Zettelkasten

Anstand im Zeitalter der Ratschläge

Haltestelle der Moral. Foto: Hufner

Es scheint mir bemerkenswert, dass in der letzten Zeit eine gefühlte und vielleicht tatsächliche Entwicklung festzustellen ist: Es gibt eine wachsende Anzahl an „Ratschlägen“, an „Merksätzen“. Das ganze Leben wird, der Buchmarkt spiegelt es genau, durchgecoacht. Heute ist das hip, morgen etwas anderes. Das gab es natürlich schon immer.

Zugenommen hat aber auch die Moralisierung des Lebens, die mit zitierfähigen Sätzen gepflastert werden. Ganz sicher ist der Begriff des „Anstands“ problematisch wie der Theologe Knut Berner es einmal zusammenfasste.

Nur: Als "gutes Land mit überwiegend netten, anständigen Leuten" hat sich das nationalsozialistische Deutschland auch gesehen und ganz gezielt auf diesem moralischen Fundament die Vernichtung derer betrieben, die aus dieser geschlossenen Gesellschaft heraus definiert wurden. Das Grauen potenzierte sich noch dadurch, dass die meisten Mörder im Privatleben ganz normale, umgängliche Leute waren. Gemütlich, tierlieb, spießig, "anständig".

Man kann einwenden, dass sich ein Begriff nicht für alle Zeiten verbiete, nur weil er mal in böser Absicht verwendet wurde. Doch genau diese Affinität des Menschen zum Bösen will der Begriff ja verschleiern, indem er eine Garantie auf Tugendhaftigkeit vorgaukelt. Er ist in sich unaufrichtig.1

Der Appell, ein richtiges Leben zu führen, führt häufig genug nur dazu, es eben nicht zu führen. Statt dessen ummantelt man sich nur mit Versatzstücken aus Lebensweisheiten, die von außen herangetragen werden. Die Moral ist weniger ein dynamischer Anker in einem selbst als ein jeweils anzulaufender Hafen, an dem die Marktschreier Lebensweisen verkaufen.

Angetrieben von:

Powered by Drupal