Texte fürs Blog

1983 – Volker Braun – 2004

Der Undank des Volkes
Kunze fragte: Warum sind unsere Menschen so unzufrieden? und gar nicht dankbar? Die so vieles haben, wovon sie einst nur träumen konnten! Fernseher, Kühlschrank, Waschmaschine und den Sozialismus. — Sie wollen nicht dankbar sein für etwas, das sie selber machen, sagte Hinze.

Friede Freude Freiheit
Hinze parlierte mit einem Bundesbürger, dessen Zufriedenheit ihn faszinierte. Der wähnte sich im Besitz der Freiheit — nach dem Ding, dem Hinze sein Leben lang nachjagen würde. Er hat uns einige erschwingliche Freiheiten voraus, dachte Hinze: und beglückwünschte den Mann zu seiner Genügsamkeit.

Quelle: Volker Braun, Berichte von Hinze und Kunze, Frankfurt/M. 1983, S. 9 und 79.

Warum kommt mir das alles so bekannt und aktuell vor? Dabei entstanden die Texte doch 1983 in der DDR und wurden daselbst übrigens auch veröffentlicht.

Kommentare

A: Auf der vorletzten Bremer Montagsdemo hat eine Frau Auszüge aus Victor Klemperers Tagebuch von 1942 vorgelesen. Auch das -

B: Wer vergleicht, der verharmlost.

A: Wer nicht vergleicht, verharmlost erst recht.

Ja, Hella, daran ist viel Wahres. Es kommt meines Erachtens immer auch darauf an, was und wie man vergleicht. Auch warum überhaupt. Das fand ich so hinreißend bei der Lektüre Brauns. Der Spannungsbogen zwischen dem Leben in DDR und BRD hat sich meines Erachtens nicht aufgehoben, sondern wird ausgetragen innerhalb dieses jetzt existierenden Staates und zwar nicht der Polarität von hüben und drüben sondern quer durch die Gesellschaft selbst. Was mir nicht passt, ist, dass man auch heute noch diesen Konflikt in die Vergangenheit zurückdrücken will. Ach, dazu gäbe es noch so viel zu bemerken. [Zitat 1 ist nicht ohne dialektische Fallstricke.]

1. Wie hat MRR doch so schön gesagt? Etwas zu vergleichen heiße noch lange nicht, es gleichzusetzen.

2. Wie gut, daß wir eine national- und eine realsozialistische Vergangenheit haben, in die sich je nach Belieben alle Konflikte der Gegenwart zurückdrücken lassen. Uns geht's ja noch schwarzrotgold, denken die Hoppenstedts und schlafen vorm Fernseher ein.

Schön gesagt.

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