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Die Bitterkeit der Musikvermittlung

Musikvermittlung ist kein Begriff der letzten Jahre. Es gibt ihn lange schon. Vollkommen unerwartet sicher bei Adorno in seiner Einleitung in die Musiksoziologie. Er heißt da einfach Vermittlung. Und er meint etwas anderes. Das war 60er. Anfang der 70er schaffen es bestimmte Musikprodukte höher und weiter. In Potsdam habe ich letztes Jahr in einem kleinen Rumpelladen in aller Eile Schallplatten durchgesehen. Darunter eine von Wald de los Rios. Der Name sagte mir etwas, auch wenn ich nicht wusste genau, was. Ein bisschen dachte ich an Walter Carlos. Aber es ist was ganz anderes.

In der Ecke oben wird der Hit Mozarts 40. erwähnt. Ein Blick in die Enzyklopädie erklärt es. Waldo de los Rios Version dieses Stücks kam in die Charts unter die Top 10. Heute einigermaßen unbegreiflich.

Waldo de los rios. Symphonies
Musikalische Kostbarkeiten. Porgy & Bess

Die Platte mit Ausschnitten aus Symphonien von Beethoven, Schubert, Tschaikowsky, Brahms, Haydn und Dvorak bietet ja nur das Beste. Das ist die Musik, die auch den Schallplattenschrank meiner Eltern und meiner Tante erheblich befüllte. Bei meinen Eltern kam nach ein Haufen neuerer Musik hinzu, Strawinsky und James Last. 

Zum 200. Geburtstag Beethovens, als sich Kagel und Stockhausen mit recht eigenwilligen und teilweise öden Varianten zur Musik beschäftigten, hat de los Rios den „musikalischen“ Hammer herausgeholt. Es ist so, als ob man wirklich eine Musik aus der Multidimensionalität auf die Ebene eindampft. Plattmacht. 

Dazu dieses Cover mit den Fotos der alten Herren in einer Art von Cocktailgläsern. Ein misslungener Versuch der Darstellung von Flaschenpost? Fast hat es den Anschein. Man mochte wohl die Musik in die Gegenwart erretten. Damit sie auch heute uns noch etwas sage. Der Versuch war erfolgreich, sieht man auf die Verkaufszahlen. Aber nachgehalten hat da nichts.

Wikipedia belehrt einen, dass Waldo de los Rios unter Depressionen litt und 1977 Suizid beging. Das im Alter von 43 Jahren. Merkwüdig wenig Informationen über ihn, auch in den anderen Sprachen. 

Die andere Platte, die ich mir besorgte, war ein Opern-Querschnitt durch Porgy & Bess, von ETERNA als musikalische Kostbarkeit empfohlen. Mit Musikern und Sängern der Concerthall Haarlem. Ich hatte es vergessen, aber Gershwin starb auch sehr früh, nämlich im Alter von 38 Jahren. 

Es gehört zu den praktisch absurden Dingen, dass ich diese Platte ob ihres Authentizitätsgrades erwarb: Harlem und so. Aber wer genau lesen kann, ist im Vorteil. Haarlem ist der Ort von Orchester und Chor. Die Solisten sind allerdings keine Niederländer, sofern man die USA nicht als deren Kolonie auffasst. Die Musik wirkt aus den 50er Jahren heraus nicht so bahnbrechend, aber doch um einiges anders als in Deutschland sonst sehr gängige Operetteneinspielungen im Vorsumpf eines Waldo de los Rios. 

Was zu sagen war. Musikvermittlung hier wie dort zeigt sich sehr zeitgebunden und damit wirklich unabhängig von dem Gegenstand der Vermittlung selbst. Natürlich gibt es zu alllen Stücken auch entprechende Geschichten ihrer Interpretation, die aber den Kern nie angreifen. Vermittlung muss schließlich eher den angreifen, an den man vermittelt als das angeblich zu Vermittelnde. Zu vermitteln ist nicht die Musik, sondern der Hörer. 

Kommentare

Und wenn man den Begriff Vermittlung im Hegelschen Sinn versteht, wie es ganz bestimmt auch Adorno im Sinn hatte, dann bezeichnet er wohl den komplexen dialektischen Verstehensprozess von Kunst und nicht einfach eine von Kulturadministratoren und Spezialpädagogen praktizierte Technik der Verabreichung von kulturellem Basiswissen.

Genau so ist es.

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