Texte fürs Blog

Eigenstink lobt

Gerade wird eine "neue" Website abgebrannt, die von ihren Besitzern als "das" Ding einmal verkauft worden ist. Zoomer.de macht dicht. Und wie es dicht macht, ist ein Beispiel dafür, dass von Anfang an das Unternehmen nicht gut aufgestellt war. Der nochjetzige Chef Frank Syré (Chefredakteur) sagt zum Abschied sehr laut Servus:

Wir haben etwas bewegt. Wir haben gewagt, wovor andere zurückgescheut sind. Und wir haben es gut gemacht. [Zoomer.de]

Haben sie alles nicht.

Durch aber auch rein gar nichts sind all diese Schönworte gerechtfertigt. Nicht nur, dass es sonst ja ein Schnäppchen für die Zukunft sein müsste. Das nachgeschobene "Leider fehlte uns die Zeit, um die nötige wirtschaftliche Stabilität zu erreichen" muss da geradezu blind wirken. Kein Funken Selbstkritik zu sehen, kein bisschen Einsicht.

Auch andere Medien werden verstehen und lernen, dass das Internet keine Einbahnstraße ist, sondern eine Dialogplattform. Vielleicht haben wir den Weg geebnet, dass ihr User jetzt auch auf anderen Portalen ernster genommen werdet. [Zoomer.de]

Für diese Erkenntnis bedurfte es nun wirklich dieses Zoomer-Zoos. Wie igrnorant kann man auf der einen Seite sein (nämlich dass User sich ernstnehmen) und im selben Atemzug sagen, dass das Internet keine Einbahnstraße ist. Aber man erkennt, aus welcher Richtung seine Denke kommt und wo es stehengeblieben ist. Denn weiterhin spricht zu seinen Usern von der einen Seite der Einbahnstraße aus. An deren Ende hat man einen Rückkanal gebaut, bei dem man hofft, dass, umgangssprachlich gesagt, das Wasser eben doch den Berg hinauffließt.

Mit jedem ex-Zoomeraner wird sich diese Erfahrung und die Ernsthaftigkeit dem User gegenüber auf anderen Webseiten im Netz verbreiten. [Zoomer.de]

Warum sind eigentlich nur noch derartige Unsinnsstifter (in Analogie zum Religionsstifter) unterwegs. Es sei das Heil über uns gekommen, klingt es, nur sei es damit nichts, weil die "Finanz- und Medienkrise" ein Strich durch die Rechnung gemacht hat. Zu der man selbst gehört, möchte man unwirsch anfügen.

Es geht ja auch nicht mehr ums Inhaltliche, wie in den ganzen sogenannten Sozialen Netzwerken. darum letztlich sind sie auch so erfolgreich, was die Besucherzahlen betrifft. Hauptsache derjenige, der über die Produktionsmittel verfügt, macht die Produktivkräfte zu ebensolchen. Es braucht dann keine Nutzer mehr, weil alle User Content sind.

Gestern hat mich ein Text erreicht, der ein Interview mit Stanislaw Lem enthält.

Dass sich der so genannte technische Fortschritt nach Evolutionsgesetzen vollzieht und demnach irreversibel ist, ist ein Fakt. Man kann das hinterfragen, aber nicht stoppen. Zu glauben, dass wir deshalb im Umkehrschluss irgendwann alles meistern würden, wäre allerdings genauso naiv. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wer zum Gipfel klettert, merkt auch bloß eines mit letzter Gewissheit - nämlich, dass von dort alle Wege nach unten führen. (Galore 17/2006, S. 60 ff.)

Bloggen und Zoomern

Tja. Und zurück zum Aktuellen. Noch während ich an diesem Text sitze, hat Don Alphonso ähnliche Probleme angesprochen. Hätten Blogger Zoomer besser gemacht, fragt er da nach einer Lektüre von Don Dahlmanns "Analyse" der Lage. Und er verneint dies. Mit Recht. Für mich ist es unverständlich, wie man hier den Zusammenhang zum Bloggen überhaupt glaubt herstellen zu müssen. Wenn man sich so die Zoomer-Zahlen anschaut, die Anzahl der Kommentare zu Beiträgen, dann staunt man ja nicht schlecht, gerade wenn man ein notorisch wenig kommentiertes Blog betreibt. Aber was bdeuten denn die reinen Zahlen? Sie zeigen nur, dass dieses Prinzip sich nicht eignet, Nutzeraktivitäten zu begreifen. Denn im Großen und Ganzen bleiben selbst so große Gruppen an sich doch nur Randgruppen, kleiner kommunikative Störungen auf der Oberffläche gesamtgesellschaftlichen Tuns. Und sie verwechseln Reden mit Plappern. Ich habe das selbst schon mal unter dem Titel "Vom Kommunikationsdiktat zur Blogleitkultur" angesprochen oder unter "Hmmm" (unter Zurhilfenahme von Gilles Deleuze).

Twitter-Zoom

Schleierhaft, wie man sich vorstellen will, dass also Blogger Zoomer besser machen hätten können, zumal, wenn der Gedanke von Ich-Kultur und Zentralisierung oder Akkumulationswut sich gegenüberstehen. Selbst die besten Versuche sind leider passé wie der Mehrzweckbeutel. Viel mehr denke ich, dass das Tool Blogger/Bloggen selbst am zerfallen ist. Nicht weil jetzt Twitter den Nutzrest übernommen hätte, Twitter selbst hat offenbar viele Blogger an den Platz geführt an dem sie sich tatsächlich immer schon befunden haben -- an der Plauderecke der realen Irrelevanz. Müsste man daher nicht empfehlen, Zoomer in einer Neuauflage nur so richtig zu vertwittern, statt mit Bloggern zu befüttern, die in Wirklichkeit heimliche Journalisten sind, zumindest an deren wie auch immer dürftigen Existenz zu partizipieren (so wie es der "Freitag" wohl vorhat?)

So bleibt nur eines: statt "Content is King" wird vieles sich ausbreiten, von dem man nur sagen kann: "Content ging".

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Kommentare

du kennst sachen, hufi. solche dinge ziehen unbemerkt an mir vorüber. über mir? unter mir? rechts? links? nein, vor mir. und ich seh die dialogplattformen vor lauter schwachsinn nicht. oder weil sie so tief (f)liegen? keine ahnung. egal. zoomer, twitter, nepper, tripper. so was von unwichtig.

das stimmt ja alles was du da sagst. aber es macht mir einfach spass und es bereitet mir auch richtig vergnügen, vielen dieser propagandisten mal zu sagen, dass es käse ist, was sie da verbreiten. dass es dumm ist wie nur irgendwas. dass sie theoretisch wissen könnten, dass mit ihren produkten echter raubbau an intelligenz geübt wird. und eigentlich ist das dann gar nicht so spaßig.

Gut dem Dinge.  darauf kann ich gern verzichten.

Ich greife eher selten zum "man", aber hier würde ich es mir herausnehmen. Wir haben jetzt 25 Jahre Privatfernsehen an der Backe und jetzt kommen die Internet-Quatschköppe auch noch dazu. Langsam reicht es.

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