Zettelkasten

Kultur? Abschaffen! (revisited)

Es ist jetzt 15 Jahre her, da habe ich in der nmz gefordert: Kultur? Abschaffen!

Darin zitiere ich Boris Groys:

Der Medientheoretiker Boris Groys sprach in der Süddeutschen Zeitung vom 15. Mai 1999 sogar von einem „Verrat der Theorie“ und dem Sieg der „Massenkultur“ über die „Hochkultur“. „Die problematische künstlerische Qualität der massenkulturellen Produkte spielt (…) keine Rolle. Die heutige Theorie ist jederzeit bereit zuzugestehen, daß es sich dabei meistens um irgendeinen kulturellen Müll handelt. Aber dieser Müll verbreitet sich überall, schafft neue kommunikative Räume, verbindet und öffnet. Und das genügt der Theorie, um sich für diesen Müll nicht nur zu interessieren, sondern auch zu begeistern“, schreibt Boris Groys.

Im Grunde folge ich dem Gedanken der alten Theorie, dass man überhaupt nix mehr (kulturell) anleiern kann, ohne sich an der Menschheit insgesamt zu vergehen. Kultur verdämlicht. Und zwar sowohl als auch!

Heute hat sich daran nicht viel geändert. Es ist nur alles noch fetter geworden. Hypertropher. Wenn ich mir so die gesammelten Opernpremieren-Kritiken durchlese, die ich seit letztem November "beruflich" lesen darf und muss, geht mir in 80 Prozent der Fälle der Hut hoch vor Wut. Man hat keinen anderen Eindruck, als handele es sich um reine Blasiertheit. Um zünftige Hochkultur für die Upperclass, um ein YouPorn für die Reicheren. Auch die Hochkultur ist ziemlich vermüllt mittlerweile und auch die wird begeistert verteidigt. Blauer Bock mit Sektschnittchen.

Und jetzt der "Die Soldaten"-Hype um Bernd Alois Zimmermann. Dass man vielleicht mal auf die Idee käme, dass dies keine Oper mehr ist, dass sie gar nicht dazu gedacht ist, inszeniert zu werden, wie man überhaupt schlimmstes Ungemach nicht inszenieren kann, ohne es genießerisch und überwältigend zu mildern. Was ist denn eine Atombombe heute noch wert? Das ist doch längst zum mindest im gut situierten Land, wo man das spielen kann, in den Köpfen drin. Der Bombenhagel, die Gehirnfräse.

Und auf der anderen Seite diese Kuschel-Ökonomie der öffentlich-rechtlichen Sender mittlerweile. Da versteckt man sich vor seinem Publikum, indem man zu denken glaubt, dass man es nachahme. Ja, wie? Die Kultur macht es geradewegs so, wie es der alte Sozialismus glaubte, zu schaffen. Man verschanzt sich im Konservatismus, im Gleichen, im Rezeptemixen. Das machen ja auch die Begriffe deutlich: Vom "Denkmal der Tonkunst" wird man heute zum "Kulturträger".

Es wird alles zugerichtet, alles vorgekaut, man verbietet den Werken ihre Existenz, indem man sie "erklärt", "inszeniert". Man verdooft sie (uns) mittlerweile alle und auf allen Seiten. Die wahren Trolle sitzen oben und bestimmen den Takt und wir, dank zahlreicher Vermittlung, üben den Rhythmus.

Dabei wird so viel, so Kluges immer noch gemacht, an den vielen Ecken des Lebens und der Kunst. Aber auch viel Schrott zugleich. Die Kritiker, die da und dort draufkloppen könnten, gibt es allerdings nicht mehr. Sie schreiben heute Philosophien der Musik. Abgehakt. Denn auch die ästhetischen und technischen Hypertrophien sind extrem geworden.

Es gibt immer mehr zu wenig Nichts.

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