Story

Keine Experimente oder Die Versuchsanordnung

Es gehört zum Wesen und Kultur und Kunst, dass man experimentieren muss. Experimente kann man notfalls etwas kalkulieren, der Ausgang aber soll offen gestellt bleiben. Heute experimentiert man an Kultur, Kunst und Kind, das Ziel und Ergebnis stehen aber schon fest. Ob es es sich um die Initiative „Jedem Kind ein Instrument“ im Ruhrgebiet handelt oder „Primacanta“ in Hessen. Das Experiment richtet sich nicht auf Kultur, sondern auf den Menschen. Essen wird Kulturhauptstadt, also werden Kinder im wahrsten Sinne des Wortes zum Feiermaterial instrumentalisiert.

In Hessen wärmt man die 50er Jahre wieder an und fährt im Spruch- und Fahrwasser eines Felix Oberborbeck, der an der pädagogischen Hochschule Vechta ab 1949 das Ziel ausgab, dass ganz Friesland singen müsse. Warum auch nicht. Damals war alles ideologisch noch straff geführt und die Volksgemeinschaft immer wieder zu begründen. Das interessiert heute niemanden mehr. Heute muss gesungen und gespielt werden, genau bestimmt zu einer präzisen Zeit; die Lernpsychologie wird da in Anschlag gebracht, denn das postbraune Gestammle des „Oberfelix“ geht natürlich nicht mehr.

Eine ganze Latte an hochrangigen Professoren haben angeblich an „Primacanta“ geschraubt: Stefan Gies (Rektor der HfM Dresden), Werner Jank (HfM Mannheim, Sprecher der musikpädagogischen Studiengänge, stellvertretender Vorsitzender des AfS), Gero Schmidt-Oberländer (Prorektor der HfM Weimar) und Ortwin Nimczik (Bundesvorsitzender der VDS). Menschliches Musikverständnismaterial soll da in großen Mengen produziert werden. Nimmt man es genau, handelt es sich in Hessen wie im Ruhrgebiet um neue Formen der Massensuggestion und -manipulation, um musikalische Experimente am Menschen präzise. Es geht nicht primär um die Sache, Musik, sondern um weitere Versuche ihrer Dienstbarmachung im seligen Klang der aufgeklärten Welt.

So droht von der einen Seite die Kulturindustrie, während auf der anderen die neuen pädagogischen Menschenverbieger ihr ungeheuerliches Werk in Gang setzen – wahrscheinlich, ohne es selbst zu wissen.


Ich weiß jetzt auch nicht, was an dieser Kritik übertrieben sein soll. Ich fürchte eher, die Kritik ist noch viel zu harmlos.

teilen: 

Kommentare

"Nimmt man es genau, handelt es sich in Hessen wie im Ruhrgebiet um neue Formen der Massensuggestion und -manipulation, um musikalische Experimente am Menschen präzise. Es geht nicht primär um die Sache, Musik, sondern um weitere Versuche ihrer Dienstbarmachung im seligen Klang der aufgeklärten Welt."

Also eine Verzweckung von Kunst. Woran genau machst Du das fest?

Verzweckung von Kunst? Ich denke nicht, dass ich das meine. Die Verzweckung von Kunst ist ja nahzu unausweichlich (und kann bessere und schlechtere Formen annehmen). Sicher aber fehlt ein "angeblich" vor aufgeklärter Welt.

Das Problem dabei ist einfacher Natur: Dass Kinder singen wäre schön. Was sie singen ist fast schon wieder Nebensache. Aber den Professoren geht es darum, die Kinder in musikalisch ordnungsgemäßem Zustand zugestellt zu bekommen - so habe ich die Aussagen in der Sendung taktlios hierzu jedenfalls verstanden. Und da sind fast alle Mittel recht, könnte man meinen.

Das sind alles Schritte rückwärts. Musik wird damit eben doch nur zum Sozialkitt oder Kitt irgendwelcher Art gemacht. Das kann man machen - in anderen Fällen ist das ja auch die Lage (Mathe, Bio, Rechtschreibung). Aber Kunst ist meines Erachtens etwas anderes, etwas, was auf einer ganz anderen Ebene spielt, etwas sehr Kostbares.

