Zettelkasten

1991 - der Austritt

Pfeife und Prophet. René Magritte

Plötzlich rief ein Vertreter einer Kirchengemeinde aus Münster/Westfalen im becheidenen Dörfchen Steinbach bei Gießen an [als Telefonnummern noch Charakter hatten: 5251!]. Ich sei aus der Kirche ausgetreten und sie wären meine Taufgemeinde. Ja, es stimmt, ich bin aus der Kirche ausgetreten. Nicht um Steuern zu sparen, die ich wegen nicht vorhandener Einnahmen nicht zahlen musste. Das Gespräch war kurz. Die wollten nur sicher gehen, dass ich das wohl wollte. Keine Rückkehrergespräche.

Atheist war ich da schon eine Weile, Bloich und so. Gershom Scholem hätte mich fast woanders hin überredet (in Wirklichkeit aber eher die musikalische Mystik Abraham Abulafias, die dort zitiert wird und die damals Heinz-Klaus Metzger im Zusammenhang mit meinem damaligen musikalischen Idol Morton Feldman um 1984 bemühte1), aber meine Mutter meinte, das wäre irgendwie auch unlogisch. Über den Islam hatte ich in der siebten oder achten Schulklasse ein Referat gehalten, das war mir mit den Sunniten und Schiiten nicht geheuer, aber ganz unsympathisch fand ich das auch nicht. Ein Übertritt zu den Evangelen gelang nicht, da mir im Gespräch der evangelische Geistliche davon abriet. Ich welche ich denn möchte, es gäbe so viele davon und wenn ich mal nach Baden-Württemberg gehen würde, hätte ich Sehnsucht nach dem Katholizismus. Man sucht halt so rum.

Aber aus der Katholischen Kirche bin ich ausgetreten. Der Grund war neben Glaubensdingen ein ganz einfacher. Die Kommentare führender Katholiken in Bezug zu Kriegsdienstverweigerung und Kriegsdienst waren mir suspekt. Katholisch sein und dort Menschen zu wissen, die den Krieg nicht hassen, das ging nicht zusammen. Verteidigung und pengpengpeng.

Und alles wichtige sonst, habe ich bei meinen Eltern und Geschwistern gelernt. Die sind meine Religion. (Und die darf man auch nicht von außen beleidigen!)

Man sieht es ja überall auf der Welt, die Religionen scheinen Kriege irgendwie sogar zu lieben, sonst würden sie sie hassen und verachten. (Ich habe da genug christliche Ethik mir aus der Herder-Verlag hereingezogen. Das taugte nix.]

Pfeife und Prophet

Punkt zwei: Karikatur der ersten Seiten von Charlie Hebdo. Ich finde es absurd, eine Abbildung eines Menschen mit Turban für eine Abbildung eines Propheten zu halten. Da weint ein Mensch. Und dafür gibt es sicher einen Grund. Dieser Mensch kann jeder sein, von mir aus auch ein Prophet, ein Erlöser oder ein Zeitungsverkäufer. Aber schaut man in Presse und Reaktionen weltweit, muss es eine Abbildung des Propheten sein. Wie langweilig ist das denn und wie dumm dazu.

Die Züge des kunstvoll Sinnlosen und Albernen, die an den gegenwärtigen radikalen Kunstwerken den Positiven soviel Ärgernis geben, sind weniger Rückbildung der Kunst auf ein infantiles Stadium als ihr komisches Gericht über die Komik.2

Die zweite Frage wäre: Was ist denn an der Titelseite von Chalie Hebdo nun Satire oder Karikatur. Ist sie das, weil es sich um ein Satiremagazin handelt? Nach dem Motto, drin ist, was drauf steht? Aber vielleicht bin ich ja nur blind und habe etwas übersehen.

  • 1. Abraham Abulafia zitiert nach Scholem, Die jüdische Mystik: „Wenn es Nacht ist, zünde viele Lichter an, bis es ganz hell ist, und dann nimm Tinte, Feder und Tafel in die Hand und denke daran, daß du im Begriffe stehst, Gott in Freude des Herzens zu dienen. Dann beginne, wenige oder viele Buchstaben zusammenzusetzen, zu vertauschen und miteinander zu bewegen, bis dein Herz warm wird, und achte auf ihre Bewegung und was sich bei dir aus ihr ergibt. Und wenn du spürst, daß dein Herz schon warm geworden ist, und du dann siehst, daß du durch die Buchstabenkombinationen neue Dinge erfassen kannst, die du durch menschliche Überlieferung oder von dir selbst aus nicht erkennen könntest, und du schon vorbereitet bist, den Influxus der göttlichen Kraft in dich aufzunehmen, dann richte all deine wahren Vorstellungen darauf, den Namen Gottes und seine höchsten Engel in deinem Herzen dir vorzustellen, als ob sie Menschen wären, die um dich herumstünden oder säßen. (...) Die Saiten, die die linke oder rechte Hand anschlägt, bewegen sich, und der Geschmack der Töne ist den Ohren süß. Und von den Ohren geht der Ton ins Herz von vom Herzen in die Milz, das Gefühlszentrum, und durch den Genuß der Verschiedenheit der Melodien entsteht immer neue Freude. Es ist unmöglich sie hervorzubringen, es sein denn durch die Kombination der Töne. Und genauso verhält es sich mit der Kombination der Buchstaben. ... Und die Geheimnisse, die sich in diesen Verbindungen aussprechen, erfreuen das Herz, das dadurch seinen Gott erkennt und sich mit immer neuer Freude erfüllt.“
  • 2. [Band 11: Noten zur Literatur: Zur Dialektik von Heiterkeit. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 9803 (vgl. GS 11, S. 605)]

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