Zettelkasten

Menschen als Zweck oder Mittel

Autobahn der Moral. Foto: Hufner

"Bildung wird man heute, da sich jeder gebildet vorkommt und keiner recht weiß, was sie ist, im Ermangelung eines verpflichtenden Bildideals, ironisch abtun. Wenn aber Menschlichkeit eine Haltung und Aufgabe sein soll, die im Klima der industriellen Superlative des Catch-as-catch-can schlecht gedeiht, weil sie kein Bild mehr hat, an dem sie sich orientiert, weder ein christliches noch ein profanes, weder ein religiös fundiertes noch ein ästhetisches, wird sie sich nur durch die Weckung und Pflege jener Qualitäten des Herzens bestätigen und betätigen lassen, die jeder Logik und Institutionalisierung widersprechen. Die außer Kraft setzende Gewalt der Ritterlichkeit gegen den Schwächeren, des Erbarmenes mit der Ohnmacht, den entwaffnenden Vergebens, des Hörens auf den einzelnen bilden Formen der Versöhnung, die das (eine natürliche Mitte entbehrende) Lebewesen Mensch kraft seiner Fähigkeit, auch seiner Zerrissenheit noch Herr zu werden, in seiner Macht hat, im Modus des Verzichts auf sie sich als menschlich zu erweisen."1

Wie kann aus einer Demütigung Humor erwachsen, diese Frage muss man sich schon dann und wann stellen, wenn man auf dieser Schiene seinen Humor aufbaut und den für unhinterfragbar hält. Mit dem - freilich nur sich selbst zugeschriebenen - Begriff des Humors, der die Demütigung anderer voraussetzt, in dem er beispielsweise ihnen die Personalität, Würde und Unverletzlichkeit raubt, wird man schwer etwas anfangen können. Bei einigermaßen instinktsicheren Menschen wird man den gedemütigten Personen beistehen müssen. Je geringer die Gefahr dabei, umso leichter. 

Das Ende vom Lied kannte Adorno:

"Das kulminiert in dem der Wut verwandten schallenden Gelächter, mit dem die Meute den Abweichenden zum Schweigen bringt, einem Verhalten, das, wenn die Bedingungen es gestatten, in die physische Gewalttat umschlägt und dabei noch diese zivilisatorisch rechtfertigt, indem sie sich gebärdet, als wäre alles nur Spaß." 2

Auch die Behauptung, über Geschmack lasse sich streiten, impliziert keineswegs, dass man auch zu Geschmacklosigkeit schweigen müsse. Diese Denkung ist fatal. Und sie wird gänzlich unlustig oder zynisch, wenn sich derjenige zum Opfer stilisiert, der zuvor anderen die menschliche Integrität als Personen versagt hat. 

  • 1. Helmuth Plessner, Das Problem der Unmenschlichkeit, in: ders.: Condition humana, Gesammelte Schriften VIII, S. 336 f.,  Frankfurt am Main 2003.
  • 2. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften Band 8: Soziologische Schriften I: Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute, S. 193.

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