Dass nicht jeder dazu den nötigen und gleichen Zugang erhält ist aber ein Phänomen, dass keine Initiative lösen kann, solange der gesellschaftliche Rest viel zu kaputt und zerstört ist, als dass es so einfach ginge. Die Hoffnung, dass sich das bessere auf diesem Wege, wäre zwar ehrenwert, aber doch extrem naiv.

Mich erinnert das immer wieder an die Passagen aus Adornos Philosophie der neuen Musik:

"Dies ist nur Musik; wie muß vollends eine Welt beschaffen sein, in der schon Fragen des Kontrapunktes von unversöhnlichen Konflikten zeugen. Wie von Grund auf verstört ist Leben heute, wenn sein Erzittern und seine Starre dort noch reflektiert wird, wo keine empirische Not mehr hineinreicht, in einem Bereich, von dem die Menschen meinen, es gewähre ihnen Asyl vor dem Druck der grauenvollen Norm, und das doch sein Versprechen an sie nur einlöst, indem es verweigert, was sie von ihm erwarten."
[Band 12: Philosophie der neuen Musik: Vorrede. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 9990
(vgl. GS 12, S. 11) http://www.digitale-bibliothek.de/b... ]

Alles alter Käse? Oder sind nicht vielmehr die verzweifelten Versuche der falschen Praxis dazu bestens geeignet, die Verhärtung durch Duselei nur noch zu verbrämen?

Wie aber sähe dann eine Musikpädagogik aus, die dem Rechnung trägt? Oder ist Deine Botschaft: Weil die Gesellschaft so kaputt und die Kunst dermaßen heilig ist soll man es besser bleiben lassen.

Ich muss das wohl nicht erklären, aber ich mache es trotzdem. Ganz einfach, man werfe einfach den ganzen Klumpatsch mit der Bedeutung der Kunst etc. auf den Haufen alter Duselei und mache den Musikunterricht zu einem einfach technischen Fach, das man eben so lernen muss wie andere Schulfächer auch. Es geht nicht um bessere Menschen, sondern einfach um Noten (im doppelten Sinn). Wer nicht singen kann oder will kriegt eine 6 und muss das Schuljahr wiederholen.

Musikunterricht im eigentlichen Sinne findet in Europa doch sowieso außerhalb der Schule statt. Ob es sich um Popmusiker handelt oder Geiger, Organisten oder Pauker. Allein das Singen hat innerschulisch so eine komische Bedeutung. Zum Richtiggutsingen reicht das nicht, aber für Zumschlechtsingen ist die Schule dann auch wieder so wichtig, dass man zig Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrer braucht - was früher ganz simpel mit der Klampfe funktionierte.

Ausnahen bestätigen die Regel. Im Übrigen macht in Sachen Singen der Kirche in Deutschland keiner so leicht was vor. Die guten Kantoren und ihre Arbeit (von der Krabbelkatorei bis zum Kammerchor) darf man durchaus gerne mal würdigen.

Nachtrag: Die Musikpädagogik muss mal einsehen, dass ihr Geschäft längst verloren gegangen ist. Eigentlich ist es unter den heutigen Bedingungen gar nicht mehr möglich, Musik in der Schule zu machen (außer in Projekten).

Hier schreiben anscheinend vor allem Leute, die keine Ahnung vom Inhalt des Konzeptes haben.Es geht gar nicht nur ums Singen. Aber das eigene Instrument, die Stimme, hat schon eine Bedeutung - leider wird ja immer weniger gesungen, so dass Anstöße in dieser Richtung nicht schaden können.Es wird die Stimme eingesetzt, es werden aber genauso elementare Fertigkeiten trainiert und aufgebaut und zwar auf eine sehr ansprechende Weise. -Und wieso "angeblich" "herumgeschraubt"? - Erfinde was Besseres, dann kannst Du tönen... 

Warum soll ich mich denn immer wieder mit diesen Trollpatschen streiten.Wenn ich dürfte, das nur mal so am Rande, würde ich gerne was besseres erfinden: und mit der welt würde ich anfangen. Im Übrigens finde ich, dass sogar noch viel zu viel gesungen wird, zumindest hier in Europa. Vor allem pädagogischer Käse.

Angetrieben von:

Powered by Drupal