Zettelkasten

Ideologie als Wahrheit – Die Vernichtung der Differenzierung

Tier schaut einen an. Foto: Hufner

Wir leben heute in Europa in einem Zeitalter der Extreme, ich hatte es neulich schon mal konstatiert. Zum Extremismus unserer Zeit gehört es, Differenziertheit als Schwäche zu kennzeichnen. Die Dinge müssen auf Schlüsselbegriffe und  -sätze und schließlich -gesetze heruntergebrochen werden. An der Bildungsdebatte der letzten Jahren sieht man es deutlich. Es gibt nur ein entweder oder oder! Bildung wird zwischen Wissen und Kompetenz zerrieben. Ein Beispiel, man kann die Leher/Schüler-Beziehung auf eine Beziehung setzen, die das Gefälle vorschreibt nach schwarz/weiß-Muster. Da das volle Gefäß des Lehrers, der den Schüler befüllt. Oder wie man es gerne heute sieht, als Lernpartner möglichst in Watte gehüllt. Kurz: Bimsen gegen Partnerschaftlichkeit.

Ich denke, damit wird man dem Lernprozess nicht gerecht. Wenn Schönberg von seiner Harmonielehre sagt, er habe sie von seinen Schüler gelernt, ist das nicht einfach so ein Bonmot, um einen tollen Satz zu produzieren. Oh! Sondern am Ende steht eben doch dieses Lehrwerk aus Schönbergs Feder. Er hat es ja nicht nur von seinen Schülern gelernt, sondern auch von sich selbst und von der Beobachtung der Geschichte.

Es ist dabei so simpel: Denn dieses „Wissen“ ist ja keines, was man sich im Supermarkt einfach gegen Gegenleistung abholen könnte. Und dann hat man es drauf. Nach diesem Muster aber sind, scheint mir eben diese Bildungssysteme alle gebaut. Sie proklamieren, dass es machbar ist, Wissen in Regalen mit Kompetenzstrichcode unterzubringen. Am Ende steht die Kasse und die Rechnung wird aufgemacht.

Die Dinge sind ja doch komplexer, man lernt aus vielen Erfahrungen. Die Bildungssysteme wollen dies herunterbrechen auf die nötigen Rezepte: Und der Grund dafür ist eigentlich ein ganz unerklärlicher und auch ekelhafter: Der des Vergleichs, der der Vergleichbarkeit. Und nur um eine Art Chancengleichheit zwischen den Bildungsgefäßen herzustellen. Von der jeder wissen müsste, dass es die nie gegeben hat und auch nicht geben wird. Weil schon die Grundlagen der Gesellschaft nicht auf Uniformität beruhen. Wir sind ja als Gesamtgruppe keine Teilnehmer in einem standardisierten Experiment.

Wie solche Experimente in fast totaler Vollendung aussehen, haben unser Negativ-Utopisten wie Orwell und Samjatin ordentlich beschrieben. Übertragen: Die scheinbare Partnerschaftlichkeit ist in tatsächlich genau das Gegenteil von dem, was sie behauptet. Sie verdeckt das totale Prüfungs- und Gleichschaltungssystem, das dahinter die die Grundlage bildet, um die Partner am Ende als Feinde um beste Abschlüsse gegeneinander antreten zu lassen. Der Lehrer als Partner verschiebt dann den Kampf oben gegen unten auf die Ebene derjenigen, die eigentlich in Solidarität sich üben sollten – die Lernenden. (Übrigens ein Prozess, den man auch in politischen Prozessen immer wieder findet.) Bildung unter dem Leitbild der Entsolidarisierung.

(So viel, so schnell, bevor ich es wieder vergesse.)

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