Texte fürs Blog

Zynismus-Selbsterhaltungssystem

In manchen Kreisen regt man sich über eine Sendung von SAT1 auf, die angeblich Planetopia heißen soll. Darin ging es um die angeblich „unterschätzte Macht“ von Weblogs. Kann man ja nachlesen dort. Der Schockwellenreiter ärgert sich, Spreeblick ärgert sich (aber nimmt es lustig) etc. pp.
Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt. [Lichtenberg]
Irgendwie scheint man verwundert darüber, wie im Fernsehen Beiträge erstellt werden, wie man Worte benutzt, wie man Sachen schneidet, wie etwas im Zusammenhang (anders) wirkt. Das ist eine so gänzlich neue Erfahrung, dass ein allgemeines Kopfschütteln einsetzt. Und andere, wie ich, die klugscheisserisch das sowieso immer schon wussten, sind nicht besser dran, wenn sie dies artikulieren. Denn, das ist wirklich keine besonders exklusive und neue Erfahrung.

Ob nun in Weblogs Wahrheiten drin stehen, ob das Fernsehen, die Zeitung, das Magazin die Wahrheit kundtut? Haha. Das tun sie alle. Denn die Wahrheit ist das, was sich manifestiert. Dies ist aber zu trennen von der „Wahrheit“ wie sie objektiv wäre. Diese wird komischerweise immer wieder gerne herbeigerufen, aber sie bleibt selbstverständlich auf der Strecke: prominentestes Beispiel, die Prawda.

Manchmal wünschte man den Nachrichtengläubigen einfach ein paar Minuten für eine Philosophievorlesung oder einen Minikurs in zweiwertiger Logik, sei es auch die Mengenlehre. Zumindest eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Satz von der Identität: A = A. Bzw. der Logik des Nicht-Identischen. Selbst Freund Quirinus rechnet letztens merkwürdig 1 + 1 = 2, so wie es anscheinend Beckstein vorrechnet (oder ich habe die ganze Ironie komplett verpasst). Allein 2 = 2.
Update von Lichtenberg: Zweifle an allem mindestens einmal, und wäre es auch der Satz: zwei mal zwei ist vier.
Vielleicht ist auch richtig, dass der Umgang mit Computern und digitalen Daten an sich, jegliches Denken auf Konsequenzlogik oder bestenfalls Schleifen oder Bänder reduziert. Beim Letzterem hat man immerhin noch die Chance zur Einsicht in ein Paradoxon oder eine Aporie.

An sich sind alle Menschen klug, aber wenn es um (ein) Menschenleben geht, kennt die Dummheit keine Grenzen und kein Maß. Darum, das möchte ich bitten, Schluss mit dem Gefasel über Unveräußerliches. Die Welt kennt nur noch den Ausnahmezustand, der ist jetzt nämlich status quo.

Das ist eine Welt, die sich von ihrem eigenen Zynismus ernährt; der Selbsterhaltungssatz der Gegenwart. Ihre Zukunft ist ein Zerfallen durch Progression: eine immer ausgefeiltere und Kräfte aufsaugende Form der Selbstdomestizierung. Leider muss ich das konstatieren. Während ich früher die „Dialektik der Aufklärung“ wegen ihres geschichtsphilosophischen Charakters als beinahe zu mechanisch materialistisch und telosbezogen ablehnte („es muss doch den freien Willen geben, sonst könne man nicht erkennen, dass es ihn nicht gibt“), neige ich immer klarer zur Zustimmung der Thesen jener Autoren. Es gäbe nur einen Fortschritt, den von der Steinschleuder zur H-Bombe.

Kommentare

Morgaine versteht es nicht (http://morgaine.twoday.net/...). Dann das Original:
Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe. Sie endet in der totalen Drohung der organisierten Menschheit gegen die organisierten Menschen, im Inbegriff von Diskontinuität.
[Band 6: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit: Dritter Teil: Modelle. Digitale Bibliothek Band 97: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 3345 (vgl. GS 6, S. 314)]

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