Texte fürs Blog

Sympanian – oder die Idee der reinen Musik als Idee (Fragment)

Vor zwei Jahren habe ich einen Text zum Thema „Wenn die Engelein singen, oder: Gibt es im Himmel Musik“ als Rundfunk-Feature geschrieben. Jetzt habe ich mich an ein Material erinnert, welches ich damals nicht genutzt habe. In Franz Werfels Roman „Stern der Ungeborenen” gibt es eine Passage über die Musik in jener sehr merkwürdigen Welt, aber eben auch Ausführungen über Sinnlichkeit und Geist.

Sprecher 1: Franz Werfel beschreibt in seinem 1945 fertiggestellten Roman „Stern der Ungeborenen“ eine Welt, die er zeitlich um über mehrere tausend Jahre in die Zukunft datiert. Nach zahlreichen Naturkatastrophen und Kriegen hat sich eine Gesellschaft von Menschen gebildet, die im wesentlichen durch bloße Geistesanstrengung und Substanziierung der Sinne auszeichnet. Essen in der uns bekannten Form gibt es nicht mehr. So speist man in dieser Zeit keine Einzelgerichte mehr, sondern bedient sich an Getränken. Über den Inhalt schreibt der Protagonist des Romans:

Sprecher 2: Alles Essen, das wir zu uns nehmen, hat eine zweifache Bedeutung. Es führt uns erstens unserm Geschmackssinn ein Erlebnis zu, und es befriedigt zweitens das Verlangen des Körpers nach Kalorien. Das Geschmackserlebnis hat es nur mit der Substanz einer Speise zu tun, die Befriedigung des Verlangens nur mit der Materie derselben Speise. ... Einst übertraf die bei uns bei Tisch servierte Materie bei weitem die Substanz, das heißt, man mußte eine ganze Menge Fleisch essen, um das Geschmackserlebnis eines gebratenen Rehrückens durchgenießen zu können. Dieses Verhältnis hatte sich in der abgelaufenen Zeit aufs wundersamste umgekehrt. Es wurde uns hier ein Maximum von Substanz in einem Minimum von Materie serviert. Und weil bereits vom Meere die Rede ging, muß ich verkünden, daß der zweite Gang, jenes ziegelrote Süppchen im dicken Kristall, das Meer an sich war. Wohl richtig, auch zu meiner Zeit hatte ich vom Meere, von der Wesensidee des Meeres so manchen Bissen und Schluck verkostet. Was sind schließlich ein Dutzend Whitestable Austern, mit dem richtigen Chablis dazu, anderes als die Substanz „Meer”? Enger noch, die Wesensidee „Nordsee“? Und das Scherenfleisch eines Helgoländer Hummers mit seiner impertinent äquivoken Süßigkeit, die sich erst im Nachgeschmack ganz preisgibt? Und die billigen Portuguèses, Oursins, Violettes, die man an den Straßenecken aller südfranzösischen Häfen den ganzen lieben Tag feilbietet? Sind sie mit ihrem Algen- und Tangduft nicht das personifizierte Mittelmeer, diese ordinären Portuguèses? Und ein Bisque d’Hommard bei Prunier in Paris? Und eine Bouillabaisse in einem Fischerdorf zwischen Marseille und Toulon? Und eine Grancevola, eine Meeresspinne, in einer venizianischen Taverne, mit ein wenig Essig und Öl und Pfeffer verabfolgt? Sie ist nicht nur Meer und Mittelmeer, sie ist eine noch näher bestimmte Substanz. Die Adria. – Und doch in den wenigenTropfen des ziegelroten Saftes genoß ich das alles zusammen und auf einmal, und zwar auf eine schwerelos und gar nicht beschreibbare Art. ... Zu meiner Zeit hatten allein die Hochmusikalischen mit ähnlicher Einversinnlichung etwa einer Orchesteraufführung von Debussys „La Mer” beigewohnt, zu welcher derzeit ein Diner eingenommen wurde. (75)

Musik: Debussy La Mer

Sprecher 1: Was Franz Werfel in dieser Gesellschaft für das Essen beschreibt, gilt ähnlich für die Musik dieses fernen Zeitalters, welches man dort „Sympanian“ nennt. Die Instrumente des dort anwesenden Orchesters werden folgendermaßen beschrieben:

