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Mein erstes Zimmer

Als ich 1983 Wolfsburg verlassen musste, um in Gießen studieren zu können, war ich auf der Suche nach einem Zimmer. Täglich den beschwerlichen Weg von Wolfsburg nach Gießen aufzunehmen, wäre doch sehr zeitaufwendig und teuer gewesen.

19 Jahre Familien-WG waren auch genug. Und sicher konnte man auch nicht sein, wie lange man in Gießen würde bleiben können, weil das noch die Sache mit der Kriegsdienstverweigerung war - und ich den Zivil-Dienst lieber in Wolfsburg geleistet. Und außerdem war man ja eigensinnig und ich damals nicht so sehr an politsch-gesellschaftlichen Fragen sowie der Mann/Frau-Geschichte interessiert.

Mein erstes Zimmer. Dokument: Hufner

So ganz genau weiß ich nicht mehr wie das mit Gießen war. Ich kam eines Tages mit dem Zug dort an, stieg aus ging die Bahnhofsstraße entlang und dachte: Ich bin in der DDR. Spärliche und verblichene Auslagen in den Schaufenstern.

Irgendwie habe ich es bis zum Berliner Platz geschafft und habe dort Busfahrkarten erworben. Ein Bus, Linie 7, schien mir die richtige Wahl: Endstation Philosophenwald. Was aber falsch gewesen wäre. Nummer 8 wäre korrekt gewesen, Otto-Behaghel-Straße. (Oder?)

Wie auch immer: Im Studentenwerk vorbeigeschaut, Zimmerangebote durchgeschaut. Eines entdeckt. Anruf! Telefonzelle. Absprache mmit den Vermietern, ich solle doch vorbeischauen.

Retour mit dem Bus zum Berliner Platz und Umstieg in die Linie 7, ab zum Philosophenwald. Endstation. Im August-Hermann-Francke-Weg sollte das Zimmer sein. Es ging um das Haus herum, in den Keller. Souterrain-Zimmer. Mit abgetrenntem Bad (Klo, Waschbecken), das man sich zu teilen hatte. Mit dem anderen Kellerbewohner. Gewiss, alles nicht ganz optimal. Aber es ging eigentlich auch nur darum, den Fuss in die Tür zu bekommen.

Das Problem war, es gab noch einen anderen Interessenten, der sich noch melden wollte und vor mir da war. Und die Höflichkeit des Umgangs gebot, dass man dessen Zu- oder Absage abwarten müsse. Der rief dann auch bei den Vermietern an und sagt ab und ich sagte sofort zu und wollte dann wenigstens dem Nachdruck verleihen durch die Anzahlung von 50 Mark.

Perfekt. Übernachten konnte ich da auch gleich mal. Wie sich dann herausstellte, haben die Vermieter die Bewerber verwechselt. Der wirklich andere interessierte Berwerber hätte nämlich zugesagt. Manchmal darf eben auch ein anderer Pech haben. (Zumal ich daran ja keine Schuld trug.)

Ich hatte seinerzeit ein paar Notizen gemacht, wie das möblierte Zimmer etwa aussah und was drin war und wie groß es war. 130 DM sollte es kosten im Monat. Dafür durfte ich etwa ein Jahr lang in Gießen herumstinken. In der Nähe des Philosophenwaldes.

So ein bisschen wundere ich mich heute noch über das Gottvertrauen, innerhalb von ein bis zwei Tagen in dieser mir vollkommen fremden Stadt fündig zu werden. Man war gewiss etwas langsamer zu der Zeit, wo es keine Mobiltelefonen gab und, naja, viele Sachen zu Fuß oder per Bus zu erledigen waren.

Nachts habe ich damals wahrscheinlich den Studienführer des AStA gelesen. Irgendwas mit Frustus-Beliebig-Universität, Vollendung der  Stadtzerstörung mit ihrem Wiederaufbau. Zwei oder drei Kasernen der Bundeswehr, zwei oder drei Kasernen der Amis. Fachhochschule. Unfassbar viele Studenten (16.000?). Und ein Musikwissenschaftliches Institut mit Ekkehard Jost, dem Mann, der das Buch "Free Jazz" geschrieben hatte.

PS: Der ganze Umzug hat damals in den Kadett (oder war es schon der Ascona) meines Vaters gepasst. Mein Bruder Andreas hat mich nach Gießen gefahren. Viel konnte man ja eh nicht mitnehmen. Ein paar Bücher, Schreibmaschine, eine Kühlbox und eine Kaffeemaschine, etwas Besteck und Geschirr.

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Kommentare

Hachz. Was für eine besinnliche Geschichte.

Ich ging 1984 nach Berlin, um in einem 8-Quadratmeter-L-Zimmer im Studentendorf Schlachtensee anzukommen. Eh voilà, bin immer noch da. In Berlin. Und schon wieder. In Kreuzberg. Jippiejeh!

Ja, die Unbekümmertheit der Jugend ... seufz ... schön! Die ist heute auch noch?, wieder? da und anders schön. (Ist der Ruf erst ... und so fort ...)

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