Zettelkasten

Eine überholte Beschleunigung

Im Nebel. Foto: Hufner

Im Manifest der politischen Akzelerationisten findet sich unter Punkt 17 folgender Passus:

„Zweitens müssen wir eine weitreichende Medienreform durchführen. Trotz der scheinbaren Demokratisierung durch das Internet und die sozialen Medien bestimmen die traditionellen Medien nach wie vor die Auswahl und Präsentationsform der Narrative und sie allein verfügen über die finanziellen Möglichkeiten, investigativen Journalismus zu betreiben. Diese Körperschaften so weit wie möglich unter öffentliche Kontrolle zu bringen, ist entscheidend, um die derzeit vorherrschende Darstellung der Zustände aufzubrechen.“1

Diese Vorstellung dürfte einigermaßen überholt worden sein durch den Gang der Geschichte. Nicht, dass das Ergebnis irgendwie eingetreten wäre, sondern insofern, als die traditionellen Medien ihrer Aufgabe nachkommen würden. Längst spielen diese Informationen nicht mehr die Rolle, zumal wenn sie mit Gewissenhaftigkeit durchgeführt werden. Somit bleibt fraglich auch, ob es durch eine öffentliche Kontrolle möglich wäre, einen anderen Zustand herzustellen. Denn, zweitens, was heißt in diesem Zusammenhang „öffentliche Kontrolle“ wenn die Öffentlichkeit ja selbst schon im Zustand der Zurichtung durch eine gesteuerte Wahrnehmung der existierenden Medien sich befindet. Soll das der Rat der Weisen übernehmen? So etwas stellen sie sich vor. Siehe Punkt 14:

„Wir müssen eine gemeinschaftlich kontrollierte, vertikale Autorität aufbauen – und zwar zusätzlich zu verteilten horizontalen Formen der Vergesellschaftung –, damit uns weder ein tyrannischer totalitärer Zentralismus noch eine unberechenbare, neu aufstrebende Ordnung, die sich unserer Kontrolle entzieht, versklaven kann. Das Gebot des Plans muss mit der improvisierten Ordnung des Netzwerks versöhnt werden.“2

Was man sich darunter vorstellen soll? Ein abstraktes Gebilde aus einer sozialen Idee. Letztlich abgehoben, die aber nicht kraft einer Verordnung zu errichten ist.

„Was jetzt nötig ist – was immer schon nötig war – ist eine Ökologie der Organisationen, ein Pluralismus aus Kräften, die fortwährend aufeinander reagieren und sich gegenseitig verstärken.“3

Nur, woher soll dies kommen? Wie könnte das eine Macht entfalten, die der bestehenden entgegengesetzt wäre. Wie kann das in dem totalen Verblendungszusammenhang überhaupt entwicklungsfähig sein. Organisationen neigen dazu, sich zu entnetzen, sie neigen dazu, selbst in Konflikte mit anderen Organisationen zu treten. Sie sind allesamt dazu verdammt, nach vorne zu treten, statt in einen Zusammenhang. Sie neigen dazu, am Ende sich selbst zu zermürben. Nur, wer der Selbstzermürbung widerstände, wäre zur Ökologie in der Lage. Doch in der Zeit, haben anderen längst neue Fakten geschaffen. In der Tat müsste man schneller sein, als der Schatten, der einen überholt. Ich kenne keine Organisation, die dazu in der Lage wäre.

  • 1. #Accelerate – Manifest für eine akzelerationistische Politik, in: Armen Avanessian (Hg.): #Akzeleration, Berlin 2013, S. 35.
  • 2. ebenda, S. 34.
  • 3. a.a.O.

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