen zu können. Es ist insgesamt alles sehr fürchterlich geworden. Sicher, alles läuft im Groben sehr viel besser als es jemals früher der Fall war. Ich wünsche mir nicht die 50er Jahre zurück, nicht die 60er etc. Ich wünsche mir nur zurück, dass es wieder einmal etwas mehr Mut gäbe, manches Haus einfach besser einzureißen als es andauernd nur zu verschlimmzubessern. Von mir aus mögen sogar fünf Jahre Schule reichen, also zumindest um sich durchzufretten und zu überleben und nicht mal schlecht, reichen sie ganz gewiss. Vielleicht sogar weniger.

Was so traurig ist. Niemand hat mehr Utopien in dieser Richtung, alle haben nur Businesspläne, die dann - wunderohwunder - natürlich trotzdem nicht funktionieren. So machen die Businesspläne der Gesellschaft vor allem, und alle, busy. Leider hat es sich damit schon.

  • 1. Übrigens ein hinreißendes Interview.
  • 2. Bis auf die Autofahrer, die haben den ADAC.
  • 3. Meine ganzen Vorurteile gegen Gymnasien werden ganz merkwürdig bestätigt. Als ehemaliger niedersächsischer Gesamtschüler darf ich mir das herausnehmen. Allerdings sind die heutigen Gesamtschulen derartig zu bürokratischen Zerbröselungsanstalten verkommen, dass es nicht als Alternative scheint.
  • 4.
  • 5. Dazu hatte Toqueville einiges Erhellendes geschrieben. Ein andermal dazu.
  • 6. [Band 8: Soziologische Schriften I: Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 5062 (vgl. GS 8, S. 193) http://www.digitale-bibliothek.de/b... ]

Tagging: 

Kommentare

Herr Hufner, Sie haben sich selbst übertroffen. So viel Wahrheit auf so wenig Bildschirm.

Die Universitäten stehen diesem Stumpfmachen aber auch in nichts nach. Selbständiges Lernen verlernt man da schnell oder nie. Studenten will man sowieso nicht (mehr?). Man zeugt Zuchtbullen und -kühe, die mit einem stumpfen "muuuuh" ihr Fressen und ihr Gefängnis akzeptieren, schnell fett werden und in ihrer Maschinemensch-Lethargie zumeist sogar vergessen beim Kacken den Schwanz zu heben...

Man verzeihe mir bitte den fäkalen Ton.

Grüße. Herzliche.

Thomas

Ach Thomas, vielen Dank für so viel Kompliment! Den Absatz zur Uni kann man einfach sich denkend einfügen.

Angetrieben von:

Powered by Drupal