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Unversehens in der Klemme

Unversehens in der KlemmeQuirinus brachte mich mit dem Titelblatt eines Stern aus dem Jahr 1999 drauf, “daß unsere sog. Demokratie 1999 endgültig (ein passendes Wort:) abgewirtschaftet hatte” [Quirinus]. Ja, aber …

Als es diese blöden Weblogs noch nicht gab, damals in Zeiten der Schreibmaschine und der Kopiergeräte, da führte ich wohl auch Buch zwischen 1986 und 1990. Dabei auch eine Ausgabe für '88 unter dem Titel “statt-roman” - so war das damals, als man jung war. Ein Bild aus der ZEIT mit der Bildunterschrift “Unversehends in der Klemme”. Tja, dachte man da noch, da schau her, recht so. Wenn man sich die Entwicklung der Kohl-Demokratie anschaut, wird man immer wieder gewahr: Der war immer kurz vorm Abkacken, aber irgendwie hat ers immer wieder packen können oder packen lassen. Noch kurz vor den ersten gemeinsamen Wahlen in Ost- und Westdeutschland hat niemand ernsthaft gedacht, dass es so weiter geht wie zuvor. Irrtum. Platsch, platsch, platsch. Bumm.

Ready to killstatt-roman startete mit diesem dpa-Bild. Es war schockierend für mich, machte mich noch ratloser als ich ohnehin schon war. Was sind das für Menschen. Was sind das für Menschen? Da kann kein Hollywood-Schocker mithalten. Khomeini-Anhänger demonstrieren in Beirut. Hey, möchtest du denen begegnen? Das war eine Zeit, als die Neue Rechte in Frankreich sich popularisierte und auch die Intellektuellen auf den Plan rief. Das war die Zeit (oder etwas später), als Salman Rushdie mit dem Tode bedroht worden ist - und daran hat sich auch nichts geändert - soweit ich weiß.

Es war die Zeit, als ich zwischendrin einen “marsch” komponierte auf einen Text von Bert Brecht mit folgendem Text und sicherheitshalber ohne Widmung:

Und wenn's nicht möglich ist, daß ihr es kriegt,
Was ihr grad braucht, dann nehmt nur Gewehre und Messer
Und was zufällig neben euch liegt
Vielleicht wird's dann besser.

Klar, ich war jung, und ich war etwas klug und setzte die Betonung selbstverständlich aus das “Vielleicht” (höchster und lautester Ton) - nicht ohne kurz darauf den Anapäst (hintersinnig Klassenkampf zitierend - ta ta taaa) anzudeuten.

Wie komme ich drauf? Über Quirinus einerseits, andererseits aber ist die durch ihn abgebildete Zeit desillusionierend. Die neue sozialidemokratische Anzugsdemokratie ist im Prinzip noch schärfer als das, was Ende der 80er Jahre unterwegs war. Doch die Alternative heute ist noch viel enger, oder vermutlich andererseits extremer.

Kommentare

Die Kohl-Demokratie fühlte sich immer nach Strickweste und anständig Fleisch im Topf an. Aber niemals so richtig gefährlich, weder fürs Ganze noch für den Einzelnen. Heutzutage wird in echt abgeurteilt und die Klassenschere geht wieder auseinander (ist sie jemals zusammengegangen?). Die Mannesmann/Vodafone-Ganoven kommen ungeschoren davon, andere müssen 16 Seiten lang die Hosen runter lassen, um ein paar Kröten aus dem Topf zu bekommen, den sie jahrelang mitgefüllt haben.
Wann wir schreiten Seit an Seit...

Die Neureichen sind die Schlimmsten, hat meine Mutter immer gesagt. Das ist die Wahrheit. Und das weiß auch der verschmitzte Schröder. Er schafft Massenarmut und damit eine neue Kultur der Armnut. Dann wird alles besser werden. Und alle werden einst sagen: Dieser kleine Typ aus Hannover war der größte Sozialdemokrat aller Zeiten.

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