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Bildungsoffensive Musikunterricht?

Bildungsoffensive„Das Grundsatzpapier der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Diskussion.“ So untertitelt erscheint heute ein Buch, das sich mit den Vorschlägen eben jener Stiftung auseinandersetzt. Sieben Autoren beleuchten von verschiedenen Seiten aus dieses „Grundsatz-Papier“, welches am Ende auf die Zementierung eines musikalischen Werkkanons hinausläuft und diesen verbindlich für den Musikunterricht vorschreiben möchte. Wie und ob dies überhaupt zu rechtfertigen ist, ist Gegenstand dieser Untersuchungen.

Christian Rolle zweifelt, ob sich die schwierige Frage, welche Inhalte im Musikunterricht thematisiert werden sollen, durch beliebige Verbindlichkeiten beantworten lässt. Christopher Wallbaum interpretiert den im Papier vorliegenden Musikbegriff. Hans Jünger und Dorothee Barth forschen nach den Motiven, die zu einem an abendländischen Kunstwerken orientierten Musikunterricht führen können. Frauke Heß beschäftigt sich mit der Renaissance des Bildungskanons und Jürgen Vogt stellt vorbereitende Überlegungen an zu einem Kerncurriculum Musik. Hermann J. Kaiser schließlich deckt den ideologischen Hintergrund der »Bildungsoffensive durch Neuorientierung des Musikunterrichts« auf.

Das Buch ist im Handel. 155 Seiten. Erschienen bei ConBrio und hier bestellbar.

In der Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung liest man beispielsweise:

Die Fähigkeit der Mitglieder eines Gemeinwesens zu einer anspruchsvollen Verständigung untereinander setzt gemeinsame kulturelle Erfahrungen voraus: Kenntnis herausragender und exemplarischer musikalischer Werke ist dafür eine wichtige Basis. Die Begegnung mit den Kunstwerken primär der abendländischen Musikgeschichte befähigen daher den Men­schen zu begründeter Urteilskraft und bildet Wurzeln in der eigenen Kultur. In der Schule geht es bei der musikalischen Grundbildung deshalb um die Begegnung junger Menschen mit großen Werken der Musikgeschichte, die exemplarisch und fundamental für eine Epoche sind, deren Wirkung zugleich über den deutschsprachigen Raum, über die jeweilige Epoche ihrer Entstehung hinausging bzw. nach wie vor hinausgeht und über deren Geltung immer noch ein weitgehender Konsens besteht. Dazu kontrastierend sind andere Kulturkreise ex­emplarisch einzubeziehen.

Das wird dann in einem Werkkanon zusammengefasst und für die drei primären Schulformen differenziert. EInen Hauptschüler hat eine andere Kultur zu interessieren als einen Gymnasiasten, ist doch klar. Allein diese Differenzierung ist macht klar, dass es eben nicht um Bildung geht sondern um Ausschließung. Und überhaupt ist daher zu fragen, ob ein Werkkanon allein darum schon hinfällig sein müsste. Oder, ob nicht so ein Werkkanon erst recht trennende Kulturmerkmale erst richtig zementieren würde. Dazu schreibt auch Frauke Heß „Wie kommt das Werk in den Kanon?“:

Auf den Punkt gebracht: Die hierarchisierte und hierarchisierende Auswahl der Kompositionen (Makroebene) hat nur teilweise mit den Werken selbst zu tun und kann deswegen – auch wenn der Text den Anschein erwecken möchte – nicht als eine kausale, nämlich an musikalischen Normen orientierte Auswahl gewertet werden. Damit wird der (an sich schon fragwürdigen) Intention der Autoren, die Schüler sollten ihre Persönlichkeit an den „Großen Meisterwerken“ bilden, der Boden entzogen. Diese Werke sind nicht tradiert, weil sie „geronnener Geist“ sind oder überzeitlichen Wert als Kompositionen haben, sondern weil sie sich in den skizzierten heterogenen gesellschaftlichen Prozessen behaupten konnten. S. 54

Über den Arbeitskreis für Schulmusik, der diese Schrift in Auftrag gegeben hat:

Der Arbeitskreis für Schulmusik (AfS), der das Erscheinen dieser Publika­tion ermöglicht hat, ist ein Verband von Musiklehrerinnen und Musiklehrern an allgemein bildenden Schulen. Der AfS hat sich stets dafür eingesetzt, fachliche und fachpolitische Perspektiven intern (zum Beispiel im Rahmen bundesweiter Fortbildungen) und in der Öffentlichkeit zur Sprache zu bringen.
Der AfS versteht sich als Verband, der neue (musik-)pädagogische Wege eröffnen und begleiten möchte und der sich in Theorie und Praxis musikalischer Bildung an den Schülerinnen und Schülern orientiert. So hat er immer wieder auch die Etablierung neuer Konzeptionen, Methoden und Inhalte gefördert (zum Beispiel Populäre Musik, Musizieren im Klassenverband, interkulturelles Lernen).
Die in diesem Band vorgelegten Beiträge verschiedener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Musikpädagogik liegen auf dieser fachpolitischen Linie und treffen Perspektiven, die der AfS seit Jahren verfolgt.
Der Arbeitskreis für Schulmusik betrachtet die Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren dieses Buches als einen weiteren Schritt im Rahmen seines Engagements für einen zeitgemäßen Musikunterricht sowie eine gelungene Musiklehreraus- und –fortbildung und unterstützt deshalb nachdrücklich das vorliegende Buch als ein Dokument, das Perspektiven kritisch in Frage stellt, die den Unterricht im Fach Musik um viele Jahrzehnte zurückwerfen würden und musikpädagogische Errungenschaften der letzten Jahre weitgehend unberücksichtigt lassen.

Bundesvorstand des Arbeitskreises für Schulmusik
Informationen unter www.AfS-Musik.de

 

Kommentare

Ich halte die Grundidee eines Werkkanons - zumal eines „abendländischen“ - für mehr als altertümlich ebenso wie die Vorgehensweise Kinder auf drei Schulformen (genauer sogar vier) aufzuteilen und abhängig davon von der Adenauer-Stiftung sanktionierte Kulturschnipsel „vermitteln“ zu wollen.

Was soll ich da noch ergänzen. Außer, dass so etwas immer weiter um sich greift. Dabei will ich sogar mal unterstellen, dass es gut gemeint ist. Aber wie sangen so feinsinnig die Kinderzimmer Productions „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“.

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