Zettelkasten

Erstaunliche Eigenschaften bei Menschen: Beharren

Es gibt eine Fähigkeit, die zur Zeit, wie es scheint, immer stärker ausgeprägt wird:

Das Beharren auf einer einmal gefassten „Meinung“ – solange sie cool genug scheint.

Kann man in den entsprechenden Netzforen anlässlich des Rechtsstreits zwischen YouTube und GEMA vor dem Landgericht München nachlesen. Beharren auf einer Meinung, weil man die so gewohnt ist. Der Mensch als Gewohnheitstier neigt dabei zugleich zur Niederlegung sämtlicher eigener Recherche-Aktivitäten.

Populismus gibt es nämlich in Wirklichkeit gar nicht. Populismus ist die Reflektion der Bequemlichkeit. So auf dem Marktplatz – wo die Meinungen schnell gemacht sind. Und es keinen Sinn ergibt, dagegen aufzurühren, zumal wenn es um existentielle Fragen geht: Also um „Kopf ab“ oder nicht.

„Das Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn, dem man, damit es nicht zu einem Streit kommt, auf ein paar Sätze zustimmt, von denen man weiß, daß sie schließlich auf den Mord hinauslaufen müssen, ist schon ein Stück Verrat; kein Gedanke ist immun gegen seine Kommunikation, und es genügt bereits, ihn an falscher Stelle und in falschem Einverständnis zu sagen, um seine Wahrheit zu unterhöhlen.“1

Dieses „Leben ohne Angst zu haben“ ist heute so wenig wie früher zu bekommen. Aber es ist so schlimm, mitanzusehen wie vermauert manche Menschen sind und wie sie dabei mit sich selbst umgehen. Die Wunderwaffe „Bildung“ ist es nicht, obwohl sie bedrohlich von so vielen Kulturbeflissenen gezogen wird. Es handelt sich nicht um ein Fehler im Denkprozess, darin manifestiert sich das Problem nur, sondern um ein Fehler in der Sensitivität. Um ein Fehler der Sensorik, möglicherweise durch fehlende Zuneigung in allen Lebenslagen.

  • 1. [Band 4: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben: Herr Doktor, das ist schön von Euch. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1667, (vgl. GS 4, S. 26)]

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