Sprecher 2: Sie waren in den Formen zum Teil verschieden von den unserigen, im Prinzip aber dieselben. Und sollte Menschheit nochmals so alt werden, dachte ich, sie wird immer auf dieselbe Art Musik machen, indem sie singt, fiedelt, zupft, bläst, auf gestimmten Saiten oder auf gespannte Felle schlägt. Mein Gott, wie kläglich muß ich mir selbst widersprechen. Diese Instrumente im Orchester schienen ja nur Blas- und Saiteninstrumente zu sein. In Wirklichkeit besaßen die mentalen Varianten der Geigen und Harfen gar keine Saiten sondern waren blanke Attrappen wie der Dudelsack des Einfältigen und der Leierkasten heute morgen im Park des Arbeiters.
Der Komponist hatte inzwischen in dem Orchester. Das noch durchaus nicht viel Aufmerksamkeit an den Tag legte, einen der Holzbläser anfixiert, der sich lächelnd nachlässig erhob. Zwischen den beiden Männern begab sich ein kleines Verständigungsspiel mit den Augen, dann hob der Bläser seine Attrappe von Oboe an den Mund, und der Meister begann mit dem Zeigefinger ein bißchen Takt zu schlagen. Ich hörte nichts. Andere Instrumente traten hinzu, um den Oboisten zu begleiten, dessen Oberkörper im rhythmischen Vergnügen hin und her schwankte. Immer mehr spiegelten die Bewegungen des Orchesters das äußere Bild der Musik wider. Das Publikum hörte sie schon längst. Und jetzt ging auch mir das innere Hören auf, und zwar ähnlich, wie wenn einem im Flugzeug, das im Gleitflug aus ziemlicher Höhe niederkreist, die Ohren sich öffnen. ... Das Geheimnis der astromentalen Musik lag nicht in einer bloßen Suggestion mit Umgehung des materiellen Klanges, sondern in der Entbindung des inneren, aktiven, musikalischen Lebens, das der Zuhörer selbst in sich trug. Es war ein gewaltiger Schritt vorwärts auf dem Wege der Verinnerlichung und Vergeistigung, dessen ich Zeuge werden durfte. (474)

Sprecher 1: Franz Werfel weist mit diesen beiden Beispiel auf eine doppelte Veränderung von Kunst in der beschriebenen Zukunft hin. Für das Essen findet er den Begriff der „Einversinnlichung” für die Musik „Verinnerlichung und Vergeistigung“. Beide, eigentlich gegenläufigen Bewegungen von Sinnlichkeit, sind zusammen nur denkbar in einer uniformen Welt, in der Differenzierung auf einen Punkt zusammenfallen kann. Dieser Gedanke ist der philosophischen Ästhetik des 19. Jahrhunderts entlehnt. Es wird auf diese Weise die Existenz von Sinnlichkeit und Kunst nach ihrem Ende als Folge und Nebeneinander von singulären Ereignissen beschrieben. Es ist so, als ob man beispielsweise in der Musik die Summe aller musikalischen Sonnenaufgänge in einem Werk ein für alle Mal zusammenfassen würde. Das wäre die Schöpfung eines Werkes, welches alle bisherigen überflüssig machte. Denn es stellte musikalisch die Substanz „Sonnenaufgang” dar.

Ein ähnliches Problem würde sich unweigerlich auch einer Musik im Himmel stellen, sofern wir sie uns in einem Zeit- und Raum-Zusammenhang denken, wie er für uns Erdenmenschen sich immer darstellte. Jede uns bekannte Musik müsste danach als unfertig und unvollkommen erscheinen. Als solche hätte sie im Rahmen der Vollkommenheit, denn nichts anderes ist der Himmel, Anteile primitiver Sinnlichkeit nämlich wären bloß Ausdruck irdisch-privaten und persönlichen Geschmacks und damit unweigerlich defizitär. Denn Himmel mit den Maßstäben, Raum- und Zeitvortsellungen der Erde zu denken, muss in die erkenntnistheoretische Irre führen.

In der Apokalypse-Vision des Johannes erklärt zum Ende ein Engel, dass hinfort keine Zeit mehr sei. Damit geht der Engel auf dieses Problem ganz ausdrücklich ein. Wo keine Zeit mehr ist, da ist dann auch kein Werden und Vergehen, da dieses ein Maß aus der Bestimmung des Zeit ist. Ein Grundphänomen unserer Erkenntnis, die Kausalität fällt einfach weg. Es gibt keinen Grund für etwas mehr, weil alles Grund ist. Es herrscht die reine Identität: A = A.

=== Ende des Fragments ===

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